Sandra Henke: „Das Prädikat „Bestsellerautor“ hat an Wertigkeit verloren“

Interview mit Sandra Henke

 

© Ricarda Ohligschläger
© Ricarda Ohligschläger

Sandra Henke lebt in der Nähe von Köln. Sie veröffentlicht regelmäßig bei mehreren großen Verlagshäusern und gehört zu den erfolgreichsten Erotikautorinnen Deutschlands. Für den Mira Verlag schreibt sie erotic suspense, im Heyne Verlag veröffentlicht sie soft-SM-Romane, im Dotbooks Verlag Adelsgeschichten, Venusbooks bringt Z. B. Vampirgeschichten heraus. Bei U-Line erscheint ihre erfolgreiche Gestaltwandler-Serie „Alpha“. Sie ist Dozentin an der Bastei Lübbe Academy und gibt dort Seminare zum Thema „Schreiben erotischer Kurzgeschichten“ und „Schreiben erotischer Romane”.

 

Fabelhafte Bücher: Jedes Jahr buhlen im deutschsprachigen Raum weit mehr als 100.000 Bücher in Neuauflage um die Aufmerksamkeit der Leser. Die „Konkurrenz“ ist also gewaltig. Denken Sie über sowas nach, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen?

Nein, denn das würde mir den Elan nehmen. Ich konzentriere mich vollkommen auf mein aktuelles Schreibprojekt und versuche das Beste aus einem Romanstoff herauszuholen. Denn nur wenn ich mich vollkommen auf die Geschichte einlasse, kann sie auch gut werden, den Leser fesseln und auf dem Markt bestehen. Außerdem kann das Geschäftliche die Kreativität beschneiden, daher blende ich das beim Schreiben aus.

Fabelhafte Bücher: Bestsellerlisten wie beispielsweise die Spiegel-Bestseller-Liste waren immer schon heiß umstritten und doch orientieren sich nun mal viele Menschen an den Lesegewohnheiten anderer Leser. Wie stehen Sie zu solchen Bücherrankings?

Als Leserin, so wie als Autorin achte ich kaum auf Bestsellerlisten. Es gibt so viele – jedes Portal bietet sie, jeder Verlag, jede Leserplattform – so dass sie in meinen Augen nicht aussagekräftig sind. Außerdem klebt auf jeder zweiten Verlagsveröffentlichung der Aufkleber „Bestseller“, selbst bei Debüts unbekannter Jungautoren, und viele Indie-Autoren nennen sich selbst Bestsellerautoren. Beides sind oft Marketingstrategien. Das Prädikat hat an Wertigkeit verloren.

Fabelhafte Bücher: Schreibblockaden, Selbstzweifel oder einfach zu viel zu tun: Jeder Autor hat mal Durchhänger. Was ist Ihr Geheimrezept?

Computer ausschalten, an die frische Luft gehen, Freunde treffen und Abstand gewinnen. Wenn man abschaltet oder sich zumindest auf andere Dinge konzentriert, entspannt sich die innere Verkrampfung und man kann bald mit neuem Elan starten. Wichtig ist, nicht in Panik zu verfallen, denn dadurch macht man die Situation nur noch schlimmer. Blockaden, Zweifel und andere Hürden sind normal. Wenn man sie akzeptiert, gehen sie schneller weg.

Fabelhafte Bücher: Ob Indieautor oder Verlagsautor – längst wird erwartet, dass Autoren auf ihre Leser zugehen. Lesungen reichen nicht mehr, der Autor sollte möglichst auch im Internet präsent sein. Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für diese Aktivitäten rund ums Buch ein?

Man kann sich schnell darin verstricken, die Erfahrung habe ich schon gemacht und Konsequenzen gezogen. Ich finde es völlig in Ordnung, dass Autoren aktiv bei der Bewerbung ihres Romans mithelfen sollen, so habe ich es ohnehin immer gehalten. Nur leider nimmt das alles heutzutage weitaus mehr Zeit in Anspruch als früher. Man muss noch mehr Disziplin aufbringen und immer daran denken: Die Werbezeit geht von der Schreibzeit ab. Marketing ist ein Muss, darf aber nicht die Hälfte der Arbeit ausmachen. Denn ohne neuen Roman, wird es bald auch keinen Grund mehr für Werbung geben.

Fabelhafte Bücher: Wenn Neulinge Sie nach einem Tipp fragen würden: Auf welches Marketinginstrument setzen Sie in erster Linie?

Facebook halte ich immer noch für den schönsten und direktesten Kontakt zu meinen Lesern. Ich kann sie schnell und unkompliziert über Neuerscheinungen, Gewinnspiele und Lesungen informieren und liebe den Austausch mit ihnen. Facebook ist für mich, was die Kaffeeküche in Büros ist. Entspannen, Plaudern und eine kurze Pause machen.

Fabelhafte Bücher: Von welchen Schriftstellern sehen Sie sich in Ihrem eigenen Werk beeinflusst? Wer inspiriert Sie?

Keinem.

Fabelhafte Bücher: Wieso werden von den großen Feuilletons, egal ob Spiegel, FAZ, ZEIT oder sonstigen Granden des Literaturbetriebs, immer nur die üblichen Verdächtigen rezensiert, die ohnehin jeder kennt? Wie könnte es gelingen, Newcomer stärker in den Vordergrund zu rücken?

