Regina Schleheck: „Selbst Bestseller garantieren noch kein sicheres und auch kein hohes Einkommen“

Regina Schleheck im Interview

 

Regina Schleheck Foto: Henrik Reimann
Regina Schleheck
Foto: Henrik Reimann

Regina Schleheck hat sich in der Phantastik wie im Krimi einen Namen gemacht. Unter anderem wurden ihr mit dem Deutschen Phantastikpreis für ein SciFi-Hörspiel und dem Friedrich-Glauser-Preis der deutschsprachigen Krimautoren in der Sparte Kurzkrimi die begehrtesten Auszeichnungen beider Genres zugesprochen – neben vielen weiteren. Die in der Nähe von Köln lebende Autorin, im Hauptberuf Oberstudienrätin, daneben fünffache Mutter, Referentin und Herausgeberin, veröffentlicht seit 2002, darunter mehrere Hundert Kurzgeschichten, aber auch Hörspiele, Erzählungen, Lyrik, Theaterstücke, Drehbücher und Essayistisches.

 

Fabelhafte Bücher: Jedes Jahr buhlen im deutschsprachigen Raum weit mehr als 100.000 Bücher in Neuauflage um die Aufmerksamkeit der Leser. Die „Konkurrenz“ ist also gewaltig. Denken Sie über sowas nach, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen?

Ich bin kein Verleger. Mir geht es um Stoffe und Erzählweisen. Ich will interessante Geschichten auf ungewöhnliche Art erzählen, nicht In-Themen nach festgelegten Schemata für bestimmte Schubladen bearbeiten. Verkaufen müssen es andere, die ich von meinen Ideen und Umsetzungen überzeugen kann. Ich kann mich des Verdachts nicht erwehren, dass Stoffe, die nach pekuniären Aspekten geschneidert werden, außer Geld nicht viel bewegen. Als Nebeneffekt finde ich Verkäuflichkeit durchaus erotisch, aber es macht nicht das Wesen meiner Bemühungen aus.

Fabelhafte Bücher: Bestsellerlisten wie beispielsweise die Spiegel-Bestseller-Liste waren immer schon heiß umstritten und doch orientieren sich nun mal viele Menschen an den Lesegewohnheiten anderer Leser. Wie stehen Sie zu solchen Bücherrankings?

Listen öffnen Türen und sichern Existenzen. Autoren sind arme Schweine. Selbst Bestseller garantieren noch kein sicheres und auch kein hohes Einkommen. Daher freue ich mich für jeden, der es auf Listen schafft. Natürlich trifft es nicht immer Bücher, die wesentlich sind. Aber auch guter Mist ist Humus fürs Lesen. Geschmack mag sich entwickeln. Also: Es spricht überhaupt nichts dagegen.

Fabelhafte Bücher: Schreibblockaden, Selbstzweifel oder einfach zu viel zu tun: Jeder Autor hat mal Durchhänger. Was ist Ihr Geheimrezept?

Ich hab so viel zu tun, dass ich keine Blockaden kenne. Schreiben ist für mich Entspannung. Wenn mir auf Anhieb nichts einfällt, recherchiere ich. Das ist mindestens so reizvoll.

Fabelhafte Bücher: Ob Indieautor oder Verlagsautor – längst wird erwartet, dass Autoren auf ihre Leser zugehen. Lesungen reichen nicht mehr, der Autor sollte möglichst auch im Internet präsent sein. Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für diese Aktivitäten rund ums Buch ein?

Schwer zu bemessen, weil ich viel gleichzeitig mache. Am Schreibtisch bin ich immer online, schon zur Recherche, beantworte nebenher Mails, poste und versorge weitere Baustellen. Lesungen finde ich wichtig, weil ich dabei Menschen direkt erreichen kann. Ich habe pro Jahr etwa fünfzig Lesungen, die ich schon deshalb genieße, weil in dem Moment nur Text und Publikum im Mittelpunkt stehen. Die Kommunikation drumherum empfinde ich eher als notwendiges Übel, aber natürlich gehört es dazu. Man sollte es aber auch nicht überbewerten. Da wird viel heiße Luft produziert. Man bekommt abetr auch wertvolle Rückmeldungen.

Fabelhafte Bücher: Wenn Neulinge Sie nach einem Tipp fragen würden: Auf welches Marketinginstrument setzen Sie in erster Linie?

