Katja Brandis: „Das Feuilleton wird immer elitär bleiben“

Interview mit Katja Brandis

 

(c) Erol Gurian
(c) Erol Gurian

Katja Brandis, Jahrgang 1970, begann schon als Kind zu schreiben, oft Geschichten, die in fernen Welten spielten. Sie studierte Amerikanistik und Anglistik und arbeitete danach als Journalistin und Lektorin, bis sie ihren Traum wahrmachen und sich als Autorin selbständig machen konnte. Bekannt ist sie für ihre erfolgreichen All-Age-Romane wie „Ruf der Tiefe“, „Vulkanjäger“ sowie „Und keiner wird dich kennen“. Später erschien von ihr unter dem Pseudonym Siri Lindberg der High-Fantasy-Roman „Nachtlilien“. Katja Brandis lebt mit Mann, Sohn und drei Katzen in der Nähe von München.

 

Fabelhafte Bücher: Jedes Jahr buhlen im deutschsprachigen Raum weit mehr als 100.000 Bücher in Neuauflage um die Aufmerksamkeit der Leser. Die „Konkurrenz“ ist also gewaltig. Denken Sie über sowas nach, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen?

Ja, ich denke darüber nach, warum jemand ausgerechnet mein Buch lesen sollte … und merke manchmal schon an der Reaktion von Freunden, denen ich den Plot erzähle, ob das Thema gut ankommt oder nicht. Entscheidend ist aber, ob mich eine Geschichte, eine Figur oder ein Thema so packt, dass ich nicht anders kann, als dieses Buch zu schreiben.

Fabelhafte Bücher: Bestsellerlisten wie beispielsweise die Spiegel-Bestseller-Liste waren immer schon heiß umstritten und doch orientieren sich nun mal viele Menschen an den Lesegewohnheiten anderer Leser. Wie stehen Sie zu solchen Bücherrankings?

Welcher Autor wünscht sich nicht, darin aufzutauchen? Doch wenn ein Buch auf der Bestsellerliste steht, dann habe ich schon fast keine Lust mehr, reinzulesen. Ich entdecke lieber etwas, was noch nicht jeder kennt. Zum Glück gibt es noch ein paar Leute, denen es ebenso geht, und ich freue mich immer, wenn ich jemanden sehe, der in der U- oder S-Bahn nicht einen der gängigen Bestseller in den Händen hält, sondern ein anderes und vielleicht ungewöhnliches Buch. Da werde ich gleich neugierig auf das Buch und dessen Leser.

Fabelhafte Bücher: Schreibblockaden, Selbstzweifel oder einfach zu viel zu tun: Jeder Autor hat mal Durchhänger. Was ist Ihr Geheimrezept?

Bei kleinen Durchhängern gehe ich in den Wald – während ich mich entspannt bewege, arbeitet mein Hirn unterschwellig an Plot und Figuren weiter und kommt oft zu Lösungen, auf die ich verbissen auf den Bildschirm starrend nie gekommen wäre. Bei größeren Zweifeln am Buch vertraue ich auf mein Bauchgefühl und gehe zurück in die Planung, um herauszufinden, was an der ganzen Sache noch nicht stimmt. Aber Selbstzweifel, die gehören für jeden Autor und jede Autorin dazu, die wird man nicht los. Meist schaffe ich, sie zu ignorieren und weiterzuschreiben.

Fabelhafte Bücher: Ob Indieautor oder Verlagsautor – längst wird erwartet, dass Autoren auf ihre Leser zugehen. Lesungen reichen nicht mehr, der Autor sollte möglichst auch im Internet präsent sein. Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für diese Aktivitäten rund ums Buch ein?

Etwa eine halbe Stunde pro Tag – dazu gehört, dass ich Lesermails, Autogrammwünsche und Praktikumsanfragen beantworte, meine Websites aktualisiere und hin und wieder etwas auf Facebook poste. Facebook kostet am meisten Zeit, weil man ab und zu schauen mag, wieviel Likes das neuste Posting hat, und auf Kommentare reagiert. Das reißt mich jedesmal aus dem Schreibfluss. Wenn ich merke, dass mein Tag auf diese Art zerfasert, raste ich kurz aus und bringe den WLAN-Stick bis zum Ende des Arbeitstages in den Keller. Lesungen dagegen liebe ich, ich halte ca. 60-70 pro Jahr. Aber die sind keine reine Promotion, sondern tragen auch zu einem guten Teil meines Jahreseinkommens bei.

Fabelhafte Bücher: Wenn Neulinge Sie nach einem Tipp fragen würden: Auf welches Marketinginstrument setzen Sie in erster Linie?

Am besten funktionieren Lesungen – wer einen Autor live erlebt hat, vergisst seinen Namen nicht so schnell und schaut neugierig nach neuen Veröffentlichungen. An zweiter Stelle die Vernetzung mit Lesern und Kollegen, zum Beispiel durch Leserunden oder andere Aktivitäten, an denen man sich beteiligt. Wenn man sich eine gute Basis von „Freunden“ aufgebaut hat, wird Facebook ebenfalls wichtig.

Fabelhafte Bücher: Von welchen Schriftstellern sehen Sie sich in Ihrem eigenen Werk beeinflusst? Wer inspiriert Sie?

