T. A. Wegberg: „Ich glaube, dass die Relevanz von Feuilleton-Besprechungen weiter abnimmt“

Interview mit T. A. Wegberg

 

T. A. Wegberg studierte Germanistik und Anglistik sowie Literaturvermittlung und Medienpraxis und arbeitet seit über 20 Jahren als freier Lektor, Übersetzer und Redakteur für Buchverlage und Agenturen.

(c) T. A. Wegberg
(c) T. A. Wegberg

2009 erschien im Rowohlt Verlag sein erster Roman Memory Error, der mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Es folgten vier weitere Romane, aber auch zahlreiche Kurzgeschichten, für die Wegberg unter anderem den Brandenburgischen Literaturpreis erhielt. Wegberg ist zweiter Vorsitzender des Freien Deutschen Autorenverbands Berlin, Mitgründer einer Textwerkstatt und Juror bei verschiedenen Literaturwettbewerben. Auf Berliner Lesebühnen stellt er aktuelle Texte vor. Er lektoriert die Literaturzeitschrift Storyatella und schreibt Rezensionen für die Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien sowie für Boys & Books. Seit sechs Jahren ist T. A. Wegberg ehrenamtlicher Online-Berater für Jugendliche in Krisensituationen.

 

Fabelhafte Bücher: Jedes Jahr buhlen im deutschsprachigen Raum weit mehr als 100.000 Bücher in Neuauflage um die Aufmerksamkeit der Leser. Die „Konkurrenz“ ist also gewaltig. Denken Sie über sowas nach, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen?

Nicht unbedingt als Allererstes, aber natürlich spielen diese Überlegungen eine Rolle. Andererseits ist der Markt sehr stark segmentiert. Ich konkurriere weder mit Yogaratgebern noch mit Politikerbiografien, weder mit Kochbüchern noch mit Reiseberichten. Und wenn mein Manuskript dann auch noch gut genug ist, sieht die Ausgangslage schon ganz anders aus. Positiv denken!

Fabelhafte Bücher: Bestsellerlisten wie beispielsweise die Spiegel-Bestseller-Liste waren immer schon heiß umstritten und doch orientieren sich nun mal viele Menschen an den Lesegewohnheiten anderer Leser. Wie stehen Sie zu solchen Bücherrankings?

Als Orientierungshilfe haben sie sicher ihre Berechtigung. Eine gute Verkäuflichkeit ist aber kein Kriterium für gute Literatur.

Fabelhafte Bücher: Schreibblockaden, Selbstzweifel oder einfach zu viel zu tun: Jeder Autor hat mal Durchhänger. Was ist Ihr Geheimrezept?

So geheimnisvoll ist es eigentlich gar nicht. Ich lese mir einfach die bisher entstandenen Manuskriptseiten noch mal in aller Ruhe durch, um wieder in die Stimmung, in den Flow des aktuellen Romanprojekts hineinzukommen. Meistens funktioniert’s.

Fabelhafte Bücher: Ob Indieautor oder Verlagsautor – längst wird erwartet, dass Autoren auf ihre Leser zugehen. Lesungen reichen nicht mehr, der Autor sollte möglichst auch im Internet präsent sein. Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für diese Aktivitäten rund ums Buch ein?

Ich pflege meine eigene Website, nutze das Internet aber hauptsächlich als Informationsquelle und weniger als Vermarktungsplattform. Mir fehlt der Glaube, dass eine täglich wachsende Fangemeinde ehrfurchtsvoll meine Statusmeldungen verfolgt und in Echtzeit über meine Ernährungsgewohnheiten, Körperfunktionen und Bücherkäufe informiert sein will. Wahrscheinlich habe ich einfach nur Minderwertigkeitskomplexe, oder?

Fabelhafte Bücher: Wenn Neulinge Sie nach einem Tipp fragen würden: Auf welches Marketinginstrument setzen Sie in erster Linie?

Das Netzwerk. Und zwar das persönliche, nicht das böse Wort mit F.

Fabelhafte Bücher: Von welchen Schriftstellern sehen Sie sich in Ihrem eigenen Werk beeinflusst? Wer inspiriert Sie?

