Stephanie Schneider: „Manche Verlage sind zu ängstlich und trauen Kindern viel zu wenig zu“

Interview mit Stephanie Schneider

 

Autorenportrait Stephanie Schneider
Stephanie Schneider (c) Martin Bühler

Stephanie Schneider (1972) wünschte sich als Kind, eines Tages Bücher zu schreiben und einen Elefanten als Haustier zu haben. Nach einem Kunst-Studium in Braunschweig und ein paar Jahren als Lehrerin erinnerte sie sich daran und arbeitet nun hauptberuflich als Autorin. Jeden Morgen geht sie in ihr Lieblingscafé in Hannover und schreibt dort Bücher und Radiogeschichten für Kinder und Erwachsene. Einen Elefanten hat sie immer noch nicht, dafür aber einen Mann und zwei Töchter.

 

Fabelhafte Bücher: Jedes Jahr buhlen im deutschsprachigen Raum weit mehr als 100.000 Bücher in Neuauflage um die Aufmerksamkeit der Leser. Die „Konkurrenz“ ist also gewaltig. Denken Sie über sowas nach, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen?

Nein, den Gedanken habe ich einfach aus meinem Kopf gestrichen.
Wenn ich ein neues Buch in Angriff nehme, dann denke ich darüber nach, welches Buch ICH als Kind oder Erwachsene gerne lesen würde.
Wer ein Buch kauft, ist ja nicht auf der Suche nach 100.000 Neuerscheinungen, sondern nach dem einen Buch, das sein ganz persönliches nächstes Lieblingsbuch werden könnte. Und solche Bücher möchte ich schreiben.

Fabelhafte Bücher: Bestsellerlisten wie beispielsweise die Spiegel-Bestseller-Liste waren immer schon heiß umstritten und doch orientieren sich nun mal viele Menschen an den Lesegewohnheiten anderer Leser. Wie stehen Sie zu solchen Bücherrankings?

Sich Tipps von anderen zu holen ist doch erst einmal wunderbar. Und natürlich möchte ich als Autorin auch gerne in diesen Listen auftauchen. Erfolg zu haben heißt, Mitspracherecht zu haben und den Buchmarkt mitgestalten zu können. Das reizt mich sehr. Kritisch sind die Rankings, wenn sie nicht die Lesevorlieben wiederspiegeln, sondern eigentlich nur ein Indiz dafür sind, welcher Verlag das größte Werbebudget eingesetzt hat, und so ein vielleicht nur mittelmäßiges Buch künstlich pushen konnte. Dass ein Buch von vielen gekauft wurde, heißt ja noch nicht, dass es von vielen geliebt wird. Ich selbst habe schon viele Bestseller gekauft und nach ein paar Seiten enttäuscht zur Seite gelegt. Und ich habe verramschte Außenseiter aus Flohmarktkisten gekramt und heiß geliebt! So etwas taucht in keiner Statistik auf.

Fabelhafte Bücher: Schreibblockaden, Selbstzweifel oder einfach zu viel zu tun: Jeder Autor hat mal Durchhänger. Was ist Ihr Geheimrezept?

Selbstzweifel kennt wohl jeder Autor. Und seltsamerweise werden sie mit wachsendem Erfolg manchmal schlimmer. „So viel Lob und Begeisterung?“, denke ich dann. „Wie soll ich dem nur gerecht werden?“ Gegen Schreibblockaden hilft jede Form von Ablenkung und Veränderung – vorausgesetzt, man schreibt genau dabei weiter! Schreiben auf allen Vieren auf dem Küchenboden, schreiben auf dem Dachboden, mit Stift und Papier bewaffnet joggen oder auf Weltreise gehen. Einen Abstecher in den Supermarkt machen und sich dort fünf Begriffe notieren. Schreibseminare besuchen. Sich mit Freunden treffen und sich mit ihnen über die Probleme beim Buch unterhalten. Sich nicht von der Angst kleinkriegen lassen, sondern eisern weitermachen. Irgendwann läuft es dann wieder.

Fabelhafte Bücher: Ob Indieautor oder Verlagsautor – längst wird erwartet, dass Autoren auf ihre Leser zugehen. Lesungen reichen nicht mehr, der Autor sollte möglichst auch im Internet präsent sein. Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für diese Aktivitäten rund ums Buch ein?

Am liebsten mache ich diese Dinge phasenweise. Wenn ich also schreibe, dann richtig. Und in den Wochen danach kommen wieder die Kontakte, Lesungen, Interviews und Co an die Reihe. Beides gleichzeitig zu machen, kostet unnötige Energie, weil ich dann ständig von der inneren, kindlichen Freiheit auf das erwachsene Denken umschalten muss. Ich versuche, eine gut geführte Homepage zu haben und freue mich über Emails und Gespräche mit Lesern, aber täglich ein aktuelles Foto meines Frühstückstisches zu posten, dann passt nicht zu mir. Ich glaube, die Wirkung von Social Media und Co ist heute unheimlich wichtig. Trotzdem versuche ich, solche Dinge nicht zu hoch zu hängen. Man kann eben nicht überall mitmischen, und Zeit für meine Familie und meine Freunde ist mir noch viel wichtiger.

