Willi F. Gerbode: „Ich meine, dass Schreiben Handwerk ist“

Interview mit Willi F. Gerbode

 

Willi F. Gerbode wurde 1955 in Gieboldehausen bei Göttingen geboren. Er studierte Germanistik und Politikwissenschaften und unterrichtete an Gymnasien im Münsterland Deutsch und Sozialwissenschaften. Seit Sommer 2002 ist er Schriftsteller, literarischer Kabarettist und Fingerstyle-Gitarrist. 1979 Veröffentlichung von “Neun Lieder und´n Keks”, im gleichen Jahr Preisträger der Phonoakademie. Mitglied der europäischen Autorenvereinigung DIE KOGGE/ Minden, des Instituts für regionale Sprachen und Kulturen/ Innsbruck/Wien, der Vereinigung QUICKBORN in Hamburg und des Verbands Deutscher Schriftsteller. Gerbode lebt in Friedrichskoog an der Nordsee sowie jedes Jahr längere Zeit in Griechenland.

Willi F. Gerbode bei einer Konzertlesung in Meran © Markus Manfred Jung, 2012
Willi F. Gerbode bei einer Konzertlesung in Meran
© Markus Manfred Jung, 2012

 

Fabelhafte Bücher: Schreibblockaden, Selbstzweifel oder einfach zu viel zu tun: Jeder Autor hat mal Durchhänger. Was ist Ihr Geheimrezept?

Ente im Bräter mit Selbstbeträufelung.

Fabelhafte Bücher: Ob Indieautor oder Verlagsautor – längst wird erwartet, dass Autoren auf ihre Leser zugehen. Lesungen reichen nicht mehr, der Autor sollte möglichst auch im Internet präsent sein. Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für diese Aktivitäten rund ums Buch ein?

So wenig wie möglich. Aber meine Homepage www.gerbode.de ist ziemlich umfänglich und -so hoffe ich wenigstens – informativ.

Fabelhafte Bücher: Wenn Neulinge Sie nach einem Tipp fragen würden: Auf welches Marketinginstrument setzen Sie in erster Linie?

Qualität, Qualität, Qualität. Wie beim Immobilienkauf, wo gilt: Lage, Lage, Lage.

Fabelhafte Bücher: Von welchen Schriftstellern sehen Sie sich in Ihrem eigenen Werk beeinflusst? Wer inspiriert Sie?

Hängt von der Gattung ab. Lyrik: Erich Fried und Andreas Gryphius; Kurzprosa: Roald Dahl, Ernest Hemingway; Novelle und Roman: Heinrich von Kleist, Max Frisch, aber auch Thomas Hettche. Die Inspiration läuft bei mir weniger über die Kenntnis darüber, wie Autoren schreiben (obwohl ich ja auch Germanist bin), sondern über den glasklaren, unverstellten Blick auf das Verhalten meiner Mitmenschen. Dieses liefert mir auch meine Mikromotive, nicht etwa die literarische Gesinnungsethik – meine oder die anderer Schreiber.

Fabelhafte Bücher: Wieso werden von den großen Feuilletons, egal ob Spiegel, FAZ, ZEIT oder sonstigen Granden des Literaturbetriebs, immer nur die üblichen Verdächtigen rezensiert, die ohnehin jeder kennt? Wie könnte es gelingen, Newcomer stärker in den Vordergrund zu rücken?

Das Ansehen des Kritikers steigt mit der Popularität des Autors, der Autorin, den/die er bejubelt, verreißt; das Medium verkauft sich mit der Popularität des Autors, der Autorin, über den/über die berichtet, dessen/deren Werk vernudelt wird. Newcomer haben nur eine Chance, wenn Sie zufällig im Mainstream liegen. Wahrscheinlich ist ein Weg über You Tube und andere Internetkanäle von Nutzen.

Fabelhafte Bücher: Nach Ihren Erfahrungen – welche Anfängerfehler würden Sie im Nachhinein vermeiden – was können Sie Neulingen empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben?

Jeder Anfänger wird mehr oder weniger die gleichen Fehler machen, ja, er muss sie machen. Fehler werden in der Regel negativ sanktioniert. Dann sollte man weiterschreiben, sich durch das Schreiben entwickeln, bis Resonanzen – woher auch immer – positiv werden. Wer schreibt, um damit reich zu werden, wird wahrscheinlich scheitern. Eine gute Möglichkeit ist es auch, sich bei Literaturwettbewerben messen zu lassen, Kontakt zu KollegenInnen der schreibenden Zunft zu suchen, sich zu vergleichen. Das veröffentlichte Buch wird zunächst ein Traum bleiben. Das Schreiben ist wichtig. So findet man seinen Weg, entwickelt seinen eigenen Stil und Geschmack, lernt das Instrumentarium. Mein grandioser Anfängerfehler: Kindheitserinnerungen an Verlage zu schicken. Neudeutsch: ein absolutes No-go.

