Manuela Martini: „Nichts ist schlimmer, als wenn der Leser spürt, dass hier nur Mittel eingesetzt werden, um ihn zu manipulieren“

Interview mit Manuela Martini

 

(c) LF Photoagency Barcelona
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Manuela Martini, die auch unter den Pseudonymen Lou Peabody und Fran Ray schreibt, studierte Medizin, Geschichte, Literaturwissenschaft und Romanistik. Als Regieassistentin wirkte sie an Werbe-, Industrie- und Dokumentarfilmen mit. Die Thrillerautorin wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und lebt heute in Südspanien.

 

 

Fabelhafte Bücher: Jedes Jahr buhlen im deutschsprachigen Raum weit mehr als 100.000 Bücher in Neuauflage um die Aufmerksamkeit der Leser. Die „Konkurrenz“ ist also gewaltig. Denken Sie über sowas nach, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen?

Ich denke natürlich darüber nach: Wenn ich mir die Titel ansehe, frage ich mich, was ich Neues zu sagen habe – und ob es überhaupt sagenswert ist.

Fabelhafte Bücher: Bestsellerlisten wie beispielsweise die Spiegel-Bestseller-Liste waren immer schon heiß umstritten und doch orientieren sich nun mal viele Menschen an den Lesegewohnheiten anderer Leser. Wie stehen Sie zu solchen Bücherrankings?

Alle Statistiken und Rankings haben ganz bestimmte Variablen. So ist es nun mal. Man muss akzeptieren, dass es die Spiegel-Bestsellerliste zu allgemeiner Anerkennung geschafft hat, wie die Tagesschau. Auch die dort verkündete Wahrheit ist nur eine von x anderen, trotzdem wird sie von Millionen Zuschauern täglich angeschaltet.

Fabelhafte Bücher: Schreibblockaden, Selbstzweifel oder einfach zu viel zu tun: Jeder Autor hat mal Durchhänger. Was ist Ihr Geheimrezept?

Ich habe zwei Geheimrezepte: Entweder stur weitermachen bis die Phase überwunden ist – oder was anderes machen und die Phase aussitzen.

Fabelhafte Bücher: Ob Indieautor oder Verlagsautor – längst wird erwartet, dass Autoren auf ihre Leser zugehen. Lesungen reichen nicht mehr, der Autor sollte möglichst auch im Internet präsent sein. Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für diese Aktivitäten rund ums Buch ein?

Es kommt ganz auf das Buch und das Publikum an. Wenn mein Buch in einem traditionellen Verlag erscheint, überlasse ich die Hauptarbeit dem Verlag. Wenn ich ein eBook im Selbstverlag veröffentliche muss ich sicher 50 Prozent wenn nicht mehr der Schreibzeit auch für den Internet-Auftritt rechnen.

Fabelhafte Bücher: Wenn Neulinge Sie nach einem Tipp fragen würden: Auf welches Marketinginstrument setzen Sie in erster Linie?

Neulinge – wo? Als Selbstpublisher? Als Verlagsautoren? Die Leser wollen etwas über den Autor wissen. Und wenn er sich entscheidet, geheimnisumrankt zu bleiben, dann sollte er sich nicht im Internet outen. Wenn er gern kommuniziert – bitte – es kommt darauf an, authentisch zu sein. Nichts ist schlimmer, als wenn der Leser spürt, dass hier nur Mittel eingesetzt werden, um ihn zu manipulieren.

Fabelhafte Bücher: Von welchen Schriftstellern sehen Sie sich in Ihrem eigenen Werk beeinflusst? Wer inspiriert Sie?

Die ganz Großen. War schon immer so.

Fabelhafte Bücher: Wieso werden von den großen Feuilletons, egal ob Spiegel, FAZ, ZEIT oder sonstigen Granden des Literaturbetriebs, immer nur die üblichen Verdächtigen rezensiert, die ohnehin jeder kennt? Wie könnte es gelingen, Newcomer stärker in den Vordergrund zu rücken?

Sollen wir zusammen eine Strategie aushecken? Überlassen Sie die „üblichen Verdächtigen“ den „Granden“ und kümmern Sie sich um die Newcomer. Bestseller werden gemacht. Machen Sie welche.

Fabelhafte Bücher: Nach Ihren Erfahrungen – welche Anfängerfehler würden Sie im Nachhinein vermeiden – was können Sie Neulingen empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben?

Oh, es gibt viele Anfängerfehler. Zum Beispiel zu glauben, dass dieses Buch das ultimative Werk ist, auf das die Welt gewartet hat. Aber ohne diesen „Anfängerfehler“ würden Sie wahrscheinlich nie das Buch überhaupt geschrieben – geschweige denn – veröffentlicht oder einem Verlag angeboten haben. Gott sei Dank gibt es die Anfängerfehler – und bitte vermeiden Sie sie nicht.

Fabelhafte Bücher: Viele Schriftsteller tun sich beim Schreiben von Sex-Szenen ziemlich schwer. Gibt es Themen oder Situationen, bei deren Beschreibung Sie sich schwer tun?

Ach – und ich dachte, es sei so einfach. Wie viele Romance-, Vampir-, Vanilla-Sex oder was auch immer – Bücher überschwemmen denn den Markt? Wenn ich ein Thema oder eine Situation nicht mag, muss ich sie ja nicht schreiben. Oder ich kann die Situation anders beschreiben, aus einer anderen Perspektive, verfremdet, als Traum… Als Schriftstellerin muss ich ja keine Gebrauchsanweisung schreiben, und mich an jeden Arbeitsschritt halten.

Fabelhafte Bücher: Als heikel gelten auch politische Zuschreibungen, etwa Islamkritik oder Kritik an jüdischer Siedlungspolitik um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie gehen Sie mit dem Thema um und welchen Umgang erwarten Sie sich von Autoren insgesamt zu dem Thema?

Ich schreibe nicht über diese Themen. Und es gibt doch nichts Schlimmeres als Erwartungen an das Verhalten von Autoren. Literatur kann zum Nachdenken anregen, und das geschieht meistens nicht, wenn ich mich als Autorin innerhalb der Wohlfühlzone der Gesellschaft aufhalte.

Fabelhafte Bücher: Wenn Sie schreiben – wie strukturieren Sie Ihren Tag? Schreiben Sie, wenn Sie gerade in Stimmung sind? Oder haben Sie sich feste Zeiten reserviert?

Da ich meinen Lebensunterhalt als Autorin verdiene, kann ich nicht nach Stimmung schreiben. So wie andere Leute auch nicht ins Büro gehen, nur wenn sie Lust dazu haben.

Fabelhafte Bücher: Bitte verraten Sie uns etwas über Ihr aktuelles Projekt. Wovon soll Ihr nächstes Buch handeln, was können Sie schon verraten?

Es wird ein Krimi sein – der die Regeln des Genres befolgt – aber letztendlich ad absurdum führt. Oder können Sie nach der Lektüre von – sagen wir – einer Million Krimis – noch einen Krimi ernst nehmen?

Fabelhafte Bücher: Mit bedanken uns herzlich für das Gespräch.


 

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