Fabelhafte Bücher: Wenn Neulinge Sie nach einem Tipp fragen würden: Auf welches Marketinginstrument setzen Sie in erster Linie?

Authentisch sein und die heimatliche Druckerpatrone mit Herzblut befüllen.
Richtig gepackt werden wir von Büchern meistens dann, wenn wir den Menschen dahinter und seine Gefühle spüren können. Manche Leute schreiben ein Buch, um ein Buch zu schreiben. Andere tun es, weil sie etwas zu sagen haben. Diese Autoren sind meine Vorbilder.

Fabelhafte Bücher: Von welchen Schriftstellern sehen Sie sich in Ihrem eigenen Werk beeinflusst? Wer inspiriert Sie?

Das wechselt ständig. Mittags, während ich koche, lasse ich meistens Hörbücher laufen und freue mich an dem, was meine Kollegen so fabulieren. Und einmal die Woche treffe ich mich mit meiner Freundin zum Kaffee und wir schwärmen uns gegenseitig von unseren Neuentdeckungen vor. Häufig passt sich meine Lektüre dem aktuellen Projekt an. Das heißt, wenn ich ein Bilderbuch schreibe, lese ich Bilderbücher. Bei einem Ratgeber lese ich Ratgeber usw. Die kreative Vielfalt der Kollegen inspiriert mich und macht die Gedanken frei für den eigenen Stil.

Fabelhafte Bücher: Nach Ihren Erfahrungen – welche Anfängerfehler würden Sie im Nachhinein vermeiden – was können Sie Neulingen empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben?

Rede nicht darüber, sondern tu es. Und mach dir ein paar Dinge klar:
Verlass dich nicht auf dein Talent. Das ist nur das kleine Sahnehäubchen, nicht mehr und nicht weniger. Du musst dein Handwerk lernen und üben, üben, üben. Stell dich darauf ein, dass es sehr lange dauert. Stell dich auf Absagen ein. Lies Bücher über das Schreiben und Veröffentlichen. Trag die Nase nicht zu hoch. Bleib einfach bei der Stange, genieße das Schreiben und sieh zu, dass du handwerklich immer besser wirst. Es gibt so unendlich viele Menschen, die irgendwann ein Buch schreiben. Warum also solltest du es nicht auch können?

Fabelhafte Bücher: Viele Schriftsteller tun sich beim Schreiben von Sex-Szenen ziemlich schwer. Gibt es Themen oder Situationen, bei deren Beschreibung Sie sich schwer tun?

Blockiert fühle ich mich, wenn ich Vorgaben bedienen soll. Vor allem welche, die ich für überflüssig halte. Wenn ein Buch nicht kantig sein darf. Da gibt es Lektoren, die ihre Autoren bitten: „Könnten Sie uns bitte eine Elfengeschichte schreiben auf 42 Seiten? Ein Hund soll dabei sein und bitte bauen Sie irgendwo noch ein Mädchen mit Migrationshintergrund ein, ja? Und keine Schimpfwörter, bitte! Und natürlich nichts über die Themen X und Y, denn das sind nun wirklich keine Themen für ein Kinderbuch.“ Solche künstlich geplanten Bücher langweilen mich zu Tode. Kreativität kann da nicht entstehen. Manche Verlage sind zu ängstlich und trauen Kindern viel zu wenig zu. Zum Glück gibt es auch die anderen.

Fabelhafte Bücher: Wenn Sie schreiben – wie strukturieren Sie Ihren Tag? Schreiben Sie, wenn Sie gerade in Stimmung sind? Oder haben Sie sich feste Zeiten reserviert?

Wie so viele andere Mütter schreibe ich extrem diszipliniert in den familienfreien Zeiten. Das heißt, meine feste Kernarbeitszeit ist von 8:00 bis 12:30. Dann koche ich. Im weiteren Teil des Tages arbeite ich auch, aber das variiert und muss immer wieder neu ausgehandelt werden. Richtig frei nehme ich mir wirklich selten.

Fabelhafte Bücher: Bitte verraten Sie uns etwas über Ihr aktuelles Projekt. Wovon soll Ihr nächstes Buch handeln, was können Sie schon verraten?

Es wird von einer freundlichen, aber etwas naiven Kinderbuchautorin handeln, die hochkant aus ihren attraktiven Verlagsverträgen geflogen ist, weil sie im Internet freimütig über anstehende Projekte geplaudert hat… Nein, mal im Ernst: Gerade freue ich mich über meine beiden aktuellen Neuerscheinungen „Elefanten im Haus“ bei Ravensburger und „Ich brauch euch alle“ bei Fischer/ Sauerländer. Beide mit Bildern von der wunderbaren Astrid Henn. 2016 wird es dann richtig spannend. Da werden eine ganze Reihe Bücher von mir in verschiedenen Formaten auf den Markt kommen. Und damit mir die Zeit bis dahin nicht zu lang wird, schreibe ich gerade an einem Kinderroman für Frühjahr 2017. Deshalb muss ich jetzt auch los. In den Supermarkt, unter den Küchentisch und auf Weltreise. Zur Ideensuche … 😉

Fabelhafte Bücher: Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.


 

Die Autorin im www

www.stephanie-schneider.de