Erwin Kohl: „Die Chance der Newcomer liegt in der Originalität“

Interview mit Erwin Kohl

 

Autor Erwin Kohl Foto: Ralf Lev
Autor Erwin Kohl
Foto: Ralf Lev

Erwin Kohl, geb. 1961, lebt im niederrheinischen Wesel. Seit 2002 schreibt er Kriminalromane. Er ist Mitglied im „Syndikat“, der Vereinigung deutschsprachiger Krimiautorinnen und -Autoren. Seine Bücher erscheinen beim Gmeiner-Verlag, bei Droste und bei Bastei-Lübbe.

Fabelhafte Bücher: Jedes Jahr buhlen im deutschsprachigen Raum weit mehr als 100.000 Bücher in Neuauflage um die Aufmerksamkeit der Leser. Denken Sie über sowas nach, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen?

Nein, überhaupt nicht. Die Zahl muss man auch differenziert betrachten. Darin enthalten sind Sachbücher ebenso wie alle Genres der Belletristik. Oder andersrum: Wirft man einen Blick auf die Regiokrimis seiner unmittelbaren Umgebung, werden die nicht selten von weniger als einer Handvoll Autoren verfasst. Wenn ich ein Buch in Angriff nehme, denke ich einzig und alleine darüber nach, wie ich meinen Lesern die bestmögliche Unterhaltung bieten kann.

Fabelhafte Bücher: Bestsellerlisten wie beispielsweise  die Spiegel-Bestseller-Liste waren immer schon heiß umstritten und doch orientieren sich nun mal viele Menschen an den Lesegewohnheiten anderer Leser. Wie stehen Sie zu solchen Bücherrankings?

Nun ja, es wird immer Menschen geben, die – zum Teil aus Bequemlichkeit – dem Mainstream folgen, das ist kein auf den Büchermarkt beschränktes Phänomen. Bestsellerlisten können oft nur einen recht allgemeinen Geschmack abbilden, dazu kommt, dass Titel durch ihre bloße Existenz auf derlei Listen ihren Status behalten. Aus Sicht des Autors ist nichtsdestotrotz ein Platz auf der Bestsellerliste selbstverständlich erstrebenswert.

Fabelhafte Bücher: Schreibblockaden, Selbstzweifel oder einfach zu viel zu tun: Jeder Autor hat mal Durchhänger. Was ist Ihr Geheimrezept?

Raus in die Natur. Wenn ich auf ein leeres Blatt sehe, wird mir nach wenigen Minuten klar, dass es nichts bringt, meistens, weil andere Dinge im Kopf herumschwirren. Dann setze ich mich aufs Fahrrad oder gehe spazieren. Bei dieser Art des „Brainstormings“ sind schon ganze Romanplots entstanden.

Fabelhafte Bücher: Ob Indieautor oder Verlagsautor – längst wird erwartet, dass Autoren auf ihre Leser zugehen. Lesungen reichen nicht mehr, der Autor sollte möglichst auch im Internet präsent sein. Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für diese Aktivitäten rund ums Buch ein?

Was das Internet betrifft, viel zu wenig. Ich nehme mir vor, das zu ändern, aber es ist immer auch eine Zeitfrage. Ich kenne Kollegen, die sich den halben Tag um den digitalen Kontakt mit der Außenwelt kümmern. Dass Lesungen alleine nicht mehr reichen, stimmt. Aber sie sind immer noch die beste Möglichkeit, sein Produkt vorzustellen.

Fabelhafte Bücher: Wenn Neulinge Sie nach einem Tipp fragen würden: Auf welches Marketinginstrument setzen Sie in erster Linie?

Neben einer Präsenz im Internet nach wie vor auf Lesungen. Aber da gibt es Unterschiede: Die klassische Lesung im Korbsessel einer Buchhandlung ist nicht jedermanns Sache. Ich persönlich bemühe mich immer wieder, Angebote an besonderen Orten oder mit einem ansprechenden Rahmenprogramm anzubieten. So hat über mehrere Romane hinweg eine Schauspielgruppe die Charaktere aus der Geschichte verkörpert, während ich die Übergänge gelesen habe, das kam sehr gut an.

Fabelhafte Bücher: Von welchen Schriftstellern sehen Sie sich in Ihrem eigenen Werk beeinflusst? Wer inspiriert Sie?

