Jan Stressenreuter: „Jeder Mensch mag Hitlisten“

Interview mit Jan Stressenreuter

 

(c) Gernot Schubert
(c) Gernot Schubert

Jan Stressenreuter, geb. 1961 in Kassel, aufgewachsen in der Nähe von Düsseldorf lebt mit seinem Mann in Köln. Bisher erschienen: Love to Love You, Baby (2002), Ihn halten, wenn er fällt (2004), Und dann der Himmel (2006), Mit seinen Augen (2008), Wie Jakob die Zeit verlor (2013), Haus voller Wolken (2015), alle im Querverlag, Berlin. In der Reihe quer criminal erschienen bisher drei Kriminalromane um die Kommissare Maria Plasberg und Torsten Brinkhoff: Aus Rache (2009), Aus Angst (2010) und Aus Wut (2011).

 

Fabelhafte Bücher: Jedes Jahr buhlen im deutschsprachigen Raum weit mehr als 100.000 Bücher in Neuauflage um die Aufmerksamkeit der Leser. Die „Konkurrenz“ ist also gewaltig. Denken Sie über sowas nach, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen?

Nein, nie. Wenn ich mit einem neuen Projekt beginne, dann muss die Geschichte raus auf meinem Kopf und auf Papier, alles andere ist erst mal zweitrangig. Natürlich habe ich mich aber vorher bei meinem Verleger rückversichert, dass er die Geschichte interessant findet und für publikumstauglich hält. Glücklicherweise gehöre ich in meinem Genre (schwule Romane und Krimis) mit zu den erfolgreichsten Autoren im deutschsprachigen Raum, sodass ich mir meine Leserschaft nicht erst erkämpfen muss.

Fabelhafte Bücher: Bestsellerlisten wie beispielsweise die Spiegel-Bestseller-Liste waren immer schon heiß umstritten und doch orientieren sich nun mal viele Menschen an den Lesegewohnheiten anderer Leser. Wie stehen Sie zu solchen Bücherrankings?

Jeder Mensch mag Hitlisten, ob sie nun die Kinocharts abbilden, die bestverkauften Songs oder die meist gelesenen Bücher. Das ist auch völlig in Ordnung. Man sollte sich nur vergegenwärtigen, dass Verkaufserfolg nicht immer mit Qualität gleichzusetzen ist. Abgesehen davon gibt es in den Printmedien und im Internet noch jede Menge andere Möglichkeiten, sich nach Büchern umzuschauen, die dem persönlichen Geschmack am nächsten kommen.

Fabelhafte Bücher: Schreibblockaden, Selbstzweifel oder einfach zu viel zu tun: Jeder Autor hat mal Durchhänger. Was ist Ihr Geheimrezept?

Disziplin. Ich habe feste Schreibzeiten, die ich mir durch nichts nehmen lasse und die auch nur im Urlaub oder wenn ich auf Lesereise bin, nicht eingehalten werden. Ansonsten – wenn der Kopf blockiert ist: Putzen und dabei Abba hören! Da kommt man auf andere Gedanken und der Knoten platzt dann ziemlich schnell. (Und man hat den positiven Nebeneffekt einer sauberen Wohnung.)

Fabelhafte Bücher: Ob Indieautor oder Verlagsautor – längst wird erwartet, dass Autoren auf ihre Leser zugehen. Lesungen reichen nicht mehr, der Autor sollte möglichst auch im Internet präsent sein. Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für diese Aktivitäten rund ums Buch ein?

Ich habe eine Website, die auf Lesungen und Buchveröffentlichungen hinweist und bin dort auch per E-Mail zu erreichen. Außerdem habe ich ein Facebook-Profil, auf dem ich ca. 1 x pro Woche ein paar Neuigkeiten oder Fotos poste. Dort findet auch ein unkomplizierter und reger Austausch mit Lesern statt. Ob ich mich mit Twitter beschäftige, weiß ich noch nicht.

Fabelhafte Bücher: Von welchen Schriftstellern sehen Sie sich in Ihrem eigenen Werk beeinflusst? Wer inspiriert Sie?

Ich bin vor allen Dingen beeinflusst von anglo-amerikanischen Autoren wie John Irving und David Sedaris, denen es perfekt gelingt, Drama und Humor miteinander zu verknüpfen. Aber auch Autorinnen wie Margaret Atwood und Doris Lessing bewundere ich sehr. Was ich außerdem an der britisch-amerikanischen Literaturszene schätze, ist der hohe Stellenwert, dem dort gut gemachte Unterhaltungsliteratur eingeräumt wird. Manchmal habe ich den Eindruck, im deutschsprachigen Raum wird man nur ernst genommen, wenn man sich mit „ schweren“ Themen wir der Nazi-Diktatur oder dem SED-Regime auseinandersetzt. Diese deutsche Betulichkeit finde ich ziemlich absurd.

