Ingrid Strobl: „Authentisch bleiben, nichts nachmachen“

Interview mit Ingrid Strobl

 

(c) I. Strobl
(c) I. Strobl

Ingrid Strobl studierte Germanistik und Kunstgeschichte in Innsbruck und Wien, promovierte über Rhetorik im Dritten Reich. Sie erforschte in den 80er und 90er Jahren den Widerstand jüdischer Frauen gegen den Holocaust und die Besatzungsmacht. Sie war als freiberufliche Journalistin beim österreichischen ORF tätig sowie als Redakteurin bei der Zeitschrift Emma. Seit 1986 ist sie als freie Autorin tätig.

 

Fabelhafte Bücher: Jedes Jahr buhlen im deutschsprachigen Raum weit mehr als 100.000 Bücher in Neuauflage um die Aufmerksamkeit der Leser. Die „Konkurrenz“ ist also gewaltig. Denken Sie über sowas nach, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen?

Nein! Wenn ich schreibe, denke ich überhaupt nicht an Verwertung, möglichen Erfolg oder ähnliches. Ich schreibe. Und das, was ich schreibe, muss für mich stimmig sein. Alles andere existiert dann erst mal nicht.

Fabelhafte Bücher: Bestsellerlisten wie beispielsweise die Spiegel-Bestseller-Liste waren immer schon heiß umstritten und doch orientieren sich nun mal viele Menschen an den Lesegewohnheiten anderer Leser. Wie stehen Sie zu solchen Bücherrankings?

Ich staune manchmal, welche Bücher da an Spitzenplätzen auftauchen. Aber ich mache mir keine großen Gedanken darum. Und ich nehme solche Rankings auch nicht als Empfehlung. Da frage ich lieber Freundinnen und Freunde. Und meine/n Buchhändler/in.

Fabelhafte Bücher: Schreibblockaden, Selbstzweifel oder einfach zu viel zu tun: Jeder Autor hat mal Durchhänger. Was ist Ihr Geheimrezept?

Ich habe eher das Problem „zu viel zu tun“. Inzwischen habe ich gelernt: Wenn ich an Tagen, an denen ich sehr viel anderes machen muss, versuche, mir auch noch ein paar Minuten zum (literarischen) Schreiben abzuknapsen, klappt das nicht. Wenn ich mich aber morgens als erstes an den Roman setze und konzentriert arbeite, dann geht es gut. Und ich muss halt möglicherweise am Abend länger am Schreibtisch sitzen, um meine Hörfunk-Arbeit zu machen.

Fabelhafte Bücher: Ob Indieautor oder Verlagsautor – längst wird erwartet, dass Autoren auf ihre Leser zugehen. Lesungen reichen nicht mehr, der Autor sollte möglichst auch im Internet präsent sein. Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für diese Aktivitäten rund ums Buch ein?

Weniger, als ich vermutlich sollte…

Fabelhafte Bücher: Wenn Neulinge Sie nach einem Tipp fragen würden: Auf welches Marketinginstrument setzen Sie in erster Linie?

Solche Tipps habe ich leider nicht. Ich habe bis heute nicht herausgefunden, warum sich ein Buch gut verkauft, und ein anderes nicht so gut. Wünschen würde ich mir allerdings, dass die Verlage sich auch um das Marketing von Büchern kümmern, von denen sie (warum auch immer) annehmen, sie würden keine Bestseller.

Fabelhafte Bücher: Von welchen Schriftstellern sehen Sie sich in Ihrem eigenen Werk beeinflusst? Wer inspiriert Sie?

Da bin ich sehr „altmodisch“. Ich schätze Virginia Woolf, Ingeborg Bachmann, Kafka, Colerige, Dante, Diane di Prima… Schreibe selbst ganz anders, aber sie inspirieren mich immer wieder.

Fabelhafte Bücher: Nach Ihren Erfahrungen – welche Anfängerfehler würden Sie im Nachhinein vermeiden – was können Sie Neulingen empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben?

„Kunst ist schön. Macht aber viel Arbeit.“ Sie sollen schreiben. Sie sollen immer wieder nach dem adäquaten Ausdruck suchen für das, was sie zum Ausdruck bringen wollen. Sie sollen schreiben, und umschreiben und nochmal umschreiben… Hohe Ansprüche an sich stellen. Sich selbst nicht so wichtig nehmen. Das Geschriebene immer wieder kritisch lesen. Authentisch bleiben, nichts nachmachen.

Fabelhafte Bücher: Viele Schriftsteller tun sich beim Schreiben von Sex-Szenen ziemlich schwer. Gibt es Themen oder Situationen, bei deren Beschreibung Sie sich schwer tun?

Noch nicht…

Fabelhafte Bücher: Als heikel gelten auch politische Zuschreibungen, etwa Islamkritik oder Kritik an jüdischer Siedlungspolitik um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie gehen Sie mit dem Thema um und welchen Umgang erwarten Sie sich von Autoren insgesamt zu dem Thema?

Man sollte nur zu Themen schreiben, von denen man wirklich Ahnung hat und nicht nur Informationen aus den Medien. Dann schreibt man (fast) immer halbwegs differenziert. Und verkündet keine wie auch immer gearteten Glaubenswahrheiten.

Fabelhafte Bücher: Wenn Sie schreiben – wie strukturieren Sie Ihren Tag? Schreiben Sie, wenn Sie gerade in Stimmung sind? Oder haben Sie sich feste Zeiten reserviert?

Weder noch. Ich versuche, mir Zeit für das rein literarische Schreiben frei zu schaufeln. Und in der Endphase von der anderen (Schreib)Arbeit „Urlaub“ zu nehmen, um mich ganz auf – zum Beispiel – den Roman zu konzentrieren. Da ich hauptberuflich schreibe, als Buch- und Hörfunkautorin, ist das manchmal schwierig.

Fabelhafte Bücher: Bitte verraten Sie uns etwas über Ihr aktuelles Projekt. Wovon soll Ihr nächstes Buch handeln, was können Sie schon verraten?

Der Roman, an dem ich gerade „sitze“, entstand in mir, als ich meinen Vater im Sterben begleitete. Er handelt viel von ihm. Von sozialem Aufstieg. Von moralischem Widerstand. Und von einer Jugend in den Sechzigerjahren.

Fabelhafte Bücher: Mit bedanken uns herzlich für das Gespräch.


Ingrid Strobl im www

 

 

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