Es ist meiner Meinung nach nicht ratsam, sich von Kollegen beeinflussen zu lassen. Jeder sollte seinen ganz persönlichen Stil, frei von Vorbildern, finden. Bei mir geht das so weit, dass ich während der Arbeit an einem Romanprojekt keine Krimis lese.

Fabelhafte Bücher: Wieso werden von den großen Feuilletons, egal ob Spiegel, FAZ, ZEIT oder sonstigen Granden des Literaturbetriebs, immer nur die üblichen Verdächtigen rezensiert, die ohnehin jeder kennt? Wie könnte es gelingen, Newcomer stärker in den Vordergrund zu rücken?

Weil die „üblichen Verdächtigen“ ein höheres (Zeitungs-) Leserinteresse versprechen. Wenn die FAZ ihren Literaturteil mit Lieschen Müller aufmacht, muss sie sich schon ganz schön was einfallen lassen, um das Interesse über die Headline hinaus zu ziehen. Die Chance der Newcomer liegt in der Originalität, sie sollten sich von der Masse abheben, wenngleich selbst damit keine Beachtung garantiert ist.

Fabelhafte Bücher: Nach Ihren Erfahrungen – welche Anfängerfehler würden Sie im Nachhinein vermeiden – was können Sie Neulingen empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben?

Anfänger neigen zu der Annahme, dass ein spannender Plot bei der Konzipierung eines Krimis im Vordergrund steht. Das ging mir nicht anders. Aber so wichtig das auch sein mag, in erster Linie kommt es meiner Meinung nach auf die Figurenzeichnung an. Wenn ich dem Leser eine blasse, wenig authentische Hauptfigur an die Hand gebe, kann die Geschichte noch so spannend sein, er wird die Lust daran verlieren. Und gerade was „Serientäter“ unter den Autoren betrifft, sollte der Entwicklung der Protagonisten, aber auch der Antagonisten höchste Sorgfalt gelten.

Fabelhafte Bücher: Viele Schriftsteller tun sich beim Schreiben von Sex-Szenen ziemlich schwer. Gibt es Themen oder Situationen, bei deren Beschreibung Sie sich schwer tun?

Ich kann nicht realistisch über das Thema Misshandlung schreiben, weil es mich, angefangen bei der Recherche, so sehr beschäftigt, dass es mich in den Schlaf verfolgt. Das tue ich mir nicht mehr an.

Fabelhafte Bücher: Als heikel gelten auch politische Zuschreibungen, etwa Islamkritik oder Kritik an jüdischer Siedlungspolitik um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie gehen Sie mit dem Thema um und welchen Umgang erwarten Sie sich von Autoren  insgesamt zu dem Thema?

Puh … Das ist ein heikles Thema. Der Krimi ist das Genre mit dem größten Bezug zur Realität, also darf er sich auch vor solchen Themen nicht verschließen. Entscheidend ist aus meiner Sicht, dass die Herangehensweise an solche Themen mit größtmöglichem Respekt geschieht. Wobei ich persönlich einen großen Unterschied zwischen Religion und Politik sehe. Man kann sehr wohl kritische Anmerkungen zur israelischen Siedlungspolitik treffen, aber mir würde es im Traum nicht einfallen, einen Menschen aufgrund seines Glaubens zu beurteilen oder gar zu kritisieren.

Fabelhafte Bücher: Wenn Sie schreiben – wie strukturieren Sie Ihren Tag? Schreiben Sie, wenn Sie gerade in Stimmung sind? Oder haben Sie sich feste Zeiten reserviert?

Mein Arbeitstag in der Schreibphase beginnt um neun Uhr. Nach der Erledigung des „Bürokrams“ beginne ich mit dem Schreiben. Im Durchschnitt schreibe ich drei bis vier Stunden täglich, die Wochenenden ausgenommen. Als freier Journalist geht das natürlich nicht immer so planvoll vonstatten, aber ich bemühe mich schon um eine gewisse Struktur.

Fabelhafte Bücher: Bitte verraten Sie uns etwas über Ihr aktuelles Projekt. Wovon soll Ihr nächstes Buch handeln, was können Sie schon verraten?

Ein Berber ertrinkt in einem Baggerloch am Niederrhein. In seiner Wohnung findet man olympische Medaillen, die das Opfer in diversen Schwimmwettbewerben gewonnen hat. Hintergrund der Geschichte sind die Spätfolgen systematischen Dopings. „Verdammt lang tot“ wird am 12. November im Bastei-Lübbe Verlag erscheinen.

Fabelhafte Bücher: Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.


www.erwinkohl.de

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.