Stefan T. Gruner: „Bestsellerlisten kümmern mich nur literatursoziologisch“

Interview mit Stefan T. Gruner

 

© s. t. gruner
© s. t. gruner

Stefan T. Gruner, geboren am 12.02.1943 in Leipzig. Der Vater stirbt 1945. Die Familie wechselt 1949 von Leipzig nach München. Er arbeitet drei Jahre in Spanien – hauptsächlich in Madrid – als Hotelangestellter, Übersetzer und Sprachlehrer. Zurückgekehrt folgen Tätigkeiten wie Kinokartenabreißer, Bilderverkäufer, Statist und Pharmareferent in Bonn und München. Er heiratet in München, arbeitet anschließend als Grundschullehrer in Versmold, dann als Psychotherapeut in Bielefeld. Gruner ist als interner Trainer und Schulungsleiter für mehrere Konzerne tätig gewesen. Nach zwei Jahren in Wiesbaden lebt Gruner jetzt in Bielefeld, seit Anfang der 90er Trainer mit Schwerpunkten Führung, Konfliktbewältigung und Teamarbeit, ab 2007 Schriftsteller.

 

Fabelhafte Bücher: Jedes Jahr buhlen im deutschsprachigen Raum weit mehr als 100.000 Bücher in Neuauflage um die Aufmerksamkeit der Leser. Die „Konkurrenz“ ist also gewaltig. Denken Sie über sowas nach, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen?

Unbedingt. Aber nicht, wenn ich schreibe. Reflektionen über die soziale Situation, literarische Legitimation, neue Medien etc. stellen sich zwischen dem Schreiben ein. Hören Sie auf zu schreiben! ist für Menschen wie mich gleich der Aufforderung: Hören Sie auf zu atmen! Daneben – aber wirklich immer erst daneben – beschäftigt mich die Situation des Marktes, wobei mich die Masse der Bücher, die mit Literatur nichts zu tun haben, weniger schreckt als die wenigen guten. Aber da gilt dann auch: in der Auseinandersetzung mit ihnen feilt man am Eigenen.

Fabelhafte Bücher: Bestsellerlisten wie beispielsweise die Spiegel-Bestseller-Liste waren immer schon heiß umstritten und doch orientieren sich nun mal viele Menschen an den Lesegewohnheiten anderer Leser. Wie stehen Sie zu solchen Bücherrankings?

Sie kümmern mich nur literatursoziologisch. Wie man Modetrends verfolgt.

Fabelhafte Bücher: Schreibblockaden, Selbstzweifel oder einfach zu viel zu tun: Jeder Autor hat mal Durchhänger. Was ist Ihr Geheimrezept?

Da ich notgedrungen, um schreiben zu können, immer auch einem Brotberuf nachgehen musste, hatte ich wenige „Durchhänger“; stattdessen permanenten Drang, an Angefangenem weitermachen zu können. Erster Tipp geht also kurioserweise in die Richtung: Mach auch noch was anderes! Gegen unmittelbare Blockaden hilft mir: lesen von Lieblingsautoren, durch fremde gute Texte wieder mit eigenen Impulsen aufladen.

Fabelhafte Bücher: Ob Indieautor oder Verlagsautor – längst wird erwartet, dass Autoren auf ihre Leser zugehen. Lesungen reichen nicht mehr, der Autor sollte möglichst auch im Internet präsent sein. Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für diese Aktivitäten rund ums Buch ein?

Ich habe auf Buchmessen und von Verlagen organisierten Veranstaltungen gelesen. Es ist für weniger bekannte Autoren wie mich eher frustrierend. Auf der Leipziger Buchmesse werden Lesungen inflationär gestreut, gleichzeitig immer unwirksamer. Das Getwitter, Facebookern usw. ist auf den Freundschaftsplausch einer Kontaktsuchtgesellschaft ausgelegt, hier machen sich denn auch nur Künstlertypen der Marke Rampensau bemerkbar. Bleibt der eigene Internet-Auftritt. Ich habe ihn, müsste ihn jedoch mehr pflegen. Da der Besuch außer den üblichen Werbefuzzis mager bis Null ist, bin ich in der Hinsicht nicht besonders motiviert. Ich schätze mal 3 Stunden pro Monat.