Fabelhafte Bücher: Wieso werden von den großen Feuilletons, egal ob Spiegel, FAZ, ZEIT oder sonstigen Granden des Literaturbetriebs, immer nur die üblichen Verdächtigen rezensiert, die ohnehin jeder kennt? Wie könnte es gelingen, Newcomer stärker in den Vordergrund zu rücken?

Noch eine Frage, auf die ich keine wirkliche Antwort weiß. Das sollten Marketing-Experten in den Verlagshäusern oder Journalisten besser beantworten können. Ich als Schriftsteller liefere nur das Rohmaterial. Für die Vermarktung sind andere verantwortlich – zum Glück.

Fabelhafte Bücher: Nach Ihren Erfahrungen – welche Anfängerfehler würden Sie im Nachhinein vermeiden – was können Sie Neulingen empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben?

Zu allererst muss es einem wichtig sein, eine gute Geschichte zu Papier zu bringen. Dieser Drang muss eigentlich fast übermächtig sein, denn ansonsten wird man das Mammutunternehmen namens Romanschreiben nicht durchstehen und auf halbem Wege aufgeben. Anerkennung, Ruhm und Reichtum sollten einem egal sein, denn nur in den seltensten Fällen gelingt es einem Autor, auch nur eines davon zu erreichen. Und ansonsten kann ich nur empfehlen: Hinsetzen, anfangen und jede Hürde einzeln nehmen. Es gibt kein Geheimrezept, wie man am besten eine Geschichte aufschreibt. Manche Autoren schwören auf ein bis ins kleinste Details ausgearbeitetes Exposé, andere lassen sich lieber treiben. Was besser zu einem passt, musss man selber ausprobieren. Oh ja, eines ist ganz wichtig: Man sollte immer ein paar gute Freunde zur Hand haben und ihnen hin und wieder ein paar Manuskriptseiten zu lesen geben. Wenn es wirkliche Freund sind, dann sind sie auch bereit, ehrliche Kritik zu üben – und die ist wichtig, denn nur ehrliche Kritiker sagen, ob man wirklich Talent zum Schreiben hat oder ob man das Schreiben doch lieber als Hobby für die eigene Schublade betreiben sollte.

Fabelhafte Bücher: Viele Schriftsteller tun sich beim Schreiben von Sex-Szenen ziemlich schwer. Gibt es Themen oder Situationen, bei deren Beschreibung Sie sich schwer tun?

Herausfordernd kann es sein, über Dinge zu schreiben, die außerhalb des eigenen Erfahrungshorizonts liegen. Aber mit der Zeit habe ich gemerkt, dass man sich durch intensive Beschäftigung mit einem Thema, durch Interviews oder lesen sehr gut in das Unbekannte einarbeiten kann.Wenn man genug Fantasie oder, besser gesagt, Vorstellungsvermögen hat – und daran mangelt es Schriftstellern meist nicht – kann eigentlich alles gelingen.

Fabelhafte Bücher: Als heikel gelten auch politische Zuschreibungen, etwa Islamkritik oder Kritik an jüdischer Siedlungspolitik um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie gehen Sie mit dem Thema um und welchen Umgang erwarten Sie sich von Autoren insgesamt zu dem Thema?

In diesem Fall gilt für Schriftsteller das gleiche wie für Karikaturisten: Sie dürfen alles und sie müssen alles dürfen – alles andere wäre der Tod der Meinungsfreiheit.

Fabelhafte Bücher: Wenn Sie schreiben – wie strukturieren Sie Ihren Tag? Schreiben Sie, wenn Sie gerade in Stimmung sind? Oder haben Sie sich feste Zeiten reserviert?

Wie schon erwähnt habe ich feste Zeiten, an denen ich schreibe und von denen ich auch nicht abweiche. Grundsätzlich gilt: Vormittags schreiben, Nachmittags Haushalt und Abends Freizeit.

Fabelhafte Bücher: Bitte verraten Sie uns etwas über Ihr aktuelles Projekt. Wovon soll Ihr nächstes Buch handeln, was können Sie schon verraten?

Gerade ist mein neuer Roman „Haus voller Wolken“ erschienen, der sich mit dem Thema Alzheimer und schwule Männer beschäftigt. Da ich vor einigen Jahren eine recht erfolgreiche Krimiserie um die Kölner Kommissare Maria Plasberg und Torsten Brinkhoff begonnen habe, wird mein nächstes Projekt mal wieder ein Krimi sein.

Fabelhafte Bücher: Mit bedanken uns herzlich für das Gespräch.


Jan Stressenreuter im www

Facebook/Jan Stressenreuter
www.stressenreuter.de

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