Heike Abidi: „Komplexe Gefühle mit einfachen, aber beeindruckenden Worten beschreiben, das ist große Kunst“

Interview mit Heike Abidi

 

(c) Ivonne Ntatis
(c) Ivonne Ntatis

Heike Abidi, Jahrgang 1965, liebt Bücher, seit sie lesen kann. Bevor 2012 ihr erster Unterhaltungsroman erschien, studierte sie Sprachwissenschaften und wurde freiberufliche Werbetexterin. Ihre Bücher erscheinen teilweise auch unter Pseudonymen: Emma Conrad (Krimi), Jana Fuchs (gemeinsam mit Tanja Janz) sowie Maya Seidensticker (ebenfalls mit Tanja Janz). Die Autorin bezeichnet sich selbst als glücklichen, positiv denkenden Menschen – deshalb schreibt sie am liebsten Bücher voller Lebensfreude, um ihre Leser gut zu unterhalten und ihnen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern … Mit Mann, Sohn und Hund lebt Heike Abidi in der Pfalz bei Kaiserslautern.

 

Fabelhafte Bücher: Jedes Jahr buhlen im deutschsprachigen Raum weit mehr als 100.000 Bücher in Neuauflage um die Aufmerksamkeit der Leser. Die „Konkurrenz“ ist also gewaltig. Denken Sie über sowas nach, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen?

Heike Abidi: Die Zahl der Neuerscheinungen ist wirklich riesig, und wenn ich die Buchmesse besuche, bin ich auch jedes Mal völlig überwältigt davon … Das lässt einen die eigenen Bücher aus neuer Perspektive sehen: Während des Schreibprozesses dreht sich für mich alles um das Projekt, aber wenn es dann erscheint, ist es nur eines von sehr, sehr, sehr vielen. Ich sehe andere Titel jedoch nicht als „Konkurrenz“, weil ich ja selbst gerne lese und Bücher liebe, aber natürlich wünsche ich mir, dass meine Neuerscheinungen nicht untergehen. Schließlich schreibe ich nicht aus Langeweile, sondern um gelesen zu werden. Zum Erfolg meiner Bücher kann ich jedoch nur bedingt beitragen. Nämlich dadurch, dass ich beim Schreiben an die Leser denke und versuche, so zu arbeiten, dass sie später möglichst viel Lesefreude haben. Alle anderen Erfolgsfaktoren liegen außerhalb meines Einflussbereiches – etwa die Marketingmaßnahmen des Verlags oder die Platzierung im Buchhandel.

Fabelhafte Bücher: Bestsellerlisten wie beispielsweise die Spiegel-Bestseller-Liste waren immer schon heiß umstritten und doch orientieren sich nun mal viele Menschen an den Lesegewohnheiten anderer Leser. Wie stehen Sie zu solchen Bücherrankings?

Heike Abidi: Als Leserin interessieren mich Bestsellerlisten nicht besonders. Ich habe nur selten ein Buch nur deshalb gelesen, weil es ein gutes Ranking hatte – und wenn, dann war ich meist enttäuscht. Deshalb denke ich, dass man diese Listen nicht überbewerten sollte. Was nicht bedeutet, dass ich traurig wäre, wenn ich eines Tages eines meiner Bücher darauf finden würde.

Fabelhafte Bücher: Schreibblockaden, Selbstzweifel oder einfach zu viel zu tun: Jeder Autor hat mal Durchhänger. Was ist Ihr Geheimrezept?

Heike Abidi: Ich gehöre zur Fraktion der Plotter – das heißt, bevor ich den ersten Satz eines neuen Buches schreibe, steht schon der komplette Inhalt, meist sogar auch schon die Kapitelaufteilung und die detaillierte Planung einzelner Szenen. Dass ich beim Schreiben irgendwann nicht weiß, wie es weitergehen soll, kann bei dieser Methode im Grunde nicht passieren. Aber natürlich gibt es auch mal Durchhänger. Mein Lieblingstrick gegen Selbstzweifel sind „Gilt-noch-nicht-Texte“. Ich stelle die Schriftfarbe um auf Grün und tippe einfach drauflos, ohne Anspruch, dass etwas Gutes dabei herauskommt. Am nächsten Tag überarbeite ich diese vorläufigen Texte dann und nicht selten stelle ich dabei fest, dass ich nur ganz wenig überarbeiten muss. Damit habe ich die Selbstzweifel quasi ausgetrickst.