Fabelhafte Bücher: Wenn Neulinge Sie nach einem Tipp fragen würden: Auf welches Marketinginstrument setzen Sie in erster Linie?

Kommt der Neuling in einem einigermaßen etablierten Verlag unter, sollte er auf dessen Kontakte bauen. Eigene Publikations-Postaussendung an Zeitschriften, Radiosender, Kulturinstitutionen landen im Papierkorb. In der Regel. Ausnahmen gibt es selbst da wie bei der Lotterie. Internetauftritte sind immer eine Option, allerdings überschwemmt. Kleinere Videos auf You-Tube haben dem einen oder anderen schon zu Popularität verholfen. Oder seine Werke als e-books bei Publikationsorganen einstellen, die es umsonst machen, e-reader, amazon…

Fabelhafte Bücher: Von welchen Schriftstellern sehen Sie sich in Ihrem eigenen Werk beeinflusst? Wer inspiriert Sie?

Sylvia Plath, Dylan Thomas, Pablo Neruda, Kathy Acker, Thomas de Quincey, William Burroughs, Walter Benjamin, Samuel Beckett, Emil Cioran, Robert Musil… nur so die Richtung. Ich kann sie nicht aufzählen. Ist auch starke Stimmungssache.

Fabelhafte Bücher: Wieso werden von den großen Feuilletons, egal ob Spiegel, FAZ, ZEIT oder sonstigen Granden des Literaturbetriebs, immer nur die üblichen Verdächtigen rezensiert, die ohnehin jeder kennt? Wie könnte es gelingen, Newcomer stärker in den Vordergrund zu rücken?

Die Anschuldigung stimmt, aber gleichzeitig ist auch in den etablierten Feuilletons der Hunger nach Neuen groß. So ist z.B. Dietmar Dath oder Helene Hegemann schnell und gründlich gehyped worden. Echte Neulinge müssen es eben in der Nischenpresse versuchen, Lokalzeitungen, Stadtblätter. Auch Auftritte bei Poetry Slams, die bis in die letzten Käffer vorgedrungen sind, kann helfen. Agenturen sind eine Art vorgelagerte Hürde, die einem Neuling, wenn er akzeptiert wird, mit ihrem Wissen und bestehenden Verbindungen nützen – immer bedenkend, dass es Verlage gibt, die grundsätzlich nicht mit Agenten zusammenarbeiten. Das nun plus ultra sind natürlich Fernseh-Auftritte, wenn ein Thema für eine Talkshow passt. Ansonsten sich in die Internet-Gemeinde einklinken und Anhänger suchen. Meine Meinung: Nichts, nichts geht über persönliche Kontakte zu Entscheidern – Kritiker, Lektoren, Verleger, Buchhändler – die von dem, was man macht, begeistert sind.

Fabelhafte Bücher: Nach Ihren Erfahrungen – welche Anfängerfehler würden Sie im Nachhinein vermeiden – was können Sie Neulingen empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben?

Manuskripte einfach so an die Verlage schicken. Andererseits zählen heute auch Empfehlungen von schon etablierten Autoren bei den Verlagen kaum bis gar nicht mehr. Ansonsten wäre mein Rat an Neulinge, keinen Rat anzunehmen, keine Schreibkurse zu belegen, sich keinen Mustern oder Normen zu beugen, viel vom Besten zu lesen und ehrlich, gnadenlos ehrlich zu sein.

Fabelhafte Bücher: Viele Schriftsteller tun sich beim Schreiben von Sex-Szenen ziemlich schwer. Gibt es Themen oder Situationen, bei deren Beschreibung Sie sich schwer tun?