Fabelhafte Bücher: Viele Schriftsteller tun sich beim Schreiben von Sex-Szenen ziemlich schwer. Gibt es Themen oder Situationen, bei deren Beschreibung Sie sich schwer tun?

Alles ist schwierig, wo man in Gefahr läuft, Klischees zu produzieren. Da hilft es, bewusst gegen den Strich, gegen Gewohnheiten zu schreiben. Ich versuche dann, genau auf die Situation zu schauen, präzise, detailverliebt wie eine Kamera im Zoommodus, weil das dann in Bereiche, Details, geht, die der erste (Über)Blick nicht liefert. Und wenn schon Sexbeschreibung, dann bitte explizit und nicht softpornoverschurbelt. Alternative: Sich fragen, ob eine Sexbeschreibung im Kontext überhaupt nötig ist. Sex sells – so sagt man. Aber da sollte man sich schon immer die Frage stellen, ob man Sex oder Literatur liefern will. Literarischer Sex ist oft so was wie Duschen-ohne-naß-zu werden. Situationen, deren literarische Umsetzung mir schwierig erscheinen, nehme ich als Herausforderung. Prinzipiell gilt: Geht nicht, gibt´s nicht.

Fabelhafte Bücher: Als heikel gelten auch politische Zuschreibungen, etwa Islamkritik oder Kritik an jüdischer Siedlungspolitik um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie gehen Sie mit dem Thema um und welchen Umgang erwarten Sie sich von Autoren insgesamt zu dem Thema?

Platte Kritik im Sinne von Propaganda für oder gegen etwas halte ich in der Literatur für ein Übel. Egal, aus welcher Perspektive man schreibt: von rechts, links, oben, unten. Der Mut zum Exemplarischen, Individuellen, nicht Stereotypen ist mir wichtig. Deswegen versuche ich z.B. in meinen Büchern über die Griechenland-Krise die Einzelschicksale in den Vordergrund zu stellen, aus denen ich dann als gelernter Politikwissenschaftler versuche zur Analyse komme. Soll heißen: Ich trenne ziemlich klar zwischen dem Blick auf den Alltag, den ich mit literarischen Mitteln erfasse, und der essayistisch-wissenschaftlichen Einordnung, Sortierung, die ein anderes Instrumentarium erfordert. Die Reaktion der Leser zeigt mir, dass ich mit dieser Methode nicht allzu falsch liege.

Fabelhafte Bücher: Wenn Sie schreiben – wie strukturieren Sie Ihren Tag? Schreiben Sie, wenn Sie gerade in Stimmung sind? Oder haben Sie sich feste Zeiten reserviert?

Ich schreibe am liebsten nach dem Frühstück. Zwei, drei Stunden, nicht mehr. In der Regel fehlt mir für längeres Schreiben die nötige Konzentration. Ein ausführlicher Spaziergang verschafft mir dann die Distanz zum eigenen Text. Korrekturen sind für mich nachmittags am effektivsten. Die Erstkorrektur am Schreibtag, die Zweitkorrektur am Folgetag. Wenn ein Kapitel geschrieben ist, lasse ich den Text gern liegen und greife dann wieder auf ihn zurück, wenn ich das Kompositionsmuster nicht mehr parat habe. Dann kann ich das Geschriebene neu lesen. Klar, ich erinnere mich dann dennoch immer wieder an die Kompositionsfigur, aber mit dieser Methode versuche ich auf die andere Seite der schriftlichen Kommunikation, auf die Leserseite, zu komme. Die verliebte Selbstüberwältigung durch einen frischen Text fehlt einfach nach längerer Zeit, nach ein, zwei Wochen. Das Obige gilt besonders für die Prosa.

Ich streiche gern vieles, was nicht funktional erscheint. Gerade in Kurzgeschichten, aber auch Gedichten funktioniert für mich das Weglassen, weil es dem „mündigen Leser“ mehr Raum gibt, ihn nicht zu sehr zum Literaturfuttertier degradiert. Man probiere es: In der Kurzprosa einmal alle Attribute und Adjektive streichen. In der Lyrik auf die Kraft präpositionaler Ausdrücke setzen, Verben weglassen, durch Sprache fotografieren, teilweise auch in mehreren Schritten. Soweit, bis das Streichen den Text verkrüppelt, das Verständnis gefährdet. Erst dann wieder zaghaft aufrüsten, einfügen. Und schließlich das Gedicht auf die Struktur hin prüfen: Zeilensprünge auf ihren Sinn hin optimieren, kontrollieren. Zeilenkomposition heißt ja nicht einfach nur Auflistung, Aneinanderreihung von Bildern, Metaphern. Ganz wichtig: Ich versuche immer wieder, den lyrischen Text gegen den Strich zu bügeln, traditionelle Bilder zu vermeiden.

