Klaus-Peter Wolf: „Wem soll ich denn sonst verpflichtet sein, wenn nicht meinen Lesern?“

Interview mit Klaus-Peter Wolf

 

Foto: Monika Schillinger
Foto: Monika Schillinger

Klaus-Peter Wolf, 1954 in Gelsenkirchen geboren, lebt als freier Schriftsteller in der ostfriesischen Stadt Norden, im gleichen Viertel wie seine Kommissarin Ann Kathrin Klaasen. Wie sie ist er nach langen Jahren im Ruhrgebiet, im Westerwald und in Köln, an die Küste gezogen und Wahl-Ostfriese geworden. Seine Bücher und Filme wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Bislang sind seine Bücher in 24 Sprachen übersetzt und über zehn Millionen Mal verkauft. worden. Mehr als 60 seiner Drehbücher wurden verfilmt, darunter viele für »Tatort« und »Polizeiruf 110«. Sein Roman »Ostfriesensünde« wurde von den Lesern der ›Krimi-Couch‹ zum »Besten Kriminalroman des Jahres 2010« gewählt.

»Ostfriesenangst« und »Ostfriesenmoor « standen wochenlang unter den TOP TEN auf der Spiegel-Bestsellerliste, dem achten Band, »Ostfriesenfeuer« und dem neunten, »Ostfriesenwut« gelang auf Anhieb der Sprung auf Platz 1.

 

Fabelhafte Bücher: Jedes Jahr buhlen im deutschsprachigen Raum weit mehr als 100.000 Bücher in Neuauflage um die Aufmerksamkeit der Leser. Die „Konkurrenz“ ist also gewaltig. Denken Sie über sowas nach, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen?

Wenn ich ein neues Buch schreibe, bin ich in meinen Figuren. Ich erzähle die Welt aus der Sicht des Täters oder der Sicht des Opfers, werde zu Rupert oder Ann Kathrin Klaasen und die beschäftigen sich mit solchen Fragen überhaupt nicht. Ich denke beim Schreiben nicht an Vermarktung oder Übersetzung, sondern an die Geschichte, die ich erzählen will.

Fabelhafte Bücher: Bestsellerlisten wie beispielsweise die Spiegel-Bestseller-Liste waren immer schon heiß umstritten und doch orientieren sich nun mal viele Menschen an den Lesegewohnheiten anderer Leser. Wie stehen Sie zu solchen Bücherrankings?

Foto: Monika Schillinger
Foto: Monika Schillinger

Während ich diese Frage beantworte, steht mein Roman „Ostfriesenwut“ seit zwei Wochen auf Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste, ist also zurzeit das meistverkaufte und –gelesene Buch. Die Entscheidung, welches Buch auf die Liste kommt, fällt an der Kasse der Buchhandlungen. Es geht hier nach realen Verkäufen. Um auf Platz 1 zu kommen, wurden in meinem Fall 120.000 Exemplare innerhalb von drei Tagen verkauft. Mir erscheinen reale Bestsellerlisten, die nach wirklichen Umsätzen zusammengestellt werden, wesentlich wichtiger als die „Bestenlisten“, die von Kritikern nach deren Gutdünken erstellt werden. Denn da menschelt es sehr, da geht es dann doch oft darum, wer sich von wem welchen Vorteil verspricht, wer wen wo reinboxen kann, wer wessen Gunst unbedingt braucht – ach, dieses ganze Intrigenspiel, daran habe ich nie teilgenommen. Am Ende fällt der Leser die Entscheidung. Welch ein Glück!

Fabelhafte Bücher: Schreibblockaden, Selbstzweifel oder einfach zu viel zu tun: Jeder Autor hat mal Durchhänger. Was ist Ihr Geheimrezept?

Ja, ich kenne viele Kollegen, die völlig verzweifelt sind und die in ihrer Arbeit mit weiterkommen. Das künstlerische Scheitern ist ja oft verbunden mit einem persönlichen Scheitern, weil der Autor im Roman an eine Stelle kommt, die auch im Leben noch nicht bearbeitet ist und einen schwarzen Fleck bildet. Geheimrezepte gibt es hier nicht. Drogen helfen nicht, Gespräche mit Kollegen möglicherweise.

Fabelhafte Bücher: Ob Indieautor oder Verlagsautor – längst wird erwartet, dass Autoren auf ihre Leser zugehen. Lesungen reichen nicht mehr, der Autor sollte möglichst auch im Internet präsent sein. Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für diese Aktivitäten rund ums Buch ein?