Nein. Weder beim Sex noch bei sonstwas. Wenn mich ein Thema interessiert, wenn ich etwas erlebt habe, kenne ich keine moralischen oder sonstige Skrupel, habe keine Formulierungsprobleme. Treten die auf, stimmt es mit der Echtheit nicht.

Fabelhafte Bücher: Als heikel gelten auch politische Zuschreibungen, etwa Islamkritik oder Kritik an jüdischer Siedlungspolitik um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie gehen Sie mit dem Thema um und welchen Umgang erwarten Sie sich von Autoren insgesamt zu dem Thema?

Sartre, der kämpferische Vertreter einer politisch engagierten Literatur, hat später einräumen müssen, dass „Hermetiker“ wie Mallarmé durchaus auch ihr Widerstandspotenzial haben, nur anders. Wer sich literarisch zur Auseinandersetzung mit Tages- und Weltpolitik gedrängt fühlt, soll dies tun – mit der Gefahr, sein Schreiben in den Dienst einer Sache zu stellen, die sein Schreiben kannibalisiert –, aber er soll nicht denken, dass indirektere Schreiber wie Celan oder experimentellere wie Eich weniger „politisch“ sind. Für mich kommen Thema wie Islam oder jüdische Siedlungspolitik schon deshalb nicht in Frage, weil ich dabei exklusiv auf Medienberichte und Aussagen Dritter angewiesen wäre. Ich schreibe grundsätzlich über nichts, von dem ich mir nicht selbst ein Bild gemacht habe, es selbst erlebt habe oder zumindest aus dem Bereich meiner eigenen Fantasie herausgehoben hätte. Nehmen wir Syrien, nehmen wir den Ukraine-Konflikt: Wer lügt? Wer hat welche Ziele? Was passiert hinter verschlossenen Türen? Wie kann es ein Schriftsteller aus seinem Funk- und Fernsehkonsum heraus wagen, zu solchen Dingen ernsthaft Stellung zu nehmen, gar noch in Form von Dichtung? Was nicht bedeutet, dass eine Etage tiefer die Angst vor Fremden, der Hang zur Abgrenzung und die Suche nach Zugehörigkeit keine Behandlung verdienten. So geschehen in Kafkas „Schloss“, nur um auf eine andere Art von politischer Dichtung hinzuweisen.

Fabelhafte Bücher: Wenn Sie schreiben – wie strukturieren Sie Ihren Tag? Schreiben Sie, wenn Sie gerade in Stimmung sind? Oder haben Sie sich feste Zeiten reserviert?

Feste Zeiten sind wichtig. Stimmung ist gut, Disziplin ist besser. Oswald Wiener konnte sich zurecht die Bemerkung nicht verkneifen, dass große Werke vor allem mit dem Arsch ersessen sind. Die existenzielle Frage ist, ob sich jeder feste Tageszeiten fürs Schreiben leisten kann. Ich konnte es Jahrzehnte lang nicht. Dann gilt es, darum zu kämpfen. Was schon familiär nicht ganz einfach ist. Aber wer wollte in dem Zusammenhang das Gerücht in die Welt setzen, Texte zu verfertigen sei der pure Spaß?

Fabelhafte Bücher: Bitte verraten Sie uns etwas über Ihr aktuelles Projekt. Wovon soll Ihr nächstes Buch handeln, was können Sie schon verraten?

Ich pendle zwischen literarischen und essayistischen Sachen. Nach dem Roman „Nie wieder Beethoven“ (Klöpfer & Meyer 2013) ziehe ich paar Monate Reflektion vor. Literarisch ist mein Lieblingsprojekt die Beschreibung eines 14 1/2jährigen „gemütskalten“ Mörders, was allerdings recht sperrig und umfangreich ist. Aber ich bin daran gewöhnt, Texte Jahrzehnte durch mein Leben zu schleifen. Das wäre für junge Autoren auch was Wichtiges: langer Atem!

Fabelhafte Bücher: Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.


Stefan T. Gruner im www

 

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