Fabelhafte Bücher: Ob Indieautor oder Verlagsautor – längst wird erwartet, dass Autoren auf ihre Leser zugehen. Lesungen reichen nicht mehr, der Autor sollte möglichst auch im Internet präsent sein. Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für diese Aktivitäten rund ums Buch ein?

Heike Abidi: Während einer Leserunde kann das teilweise schon zeitintensiv sein, aber das ist ja immer nur eine Phase. Ich bin ganz gut vernetzt und tausche mich mit Leserinnen (meist sind es ja Frauen) und auch Kolleginnen bzw. Kollegen gerne auf Facebook aus. Das läuft bei mir so nebenbei. Wie viel Prozent meiner Zeit das in Anspruch nimmt, könnte ich gar nicht definieren. Wichtig für mich ist, dass es mir nicht zu viel wird – und das tut es zur Zeit nicht.

Fabelhafte Bücher: Wenn Neulinge Sie nach einem Tipp fragen würden: Auf welches Marketinginstrument setzen Sie in erster Linie?

Heike Abidi: Auf Leserunden (z. B. bei LovelyBooks) und Facebook. Nicht zu vergessen die eigene Website.

Fabelhafte Bücher: Von welchen Schriftstellern sehen Sie sich in Ihrem eigenen Werk beeinflusst? Wer inspiriert Sie?

Heike Abidi: Ich habe natürlich Lieblingsschriftsteller, aber könnte nicht sagen, wer mich konkret beeinflusst. Inspiriert werde ich von jedem Buch, das mich fesselt. Was mir dabei wichtig ist, sind Stil und Story. Komplexe Gefühle mit einfachen, aber beeindruckenden Worten beschreiben, das ist große Kunst, die man am besten von richtig guten Kinderbuchautoren lernen kann – allen voran Astrid Lindgren. Und natürlich braucht ein Buch eine tolle Geschichte, jedenfalls für meinen Geschmack. Ich liebe beispielsweise Bücher von Anne Tyler oder Jonathan Tropper, beides grandiose Geschichtenerzähler. Und dann gibt es noch eine weitere Zutat, die aus einem guten Buch ein Lieblingsbuch machen kann: Humor.

Fabelhafte Bücher: Wieso werden von den großen Feuilletons, egal ob Spiegel, FAZ, ZEIT oder sonstigen Granden des Literaturbetriebs, immer nur die üblichen Verdächtigen rezensiert, die ohnehin jeder kennt? Wie könnte es gelingen, Newcomer stärker in den Vordergrund zu rücken?

Heike Abidi: Dazu müsste man Chefredakteur einer der genannten Zeitungen oder Magazine sein. Wäre ich in dieser Position, würde ich sofort eine neue Rubrik mit dem Titel „Geheimtipp“ einrichten und meine Journalisten auf die Jagd nach tollen, aber unbekannten Büchern schicken.

Fabelhafte Bücher: Nach Ihren Erfahrungen – welche Anfängerfehler würden Sie im Nachhinein vermeiden – was können Sie Neulingen empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben?

Heike Abidi: Ich würde auf jeden Fall davon abraten, ein fertiges Manuskript an einen Verlag zu schicken. Stattdessen würde ich Exposé und Leseprobe schreiben und mich mit beidem bei einer Literaturagentur bewerben. Was heißt würde – ich habe es genauso gemacht. Einschließlich des genannten Anfängerfehlers.

Fabelhafte Bücher: Viele Schriftsteller tun sich beim Schreiben von Sex-Szenen ziemlich schwer. Gibt es Themen oder Situationen, bei deren Beschreibung Sie sich schwer tun?