Komisch, dass Autoren sich von ihren Verlagen dazu genötigt sehen, auf ihre Leser zuzugehen. Wenn der Autor sich nicht für seine Leser interessiert, warum sollen sie sich dann für ihn interessieren?
In Spitzenzeiten, wenn ein neuer Roman erschienen ist, erreichen mich täglich 250 bis 300 Leserbriefe – ich sage immer noch Briefe, aber es sind natürlich E-Mails – oder Anfragen über Facebook. Und ja, ich setze mich damit auseinander. Wem soll ich denn sonst verpflichtet sein, wenn nicht meinen Lesern?

Fabelhafte Bücher: Wenn Neulinge Sie nach einem Tipp fragen würden: Auf welches Marketinginstrument setzen Sie in erster Linie?

Nehmt eure Leser ernst! Sie sind alles, was ihr habt. Schreibt nicht, um eurer Mama zu gefallen oder eurem Deutschlehrer. Schreibt, weil ihr etwas zu sagen habt und eine Geschichte erzählen wollt.

Fabelhafte Bücher: Von welchen Schriftstellern sehen Sie sich in Ihrem eigenen Werk beeinflusst? Wer inspiriert Sie?

Ich bin bei den alten Ruhrgebietsschriftstellern groß geworden. Da gab es ein Wort: Wer schreibt sich als Erstes frei? Tagsüber haben die ja unter Tage im Bergwerk gearbeitet. Einigen wenigen ist es gelungen, sich freizuschreiben, zum Beispiel meinem Freund Max von der Grün. Ich habe bei denen gelernt. Sie sind meine Meister.

Fabelhafte Bücher: Wieso werden von den großen Feuilletons, egal ob Spiegel, FAZ, ZEIT oder sonstigen Granden des Literaturbetriebs, immer nur die üblichen Verdächtigen rezensiert, die ohnehin jeder kennt? Wie könnte es gelingen, Newcomer stärker in den Vordergrund zu rücken?

Keine Ahnung. Ich wurde von denen ja jahrzehntelang ignoriert. Trotzdem habe ich mehr als 10 Millionen Bücher verkauft. Vielleicht ist es ja falsch, immer da hin zu schielen und darauf zu gucken, was die denn sagen. Das kommt mir ein bisschen so vor wie das kleine Kind, das immer schreit: „Mama, guck mal, Mama guck mal“, und Mama guckt nicht.

Fabelhafte Bücher: Nach Ihren Erfahrungen – welche Anfängerfehler würden Sie im Nachhinein vermeiden – was können Sie Neulingen empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben?

Stürzt euch ins Leben! Macht Erfahrungen! Riskiert was! Spürt den Schmerz …

Fabelhafte Bücher: Viele Schriftsteller tun sich beim Schreiben von Sex-Szenen ziemlich schwer. Gibt es Themen oder Situationen, bei deren Beschreibung Sie sich schwer tun?

Das Schreiben ist für mich eine große Freude und Leidenschaft. Ich tu mich dabei nicht schwer. Im Gegenteil. Ich erlebe Glücksmomente. Und das ohne jede Droge.

Fabelhafte Bücher: Als heikel gelten auch politische Zuschreibungen, etwa Islamkritik oder Kritik an jüdischer Siedlungspolitik um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie gehen Sie mit dem Thema um und welchen Umgang erwarten Sie sich von Autoren insgesamt zu dem Thema?

Ich befasse mich mit den Themen, die mich umtreiben und angehen. Ich lasse sie mir nicht von außen aufdrücken.

Fabelhafte Bücher: Wenn Sie schreiben – wie strukturieren Sie Ihren Tag? Schreiben Sie, wenn Sie gerade in Stimmung sind? Oder haben Sie sich feste Zeiten reserviert?

Ich schreibe, wann immer ich kann. Da ich ausgedehnte Lesereisen mache, oft im Zug, manchmal nach Veranstaltungen nachts im Hotelzimmer, fast bis zum frühen Morgen, bevor es Frühstück gibt.

Fabelhafte Bücher: Bitte verraten Sie uns etwas über Ihr aktuelles Projekt. Wovon soll Ihr nächstes Buch handeln, was können Sie schon verraten?

Ich arbeite am 10. Roman meiner Ostfriesenkrimireihe. Er wird „Ostfriesenschwur“ heißen und eine harte Auseinandersetzung mit Fragen nach Gut und Böse, Richtig und Falsch sein. Ich bin gerade mitten drin.

Fabelhafte Bücher: Mit bedanken uns herzlich für das Gespräch.


 

Klaus-Peter Wolf im www

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