Schreiben, wenn man in Stimmung ist – das halte ich für eine gefährliche Arbeitsmethode. Ich meine, dass Schreiben Handwerk ist. Die göttliche Eingebung und das Warten darauf produziert nach meiner Erfahrung Schreibblockaden. Natürlich weiß auch ich um um die Phasen, da alles automatisch zu gelingen scheint. Da versag ich mir den Schreibfluss auch nicht, weiß aber ganz genau: Hier werde ich später besonders sorgfältig schauen müssen, dass da nicht Plattetüden, Klischees auf die Festplatte und von da ans Tageslicht der Öffentlichkeit kommen.

Lange Spaziergänge in Landschaften, die nicht zu sehr ablenken, fördern übrigens nach meiner Erfahrung die Inspiration.
Der so oft unterbewertete und als Vielschreiber belächelte Johannes Mario Simmel hat mal gesagt, er schreibe jeden Tag. Und wenn er nur eine Seite täglich zuwege bringe, seien das schließlich 365 Seiten im Jahr. Das halte ich für eine sehr professionelle Haltung – die sich m. E. besonders rechnet, wenn man sich der Romanprosa verschrieben hat.

Fabelhafte Bücher: Bitte verraten Sie uns etwas über Ihr aktuelles Projekt. Wovon soll Ihr nächstes Buch handeln, was können Sie schon verraten?

Ich habe vor mindestens 20 Jahren einmal angefangen, Autobiografisches, Kindheitserinnerungen zu schreiben. Viele literarische Novizen fangen mit diesen Sujets an, bieten das den Verlagen an – und bleiben da hängen, weil kaum ein Verlag diese Ergüsse veröffentlichen will. (Wenn man mal prüfte, was die Zuschussverlage so publizieren, dürfte in diesem Bedürfnis vieler, das eigene Leben durch fixierte Erinnerungen zu konservieren, ihr Hauptbusiness liegen) Demnächst werde ich 60 Jahre alt. Ich will es mir als Geburtstagsgeschenk machen, diese Texte, die eigentlich schon „fertig“ markiert sind, komplett zu überarbeiten – mit all dem, was ich in der Zwischenzeit beim und im Schreiben gelernt habe. Und wenn sie dann noch bestehen können, vor mir bestehen können, dann werde ich das vielleicht einem Verlag anbieten. Wenn nicht, freut sich vielleicht die Familie nach der Beerdigungsfeier.
In den letzten Jahren lag mein Arbeitsschwerpunkt eindeutig im Bereich der politischen Reiseschriftstellerei. Die Griechenland-Krise und was sie für die Menschen in Hellas im Alltag bedeutet, war mir eine – ich muss es so abgegriffen formulieren – eine Herzensangelegenheit. Ich liebe die Sprache, ich spreche sie. Vielleicht werde ich dazu (wenn es die Arbeitszeit zulässt) künftig einen Blog schreiben. Da kann ich schnell reagieren, tagesaktuell, ohne kommerzielle Rücksichten nehmen zu müssen.

Was ich zudem schon seit Jahren immer vor mir herschiebe: die Aufnahme einer CD mit Fingerstyleguitar, eigenen Open-Tunings. Da meine öffentlichen Veranstaltungen fast immer Konzertlesungen sind und die Zuhörer regelmäßig nach einer CD fragen, ist das eigentlich lange fällig. Eine solche CD wäre für mich auch ein ganz persönlicher Rückgriff auf meine künstlerischen Anfänge: 1979 habe ich als Mittzwanziger die LP „Neun Lieder und ´n Keks“ aufgenommen und bin kurze Zeit später mit einigen Titeln beim Nachwuchsfestival der Deutschen Phonoakademie „Preisträger der Deutschen Phonoakademie“ als Liedermacher geworden. Der „Keks“ damals war ein Gitarreninstrumental. Jetzt hätte ich genügend Material für eine dicke Kekstüte.

Fabelhafte Bücher: Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.


Veröffentlichungen

Lyrik, zwei Romane, Satiren um Dr. Schulze-Lotterbett, CDs mit Text und Musik. Von 2010 bis 2012 drei politische Reisebände über Griechenland, zuletzt: „Der freie Fall des Ikaros. Bei den Griechen im Kampf um Europa“.


 

Der Autor im www

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.