Heike Abidi: Bestimmt hätte ich Probleme damit, Sex-Szenen zu schreiben, wenn ich es denn versuchen würde. Aber das tue ich gar nicht erst, und zum Glück zwingt mich auch keiner dazu.

Fabelhafte Bücher: Als heikel gelten auch politische Zuschreibungen, etwa Islamkritik oder Kritik an jüdischer Siedlungspolitik, um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie gehen Sie mit dem Thema um und welchen Umgang erwarten Sie sich von Autoren insgesamt zu dem Thema?

Heike Abidi: Politische Themen kommen in meinen Büchern eher nicht vor. Höchstens am Rande – zum Beispiel der Aspekt „Leben in Marokko“ im Jugendroman „Marrakesh Nights“. Da wird einer Protagonistin klar, dass ihre Meinung auf Vorurteilen basierte. Oder zum Thema „Frauen und Karriere“, was in meinen Jugendbüchern immer wieder ein bisschen durchschimmert. Meine Heldin in „Close-up“ will etwa bewusst nicht Schauspielerin, sondern Regisseurin werden, was noch immer ein typischer Männerberuf ist. Insgesamt erwarte ich von Autoren, dass sie weder an der Realität vorbeischreiben noch ihre eigenen Überzeugungen verraten. Das gilt auch für Unterhaltungsbücher. Aber es gibt natürlich einen Unterschied zwischen einem politischen Sachbuch oder einem Liebesroman.

Fabelhafte Bücher: Wenn Sie schreiben – wie strukturieren Sie Ihren Tag? Schreiben Sie, wenn Sie gerade in Stimmung sind? Oder haben Sie sich feste Zeiten reserviert?

Heike Abidi: Ich bin nicht nur Autorin, sondern auch Werbetexterin. Auch in diesem Job arbeite ich freiberuflich, das heißt, ich sitze ohnehin von morgens bis abends am Schreibtisch. Dringende Werbetext-Projekte werden zuerst abgearbeitet, danach geht‘s an meinem Manuskript weiter. Oder ich schreibe ein Exposé für ein neues Buch. Oder ich arbeite das Lektorat ein, das vom Verlag zurückgekommen ist. Oder ich beantworte Interviewanfragen. Oder ich plane Lesungen … Das Autorinnendasein bringt viele Aufgaben mit sich, die nur indirekt mit dem Scheiben zu tun haben. Deshalb sitze ich auch oft abends noch an meinen aktuellen Buchprojekten, dann allerdings im Wohnzimmer im Kreis meiner Familie mit dem Laptop auf dem Schoß. Besonders gut in Schreibfluss komme ich übrigens, wenn im Hintergrund Fußball läuft.

Fabelhafte Bücher: Bitte verraten Sie uns etwas über Ihr aktuelles Projekt. Wovon soll Ihr nächstes Buch handeln, was können Sie schon verraten?

Es ist die Fortsetzung meines Jugendbuches „Tatsächlich 13“, das im April 2014 bei Oetinger Taschenbuch erschienen ist, und zwar in der Reihe PINK. Die Protagonistin Henriette hat darin über das Erwachsenwerden, ihre eigene Pubertät und ihr Ziel, einen Freund zu finden, gebloggt. Inzwischen ist Henriette ein Jahr älter (sprich: größer und zickiger) geworden und bloggt noch immer, inzwischen aber vor allem um die Liebe und all die Dramen, die sie so mit sich bringt. Außerdem arbeite ich zusammen mit Anja Koeseling, die zugleich auch meine Agentin ist, an einer Reihe von Anthologien, die wir gemeinsam bei Eden Books herausgeben. Der nächste Band heißt „Vorsicht Schwiegermutter“ und erscheint im April. Der Titel, der im Juni in den Handel kommt, ist so gut wie druckfertig, eine weitere Anthologie folgt im Oktober und ist ebenfalls in Arbeit. Darüber hinaus ist eine Kinderbuchserie für Coppenrath in Arbeit sowie ein neuer Unterhaltungsroman für Droemer.

Fabelhafte Bücher: Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.


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