Ich bewundere Haruki Murakami, Joseph von Eichendorff, Ernst Weiß, Donna Tartt, John Steinbeck, Tove Jansson, Alan Hollinghurst, Fjodor Dostojewski, William S. Maugham, Arthur Schnitzler, Rolf Lappert und viele andere, aber Inspiration ziehe ich so ziemlich aus jedem Buch, das ich lese – selbst wenn es schlecht ist.

Fabelhafte Bücher: Wieso werden von den großen Feuilletons, egal ob Spiegel, FAZ, ZEIT oder sonstigen Granden des Literaturbetriebs, immer nur die üblichen Verdächtigen rezensiert, die ohnehin jeder kennt? Wie könnte es gelingen, Newcomer stärker in den Vordergrund zu rücken?

Die Frage kann ich als Buchautor nicht beantworten. Ich habe keinerlei Einblick in die Geschäftspolitik dieser Medien. Allerdings glaube ich, dass die Relevanz solcher Feuilleton-Besprechungen ohnehin immer weiter abnimmt. Vielleicht auch nur, weil sie mich selbst nicht interessieren.

Fabelhafte Bücher: Nach Ihren Erfahrungen – welche Anfängerfehler würden Sie im Nachhinein vermeiden – was können Sie Neulingen empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben?

Mein größter Anfängerfehler – nämlich völlig blauäugig und ohne jede Ahnung vom Buchmarkt einfach ein Manuskript an einige Verlage zu schicken – hat sich als Gewinn erwiesen, da ich auf diese Weise beim Rowohlt Verlag unter Vertrag kam. Trotzdem ist das Vorgehen natürlich nicht zur Nachahmung empfohlen. Ich würde eher raten, sich sehr intensiv mit den Gegebenheiten der Buchbranche zu befassen und diese auch zu berücksichtigen. „Mein Buch ist aber anders – es ist etwas Besonderes!“ – das überzeugt Lektoren und Verleger nicht unbedingt.

Fabelhafte Bücher: Viele Schriftsteller tun sich beim Schreiben von Sex-Szenen ziemlich schwer. Gibt es Themen oder Situationen, bei deren Beschreibung Sie sich schwer tun?

Natürlich – Tausende. Alle, über die ich genau deshalb nicht schreibe.

Fabelhafte Bücher: Als heikel gelten auch politische Zuschreibungen, etwa Islamkritik oder Kritik an jüdischer Siedlungspolitik um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie gehen Sie mit dem Thema um und welchen Umgang erwarten Sie sich von Autoren insgesamt zu dem Thema?

Ich habe eine starke Abneigung gegen Manipulation. Von einem guten Autor erwarte ich, dass er eine Situation unvoreingenommen und wertfrei beschreiben kann und es dem Leser überlässt, sich ein Urteil zu bilden. Sobald ich mich als Leser zu einer Positionierung genötigt fühle, klappe ich das Buch zu. (Oder schreibe eine schlechte Rezension.)

Fabelhafte Bücher: Wenn Sie schreiben – wie strukturieren Sie Ihren Tag? Schreiben Sie, wenn Sie gerade in Stimmung sind? Oder haben Sie sich feste Zeiten reserviert?

Die jeweiligen Anforderungen diktieren den Tagesablauf. Welche Aufträge und Termine stehen auf dem Programm? Was ist wichtig? Was ist dringend? Trotzdem kann es natürlich passieren, dass ein akuter Schreibschub alle anderen Aktivitäten zum Erliegen bringt.

Fabelhafte Bücher: Bitte verraten Sie uns etwas über Ihr aktuelles Projekt. Wovon soll Ihr nächstes Buch handeln, was können Sie schon verraten?

Genau genommen sind es zwei Romanmanuskripte, die zurzeit bei meiner Agentur liegen. Grenzverletzungen beschreibt die Freundschaft zweier Mittzwanziger, von denen einer aufgrund seiner Borderline-Persönlichkeitsstörung zu sehr extremen Verhaltensweisen neigt, während der andere sich immer wieder verantwortlich fühlt und dabei an die Grenzen seiner Belastbarkeit gelangt. In Psytopia geht es um die Angst vor dem Unerklärlichen – und um die sehr bunte, sehr friedliche und sehr hedonistische Goa-Szene, vor deren Hintergrund einige recht bedrohliche Ereignisse stattfinden.

Fabelhafte Bücher: Mit bedanken uns herzlich für das Gespräch.


T. A. Wegberg im www

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