Lisa Weichart: „Disziplin. Jeden Tag eine halbe Stunde schreiben“

Interview mit Lisa Weichart

Lisa Weichart, 1964 in Regensburg geboren – Bundesbahnbeamtin – Arzthelferin – nun im italienischen Einzelhandel tätig – drei Söhne – der Rest ist Schreiben.

 

Hochsteck
(c) Lisa Weichart

Fabelhafte Bücher: Jedes Jahr buhlen im deutschsprachigen Raum weit mehr als 100.000 Bücher in Neuauflage um die Aufmerksamkeit der Leser. Die „Konkurrenz“ ist also gewaltig. Denken Sie über sowas nach, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen?

Nicht im geringsten. Es ist als würde ich über Kalorien nachdenken, während ich mein Lieblingsgebäck (Cannoli übrigens) genussvoll verspeise.

Fabelhafte Bücher: Bestsellerlisten wie beispielsweise die Spiegel-Bestseller-Liste waren immer schon heiß umstritten und doch orientieren sich nun mal viele Menschen an den Lesegewohnheiten anderer Leser. Wie stehen Sie zu solchen Bücherrankings?

Ich finde sie gut als Orientierungshilfe für Orientierung suchende. Eine Art Wertesystem in einem Wirrsal der Meinungen.

Fabelhafte Bücher: Schreibblockaden, Selbstzweifel oder einfach zu viel zu tun: Jeder Autor hat mal Durchhänger. Was ist Ihr Geheimrezept?

Disziplin. Jeden Tag eine halbe Stunde schreiben, ohne Rücksicht auf Zeitmangel, Kreuzschmerzen, Müdigkeit oder Stress. Ausreden gibt es immer. Die Problematik, die einen angeblich davon abhält, kann man wunderbar mitverarbeiten, sie läuft dann wie ein grüner Faden mit, unterschwellig sozusagen.

Fabelhafte Bücher: Ob Indieautor oder Verlagsautor – längst wird erwartet, dass Autoren auf ihre Leser zugehen. Lesungen reichen nicht mehr, der Autor sollte möglichst auch im Internet präsent sein. Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für diese Aktivitäten rund ums Buch ein?

Ich bin in facebook, dort geistere ich ohnehin herum. In Zeit lässt sich das nicht messen, es ist schützend und beruhigend wie die Mappe, in der mein in Papierform Script gedeiht: eine Hülle, ein Hintergrund für meine Blätter. Wohltuend: die Leser in facebook hinter meinem Script (also auch im virtuellen Fenster dahinter) zu ahnen und auch zu „treffen“.

Fabelhafte Bücher: Wenn Neulinge Sie nach einem Tipp fragen würden: Auf welches Marketinginstrument setzen Sie in erster Linie?

Die Presse. Zeitungen. Bücherjournale.

Fabelhafte Bücher: Von welchen Schriftstellern sehen Sie sich in Ihrem eigenen Werk beeinflusst? Wer inspiriert Sie?

Marie-Luise Fleißer, Patrick Süskind und Alice Munro.

Fabelhafte Bücher: Wieso werden von den großen Feuilletons, egal ob Spiegel, FAZ, ZEIT oder sonstigen Granden des Literaturbetriebs, immer nur die üblichen Verdächtigen rezensiert, die ohnehin jeder kennt? Wie könnte es gelingen, Newcomer stärker in den Vordergrund zu rücken?

Personalfluktation bei Spiegel, FAZ und Zeit – oder einfach mal dort ganz locker nachfragen. (lach)

Fabelhafte Bücher: Nach Ihren Erfahrungen – welche Anfängerfehler würden Sie im Nachhinein vermeiden – was können Sie Neulingen empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben?

Keinen einzigen Anfängerfehler gilt es zu vermeiden. Das wäre wie Radfahren lernen ohne umzufallen: gefährlich.

Fabelhafte Bücher: Viele Schriftsteller tun sich beim Schreiben von Sex-Szenen ziemlich schwer. Gibt es Themen oder Situationen, bei deren Beschreibung Sie sich schwer tun?

Nein. Höchstens unmoralisch gefährliche Dinge wie Mathematik sind mir höchst suspekt (weil gehirnzersetzend).

Fabelhafte Bücher: Als heikel gelten auch politische Zuschreibungen, etwa Islamkritik oder Kritik an jüdischer Siedlungspolitik um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie gehen Sie mit dem Thema um und welchen Umgang erwarten Sie sich von Autoren insgesamt zu dem Thema?

Den größtmöglich offenen Umgang erwarte ich. Keinen Spaß verstehe ich, wenn unter dem Deckmantel der „Satire“ Gefühle anderer offensichtlich verletzt werden.

Fabelhafte Bücher: Wenn Sie schreiben – wie strukturieren Sie Ihren Tag? Schreiben Sie, wenn Sie gerade in Stimmung sind? Oder haben Sie sich feste Zeiten reserviert?

In meinem Fall gibt es nichts zu strukturieren, als Mutter von zwei vierzehnjährigen Jungen und noch dazu alleinerziehend sowie voll berufstätig kommt die Muse von selbst zu mir, packt mich – und los geht’s mit der Schreiberei. (siehe Kapitel Disziplin) – Hier zu warten, bis ich mich „in Stimmung fühle“ würde nun wirklich eine Blockade erzeugen.

