Ursula Sternberg: „Ich schätze Autoren, die eine eigene, unverwechselbare Sprache haben“

Interview mit Ursula Sternberg

 

© Ursula Sternberg
© Ursula Sternberg

Geboren 1958 in Duisburg, wuchs Ursula Sternberg in Frankfurt auf. 1978 kehrte sie ins Ruhrgebiet zurück, studierte Lehramt für Kunst und Geschichte und schulte anschließend in die IT-Branche um. Seitdem arbeitet sie hauptberuflich als Anwendungsentwicklerin.  Ihre ersten beiden Krimis wurden im Jahr 2007 veröffentlicht. Im September 2007 trat sie dem SYNDIKAT bei. Neben ihrem Beruf und dem Schreiben malt sie, überwiegend in Öl, und hat bereits an zwei Gruppen-ausstellungen teilgenommen. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Katzen in Essen.

 

Fabelhafte Bücher: Jedes Jahr buhlen im deutschsprachigen Raum weit mehr als 100.000 Bücher in Neuauflage um die Aufmerksamkeit der Leser. Die „Konkurrenz“ ist also gewaltig. Denken Sie über sowas nach, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen?

Nein. Ich schreibe, weil ich eine Geschichte erzählen möchte, die ich thematisch spannend finde, weil ich Figuren und Begebenheiten im Kopf habe, die mich so lange „bewohnen“, bis ich die Geschichte zu Ende erzählt habe – auf meine Art. Würde ich im Vorfeld überlegen, wie und womit ich Lesern gefallen und wie es mir am besten gelingen könnte, mich gegen andere Autoren durchzusetzen – ich würde das Schreiben sein lassen.

Fabelhafte Bücher: Bestsellerlisten wie beispielsweise die Spiegel-Bestseller-Liste waren immer schon heiß umstritten und doch orientieren sich nun mal viele Menschen an den Lesegewohnheiten anderer Leser. Wie stehen Sie zu solchen Bücherrankings?

Hm. Ich habe mich früher beim Bücherkauf selbst nie daran orientiert und solche Bestsellerlisten häufig nicht einmal wahrgenommen, und auch heute noch kaufe ich Bücher nach anderen Kriterien. Trotzdem weiß ich, dass sich viele Menschen daran orientieren. Aus heutiger Sicht als Autorin: Wäre schon toll, auf so einer Liste zu stehen.

Fabelhafte Bücher: Schreibblockaden, Selbstzweifel oder einfach zu viel zu tun: Jeder Autor hat mal Durchhänger. Was ist Ihr Geheimrezept?

Ich gönne mir eine Pause und gehe an die frische Luft. Während ich mich bewege, kann ich gut nachdenken und mich mit meinen Figuren und den Handlungssträngen beschäftigen. Da ich nie mit einem festen Abgabetermin arbeite, sondern mein Manuskript erst dann anbiete, wenn es aus meiner Sicht fertig ist, fahre ich damit sehr gut.

Fabelhafte Bücher: Ob Indieautor oder Verlagsautor – längst wird erwartet, dass Autoren auf ihre Leser zugehen. Lesungen reichen nicht mehr, der Autor sollte möglichst auch im Internet präsent sein. Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für diese Aktivitäten rund ums Buch ein?

Wenig. Kein Facebook, kein Twitter, kein Chat. Nach einer kurzen Stipvisite auf Facebook bin ich stiften gegangen. Ich habe keine Lust, mich auf diese Medien einzulassen, denn sie sind absolute Zeitfresser, deren Sinn und Zweck sich mir nicht erschließt. Selbst meine Homepage lasse ich professionell betreuen, wenn ein neuer Titel erscheint. Dort pflege ich lediglich Lesungstermine ein.

Fabelhafte Bücher: Wenn Neulinge Sie nach einem Tipp fragen würden: Auf welches Marketinginstrument setzen Sie in erster Linie?

Es ist nicht verkehrt, sich als Neuling bei den kleinen unabhängigen Buchhandlungen in der Umgebung vorzustellen, die Wert auf Beratung ihrer Kunden legen. Man sollte sich im Vorfeld allerdings gut überlegen, wie man sein Buch kurz und prägnant vorstellt, um das Interesse des Buchhändlers zu wecken. Wenn man Glück hat, kann man ein Leseexemplar zurück lassen, das der Buchhändler irgendwann liest. Und wenn ihm das Buch gefällt, wird er es seinen Kunden auch gerne empfehlen, insbesondere, weil es sich um einen Autor aus der eigenen Region handelt.

Fabelhafte Bücher: Von welchen Schriftstellern sehen Sie sich in Ihrem eigenen Werk beeinflusst? Wer inspiriert Sie?