Oh, da gibt es viele, ich lerne von jedem guten Buch etwas – und von den schlechten noch viel mehr, weil man an denen sieht, wie man es nicht machen sollte. Aktuell inspiriert mich die Kollegin E.L. Greiff, gerade habe ich die ersten beiden Bücher ihrer großartigen „Zwölf Wasser“-Trilogie gelesen und freue mich schon auf den dritten Band, der bald erscheint.

Fabelhafte Bücher: Wieso werden von den großen Feuilletons, egal ob Spiegel, FAZ, ZEIT oder sonstigen Granden des Literaturbetriebs, immer nur die üblichen Verdächtigen rezensiert, die ohnehin jeder kennt? Wie könnte es gelingen, Newcomer stärker in den Vordergrund zu rücken?

Das Feuilleton wird immer elitär bleiben, da wird sich nichts ändern. Bei Bloggern im Internet hat man als Newcomer eher eine Chance, wahrgenommen zu werden, und viele dieser Blogs haben – wie auch Ihrer – eine ganze Reihe von Fans. Eine gute Sache finde ich Qindie, eine Initiative für qualitativ hochwertige Indie-Literatur, bei der habe ich auch schon einige meiner vergriffenen Titel neu als E-Books herausgebracht.

Fabelhafte Bücher: Nach Ihren Erfahrungen – welche Anfängerfehler würden Sie im Nachhinein vermeiden – was können Sie Neulingen empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben?

Ganz wichtig ist, erstmal loszulegen. Denn wer nicht anfängt, wird das Buch auch nie fertigbekommen. Die erste Fassung am besten hemmungslos und spaßorientiert aufschreiben, damit man sich nicht blockiert. Danach kann und muss es bei der Überarbeitung ans Eingemachte gehen. Sehr hilfreich ist, ein Exposé zu schreiben, damit einem der Plot klar vor Augen steht, und die Figuren gründlich zu charakterisieren. Wie das geht, verraten Autorenratgeber.

Fabelhafte Bücher: Viele Schriftsteller tun sich beim Schreiben von Sex-Szenen ziemlich schwer. Gibt es Themen oder Situationen, bei deren Beschreibung Sie sich schwer tun?

Sex-Szenen sind irre schwer, ich stecke jedesmal sehr viel Zeit hinein, um genau den richtigen Ton zu treffen. Peinlich sollte es ja möglichst auch nicht sein. Ich persönlich musste auch erst lernen, Kampfszenen zu schreiben. Manche Schwertkampf Szenen in meiner „Kampf um Daresh“-Trilogie zum Beispiel sind noch nicht das wahre. In meiner zweiten Trilogie „Feuerblüte“ finde ich sie schon eine ganze Ecke besser.

Fabelhafte Bücher: Als heikel gelten auch politische Zuschreibungen, etwa Islamkritik oder Kritik an jüdischer Siedlungspolitik um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie gehen Sie mit dem Thema um und welchen Umgang erwarten Sie sich von Autoren insgesamt zu dem Thema?

Provokation ist notwendig, sonst gibt es keine Debatten. Und ich respektiere mutige Kollegen, die sagen, was sie denken und was vielleicht gesagt werden muss. Aber manche Provokation dürfte auch kalkuliert sein, um sich ins Gespräch zu bringen. Ich weiß noch ziemlich genau, was mir mein Chef während meines Volontariats in einem Sachbuch-Verlag gesagt hat, als es um ein bestimmtes Projekt ging: „Ausgewogene Bücher ziehen nicht – kann der Autor auch eine starke These oder Meinung vertreten? Das verkauft sich viel besser.“

Fabelhafte Bücher: Wenn Sie schreiben – wie strukturieren Sie Ihren Tag? Schreiben Sie, wenn Sie gerade in Stimmung sind? Oder haben Sie sich feste Zeiten reserviert?

Ich arbeite von 7.30 bis 14.30 – diese klare Struktur ergibt sich aus der Zeit, in der mein Sohn in der Schule ist. Es ist manchmal nicht leicht, um halb drei den Computer auszuschalten. Aber es hilft, wenn man denjenigen liebt, für den man es tut 🙂

Fabelhafte Bücher: Bitte verraten Sie uns etwas über Ihr aktuelles Projekt. Wovon soll Ihr nächstes Buch handeln, was können Sie schon verraten?

Wenn ich Ihnen etwas über mein nächstes Projekt verrate, bringt mein Verleger mich um! Aber ich kann Ihnen etwas über das „Floaters – Im Sog des Meeres“ sagen, das jetzt im März 2015 bei Beltz & Gelberg erscheint – ein All-Age-Thriller über den Großen Pazifischen Müllstrudel (den gibt´s heute schon). Das Jahr 2030: Im Pazifik treibt ein gigantischer Teppich aus Plastikmüll. Der Umweltaktivist und Milliardär Benjamin Lesser will das Meer säubern und den Müllstrudel recyceln. Mit an Bord seines Spezialschiffes sind die Zwillinge Danilo und Malika. Doch Müll-Piraten und „Floaters“ haben längst begonnen, die Abfälle auszubeuten, sie verteidigen erbittert ihr Revier. Und mitten auf dem Pazifik trifft Malika einen Jungen, dem sie nie hätte begegnen dürfen …

Fabelhafte Bücher: Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.

 


Katja Brandis im www

 

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