Fabelhafte Bücher: Bitte verraten Sie uns etwas über Ihr aktuelles Projekt. Wovon soll Ihr nächstes Buch handeln, was können Sie schon verraten?

Kuckucksparadies. Der Titel sagt viel, aber nicht alles. So halte ich es auch mit Erzählungen über entstehende Projekte. Ich könnte sehr viel erzählen, aber in dieser Zeit tauche ich dann doch lieber in mein Werk ab.

Fabelhafte Bücher: Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.


7 Gedanken zu „Lisa Weichart: „Disziplin. Jeden Tag eine halbe Stunde schreiben““

  1. Loved the Wolken Fisch! Could actually smell the Italian bread, the olive oil, the whole ambience of this magical place. Lisa has the ability to transcend the reader – time and place become reality.
    Can’t wait for her next book!!

  2. Ich hatte vor 2 Jahren, das grosse Glück, Lisa über eine Facebookgruppe kennenzulernen. Mir hat sofort ihre herzerfrischende und lustige Art gefallen. Ausserdem hat Lisa eine wunderbar positive Lebenseinstellung, die sich natürlich auch in Ihrem Roman widerfinden lässt. Diese schwappt dann auch auf den Leser über. Mir hat der Wolkenfisch sehr gut gefallen ! Ich habe ihn in einer sehr grauen seelischen Phase gelesen und habe dadurch neue und positive Lebensenergie gewonnen !Ausserdem kenne ich den italienischen Supermarkt, in dem die Schreiberin und Protagonistin noch aus früheren Zeiten, als dieser noch eine Speditionsumschlaghalle war, und ich in dieser Spedition meine Ausbildung absolvierte. Ich habe also auch den räumlichen Bezug zum Roman. Mach weiter so liebe Lisa ! Ich freue mich schon darauf, Neues von Dir zu lesen !

  3. Ich bin Stolz und Glücklich Lisa kennen gelernt zu haben. Schon vor Ihrer Erstausgabe habe ich Lisa, eine tolle Mutter mit Ihrem Lebensfrohen Stil über die Regensburger Facebook Gruppe treffen dürfen. Ich war bis dahin kein großer Leser, aber seit Ihrem ersten Buch habe ich das Lesen für mich wieder entdeckt. Ich freue mich schon riesig auf Ihr nächstes Buch. Lisa bleib wie du bist.

  4. Wer die Lisa Weichert kannte vor Veröffentlichung ihrs Buches , hat sich schon immer gefreut, wenn wieder ein Beitrag von ihr in einem Forum oder einer Facebookgruppe erschien. ihre Beiträge waren immer interessant und spannend. Als dann ihr wolkenfisch erschien waren wir alle neugierig und wurden nicht enttäuscht. Natürlich fanden wir in Ihrem Buch auch ein bisschen Lisa und das ist gut so.
    Sind schon gespannt auf das Paradies!

  5. Ein herzerfrischender Stil …. einer herzerfrischenden Schreiberin. Lisa Weichert, ein Regensburger Original bringt mit akribischer Genauigkeit in Ihrer Erzählkunst, Sachen auf den Punkt und lässt den Leser amüsiert schmunzeln, wenn das Alltagsgeschehen der Kunstfiguren an den eigenen Mikrokosmos erinnern. Ich freue mich auf weitere „Wolkenfische“ …..

  6. Jeden Tag eine halbe Stunde schreiben, da braucht man doch auch einen spirituellen Vorlauf. Zum Beispiel einen Tee wie „Sencha Schlaflos“, eine Riechflasche wie das alte Fläschchen „Crasnaja Moskwa“ von meinem letzten Besuch im roten Rom, August 1980, und ein paar Bilder zum Anschauen wie das von Christian Dior 1957 in seinem rotplüschenen Sofa, zeitungslesend und Kaffee trinkend. Also: Kurz abtauchen und dann eintauchen. Beim Verzicht auf Tagesschau und „desperate housewives“ fällt dann vielleicht eine Stunde ab. Das Wichtigste scheint mir aber das Projekt, die Idee, die aus echten Gesprächen mit echten Menschen stammt. Und dann müsste man loslegen können wie ein Haruki Murakami, der einfach ohne Struktur drauflos schreibt, wie er in einem Interview mit der Welt am Sonntag mitteilte. Also ab in ihr Kuckucksparadies! Viel Erfolg
    Helmut Wanner

  7. Schon „Wolkenfisch“ war ein Erlebnis!
    Eine Erzählung aus dem Leben einer Frau, die positiv mitten im Leben steht und mit einer tiefsinnigen, aber auch heiteren Weise Anteil an Menschen in ihrer Umgebung nimmt.
    „Wolkenfisch“ ist eine Geschichte, wahrlich nicht wie viele andere – die Besonderheit ist wohl auch die plastische Darstellung dieses Werkes.
    Man hat die Handlung vor Augen gleichsam wie nach einem Kinofilm.
    Ich freue mich auf neue Literatur von Lisa Weichart und wünsch weiterhin viel Erfolg!

    Hartmut Broska

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