Schwierig. Eine Lösung fällt mir auch nicht ein. Bekannte Autoren bekommen automatisch mehr Aufmerksamkeit, weil jeder über sie berichten möchte und ihre Neuerscheinungen mehr im Fokus stehen. Wobei wir wieder wären bei: „Der nächste Besteller von …“ Man darf aber auch nicht vergessen, dass manch ein Platz in Magazinen genauso eingekauft wurde wie Platzierungen in Buchhandlungen und Verkaufsportalen online. Ein Newcomer ohne oder mit geringem Werbebudget kann da nicht mithalten.

Fabelhafte Bücher: Nach Ihren Erfahrungen – welche Anfängerfehler würden Sie im Nachhinein vermeiden – was können Sie Neulingen empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben?

Viel lesen und viel schreiben. Besucht Schreibseminare, inhaliert alle guten Bücher, die es über das Schreiben gibt, und probiert euch aus. Nicht jeder Text muss auch gleich als Indie-eBook veröffentlicht werden. Nicht jede Verlagsabsage bedeutet gleich, dass alle Verlage böse sind. Vielleicht seid ihr einfach noch nicht gut genug. Bleibt Kritikfähig. Lernt, bildet euch weiter und habt einen langen Atem. Man muss, nicht nur am Anfang, sondern während des gesamten Autorenlebens, eine Balance zwischen Kampfgeist und Demut finden.

Fabelhafte Bücher: Viele Schriftsteller tun sich beim Schreiben von Sex-Szenen ziemlich schwer. Gibt es Themen oder Situationen, bei deren Beschreibung Sie sich schwer tun?

Da ich sowohl erotische Liebesromane unter Sandra Henke als auch Krimis unter Laura Wulff schreibe, habe ich weder mit Erotik, noch mit Gewaltszenen Probleme. Ich würde niemals einen historischen, Love and Landscape oder Fantasy Roman schreiben, da mir dazu der Zugang fehlt.

Fabelhafte Bücher: Als heikel gelten auch politische Zuschreibungen, etwa Islamkritik oder Kritik an jüdischer Siedlungspolitik um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie gehen Sie mit dem Thema um und welchen Umgang erwarten Sie sich von Autoren insgesamt zu dem Thema?

Krimis müssen auch immer sozialkritisch sein, daher packe ich diese in meiner Zucker-Krimireihe und meinem eBook-Only „Opfere dich“ auch an. Aber die von ihnen genannten zwei brandaktuellen Themen sind so heiße Eisen, dass selbst ich sie zurzeit nicht anfassen würde. Für mich gibt es Grenzen. Ich bin nicht Peter Scholl-Latour, der Sachbücher schreibt, die die Welt aufklären und aufrütteln sollen, sondern ich veröffentliche Unterhaltungsliteratur.

Fabelhafte Bücher: Wenn Sie schreiben – wie strukturieren Sie Ihren Tag? Schreiben Sie, wenn Sie gerade in Stimmung sind? Oder haben Sie sich feste Zeiten reserviert?

Da ich seit sechs Jahren hauptberuflich als Autorin arbeite, kann ich es mir nicht erlauben, mich nur an den Schreibtisch zu setzen, wenn mich die Muse küsst. Morgens gehe ich als erstes mit unseren beiden Hunden Gassi, dann frühstücke ich und fange an zu schreiben an. In Facebook und Instagram schaue ich entweder beim Kaffee oder später kurz rein. Der Vormittag und der Nachmittag sind für mich zum Arbeiten reserviert. Abends möchte ich Zeit mit meinem Mann verbringen und auch mal ausspannen. Außerdem fabuliere ich unterbewusst die ganze Nacht hindurch, wenn ich bis spät abends schreibe. Das bringt mich um den Schlaf und somit am nächsten Tag um die Produktivität.

Fabelhafte Bücher: Bitte verraten Sie uns etwas über Ihr aktuelles Projekt. Wovon soll Ihr nächstes Buch handeln, was können Sie schon verraten?

Zurzeit schaue ich die Druckfahnen zu einem etwas anderen Projekt durch. Es handelt sich um einen Liebesroman, der in der Zukunft Deutschlands spielt. Zwei neue Rassen haben sich gebildet und drohen den Menschen, den Rang abzulaufen. Die Dystopie wird noch in diesem Jahr im U-Line Verlag erscheinen. Parallel dazu schreibe ich an einem erotic suspense Romane, den der Mira Taschenbuch Verlag im Februar 2016 veröffentlichen wird. Es wird genauso ein dicker Schinken werden wie „Töte und lebe!“, der dritte Band der Zucker-Krimireihe, der gerade auf den Markt kam.

Fabelhafte Bücher: Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.


 

Sandra Henke im www


Hintergrund zur Autorin

Ihre Bücher erscheinen regelmäßig als Club Bertelsmann-Ausgaben. Auslandslizenzen wurden verkauft nach Litauen, Italien und in die Tschechische Republik.  Unter dem Pseudonym Laura Wulff veröffentlicht sie die Köln-Krimireihe um den Rollstuhlkommissar Daniel Zucker und seiner Ehefrau, einer Phantombild- und Gerichtszeichnerin, und weitere Krimis, wie “Opfere dich”, der vom Magazin FREUNDIN empfohlen wurde.

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