Qualität ist das beste Aushängeschild. Dazu gehört ein hervorragendes Lektorat. Wenn man jeden Erguss gleich veröffentlicht, ist das eher kontraproduktiv. Das mag old-fashioned klingen, weil es heute so leicht ist, etwas auf den Markt zu bringen und überall herumzutrompeten. Ich finde viele Produkte und Maßnahmen eher abschreckend und zum Fremdschämen. Wenn der Leser sich von den ersten Seiten nicht angesprochen fühlt, das Publikum nicht von der Leseperformance begeistert ist, kriegt man keine zweite Chance. Im Gegenteil, der nächste Autor, der nächste Vortragende muss es doppelt gutmachen, um die Lust am Buch nicht zu verderben. Daher ist meine Empfehlung: das Handwerk gründlich lernen, sich dem kritischen Urteil von KollegInnen aussetzen, bei Wettbewerben, um Stipendien, bei Verlagen und Agenturen bewerben, Profis überzeugen, sich „hinter den Kulissen“ vermarkten, statt gleich die Bühne stürmen zu wollen. Wenn Verleger und Agenten bei mir Schlange stehen statt umgekehrt, hat es funktioniert. Ausgesorgt hat man damit noch lange nicht, weil man sich immer neu bewähren muss. Dazu bringt man aber bereits ganz andere Voraussetzungen mit. Natürlich kann man auch erfolgreich sein, ohne diese Mühlen zu durchlaufen. Es ist allerdings eher die Ausnahme und hält oft nicht lange an. Die wenigsten Menschen sind gute Schriftsteller UND tolle Marketingfachleute. Man sollte sich auf seine Kernkompetenzen konzentrieren. An einem gut vermarkteten Buch haben viele Menschen Anteil.

Fabelhafte Bücher: Von welchen Schriftstellern sehen Sie sich in Ihrem eigenen Werk beeinflusst? Wer inspiriert Sie?

ALLES, was ich je gelesen habe – und das ist verdammt viel –, hat mich inspiriert und beeinflusst. Und wenn es nur war, dass ich gelernt habe, was nicht meins ist. Da ich in vielen Genres und oft auch dazwischen unterwegs bin, gibt es ohnehin nicht EIN Vorbild. Ich mag aber z.B. gern die AutorInnen des Magischen Realismus. Was in jedem Falle passt.

Fabelhafte Bücher: Wieso werden von den großen Feuilletons, egal ob Spiegel, FAZ, ZEIT oder sonstigen Granden des Literaturbetriebs, immer nur die üblichen Verdächtigen rezensiert, die ohnehin jeder kennt? Wie könnte es gelingen, Newcomer stärker in den Vordergrund zu rücken?

Die Feuilletons haben ein großes Problem, weil das Internet breiter aufgestellt und schneller ist. Wenn sie nicht noch mehr Terrain verlieren wollen, müssen sie sich auf ihre Rolle als kulturelle Leitmedien besinnen und natürlich auch gute Newcomer vorstellen statt sich an den immer gleichen Namen abzuarbeiten. Das ist allerdings nicht leicht, weil die Journalisten selbst unter immer schwierigeren Bedingungen immer mehr leisten müssen. Natürlich vertraut man da gern auf Bewährtes. Das ist allerdings überall so. Man erlebt zunehmend, dass in Feuilletons auch Netz-Hype-Themen kolportiert oder kritisch kommentiert werden. Eine größere Diversifikation entsteht dadurch noch nicht.

Fabelhafte Bücher: Nach Ihren Erfahrungen – welche Anfängerfehler würden Sie im Nachhinein vermeiden – was können Sie Neulingen empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben?

So blöd es klingt: Ich habe offensichtlich wenig Fehler gemacht. Fast alles, was ich probiert habe, war erfolgreich. Aber ich habe auch erst spät angefangen. Vielleicht schadet es nicht, wenn man erst einmal ein bisschen reift, ehe man loslegt.

Fabelhafte Bücher: Viele Schriftsteller tun sich beim Schreiben von Sex-Szenen ziemlich schwer. Gibt es Themen oder Situationen, bei deren Beschreibung Sie sich schwer tun?

Ich würde niemals einen Mathematiker als Protagonisten wählen. Im Bett fühle ich mich eher zu Hause als in der Relativitätstheorie.

Fabelhafte Bücher: Als heikel gelten auch politische Zuschreibungen, etwa Islamkritik oder Kritik an jüdischer Siedlungspolitik um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie gehen Sie mit dem Thema um und welchen Umgang erwarten Sie sich von Autoren  insgesamt zu dem Thema?

Der Auftrag lautet: in Wunden porkeln. Ob das nun Islamisten, Faschisten oder Weltverbesseressisten trifft, ist wurscht. Schreiben heißt hin- und nicht weggucken. Wo kein Problem, da keine Story.

Fabelhafte Bücher: Wenn Sie schreiben – wie strukturieren Sie Ihren Tag? Schreiben Sie, wenn Sie gerade in Stimmung sind? Oder haben Sie sich feste Zeiten reserviert?

Ich schreibe, sooft ich kann. Mein Brotberuf geht vor, weil ich nicht nur mich davon ernähren muss. Aber wenn ich schreibe, hat Schlaf schlechte Karten.

Fabelhafte Bücher: Bitte verraten Sie uns etwas über Ihr aktuelles Projekt. Wovon soll Ihr nächstes Buch handeln, was können Sie schon verraten?

Meine Domäne ist die Kurzprosa. Daher habe ich immer viele Aufträge da liegen, arbeite sie sehr schnell ab und vergesse sie sofort wieder. Worüber wollen wir also reden? Viele Projekte, auch größere, liegen in den Händen von Verlagen und Agenten, benötigen Zeit und sind für mich erst wieder spannend, wenn ich sie auf dem Schreibtisch habe. Einen Teil davon kann man auf meiner Homepage nachlesen, viele ungelegte Eier nicht, und das ist auch gut so.

Fabelhafte Bücher: Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.


Regina Schleheck im WWW

www.regina-schleheck.de
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