Ich schätze Autoren, die eine eigene, unverwechselbare Sprache haben. Die etwas erzählen, das mich bereichert und mir neue Perspektiven gewährt. Die Charaktere schaffen, die in mir nachklingen und auch etliche Jahre später noch präsent sind. Die Smilla aus „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ von Peter Hoeg ist eine solche großartige Charaktere. Arundhati Roy mit „Der Gott der kleinen Dinge“ hat eine Sprache für ihre Geschichte gefunden, die ich (dank einer großartigen Übersetzung) zum Niederknien schön finde, einfach umwerfend. Es gibt viele Autoren, die mich beeindruckt und deshalb natürlich auch inspiriert haben.

Fabelhafte Bücher: Wieso werden von den großen Feuilletons, egal ob Spiegel, FAZ, ZEIT oder sonstigen Granden des Literaturbetriebs, immer nur die üblichen Verdächtigen rezensiert, die ohnehin jeder kennt? Wie könnte es gelingen, Newcomer stärker in den Vordergrund zu rücken?

Der Buchmarkt ist nun mal ein Geschäft, und das Schreiben von Kritiken – da darf man sich nicht vertun – ebenfalls. An Bewährtem kann man sich nicht die Finger verbrennen. An Unbekanntem schon. Aus genau diesem Grund nehmen viele Verlage auch ungern neue, unbekannte Autoren ins Programm.

Fabelhafte Bücher: Nach Ihren Erfahrungen – welche Anfängerfehler würden Sie im Nachhinein vermeiden – was können Sie Neulingen empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben?

Nichts anderes als Schreiben. Und zwar für sich selbst! Seine eigene Sprache finden, weil man Lust dazu hat, eine Geschichte zu erzählen. Nicht überlegen, was gefallen könnte, nicht spekulieren, wie und womit man Erfolg haben könnte, und vor allen Dingen: Spaß daran haben.

Fabelhafte Bücher: Viele Schriftsteller tun sich beim Schreiben von Sex-Szenen ziemlich schwer. Gibt es Themen oder Situationen, bei deren Beschreibung Sie sich schwer tun?

Ich kann und mag exzessive Gewalt, Verrohung oder Brutalität nicht in Worte fassen. Missbrauch, Sadismus, das Grauen der Massentierhaltung, Krieg, das sind Themen, die mir im wahrsten Sinne das Wort im Hals stecken lassen. Sie machen mich stumm und sprachlos.

Fabelhafte Bücher: Als heikel gelten auch politische Zuschreibungen, etwa Islamkritik oder Kritik an jüdischer Siedlungspolitik um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie gehen Sie mit dem Thema um und welchen Umgang erwarten Sie sich von Autoren insgesamt zu dem Thema?

Jetzt bin ich etwas verwundert. Warum sollte ausgerechnet das Schreiben sich in einem politikfreien Raum bewegen müssen? Von einem Autor, der sich eines umstrittenen politischen Themas annimmt, weil es ihn bewegt und beschäftigt, erwarte ich allerdings eine gründliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Und weil wir hier nicht über Sachbücher sprechen, erwarte ich auch, dass die Aufbereitung dieses Themas mich unterhält und fesselt.

Fabelhafte Bücher: Wenn Sie schreiben – wie strukturieren Sie Ihren Tag? Schreiben Sie, wenn Sie gerade in Stimmung sind? Oder haben Sie sich feste Zeiten reserviert?

Weder noch. Ich muss neben einem Beruf schreiben, der mich ernährt und weite Teile meines Lebens bestimmt. Von daher muss ich die Zeiten nehmen, die mir bleiben, und dann auch noch den Spagat hinbekommen, Familie und Freunde darüber nicht komplett zu vernachlässigen. Wenn ich mit einem Schreibprojekt liebäugele, ist das noch kein Problem. Ich taste mich an das Thema heran, recherchiere, entwickle Ideen. Aber wenn ich einmal losgelegt habe und richtig im Thema bin, dann wird es schwierig, weil mir die Zeit fehlt, das am Stück umzusetzen, was in mir brodelt. Dann schreibe ich Wochenende um Wochenende und manchmal auch abends in der Woche und strapaziere Freundeskreis und Familie, weil ich einfach keine Zeit mehr für sie habe.

Fabelhafte Bücher: Bitte verraten Sie uns etwas über Ihr aktuelles Projekt. Wovon soll Ihr nächstes Buch handeln, was können Sie schon verraten?

Ich weiß es noch nicht. Ich suche… und genieße die schreibfreie Zeit. Aber es wird wieder brodeln. Bestimmt!

Fabelhafte Bücher: Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.

Vielen Dank für die Einladung, mich zu äußern!


 


 

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