Wolfgang Cziesla: „Das Indirekte ist oft von größerem literarischen Reiz“

Interview mit Wolfgang Cziesla

 

© Wolfgang Cziesla
© Wolfgang Cziesla

Dr. Wolfgang Cziesla, 1955 im Ruhrgebiet geboren, studierte Germanistik, Anglistik und Kunstwissenschaft in Tübingen, Essen und Bangor (Nord-Wales). Cziesla reiste durch Afrika, Asien, Polynesien, Nord-, Mittel- und Südamerika. Als Literaturwissenschaftler wurde er zu internationalen Kongressen, Autoren-lesungen und an mehrere deutsche Universitäten eingeladen. Zurzeit lebt Wolfgang Cziesla als Schriftsteller im Ruhrgebiet.

 

Fabelhafte Bücher: Jedes Jahr buhlen im deutschsprachigen Raum weit mehr als 100.000 Bücher in Neuauflage um die Aufmerksamkeit der Leser. Die „Konkurrenz“ ist also gewaltig. Denken Sie über sowas nach, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen?

Nein, ich gehöre zu den „Autisten“.

Fabelhafte Bücher: Bestsellerlisten wie beispielsweise die Spiegel-Bestseller-Liste waren immer schon heiß umstritten und doch orientieren sich nun mal viele Menschen an den Lesegewohnheiten anderer Leser. Wie stehen Sie zu solchen Bücherrankings?

Das mich Faszinierende finde ich eher in Nischen. Es ist die seltene Ausnahme, wenn ein Buch, das ich gern gelesen habe, auf einer Bestsellerliste erscheint (ein Beispiel wäre Houellebecq).

Fabelhafte Bücher: Schreibblockaden, Selbstzweifel oder einfach zu viel zu tun: Jeder Autor hat mal Durchhänger. Was ist Ihr Geheimrezept?

Nur dann schreiben, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Niemand erwartet von mir das nächste Buch.

Fabelhafte Bücher: Ob Indieautor oder Verlagsautor – längst wird erwartet, dass Autoren auf ihre Leser zugehen. Lesungen reichen nicht mehr, der Autor sollte möglichst auch im Internet präsent sein. Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für diese Aktivitäten rund ums Buch ein?

8–10 Stunden pro Woche.

Fabelhafte Bücher: Wenn Neulinge Sie nach einem Tipp fragen würden: Auf welches Marketinginstrument setzen Sie in erster Linie?

Literarische Qualität.

Fabelhafte Bücher: Von welchen Schriftstellern sehen Sie sich in Ihrem eigenen Werk beeinflusst? Wer inspiriert Sie?

Von Jugend an bewundere ich Samuel Beckett um seine Kunst der Reduktion, seinen Minimalismus. Witold Gombrowicz schätze ich wegen seines Sprachwitzes und seiner schelmischen Art. Die Kunst der geradlinigen Handlungsführung imponiert mir bei Autoren wie Graham Greene oder Evelyn Waugh. Ein unbestrittener Meister des Romans, wenngleich in seiner Welt unerreichbar weit entfernt, ist für mich Vladimir Nabokov. Unter den deutschsprachigen Gegenwartsautoren mag ich Georg Klein besonders. In der genre-übergreifenden Art zu Arbeiten hingegen schaue ich mir eher an, was Künstler wie Kurt Schwitters (auch literarisch) geleistet haben.

Fabelhafte Bücher: Wieso werden von den großen Feuilletons, egal ob Spiegel, FAZ, ZEIT oder sonstigen Granden des Literaturbetriebs, immer nur die üblichen Verdächtigen rezensiert, die ohnehin jeder kennt? Wie könnte es gelingen, Newcomer stärker in den Vordergrund zu rücken?

Kritiker bilden eine Kaste für sich. Sie schielen mehr darauf, was der Kollege macht, als dass sie die Bücherstapel, die tagtäglich auf ihrem Schreibtisch landen, wahrnehmen. Oft fehlt es auch an Mut, sich für einen noch nicht allgemein anerkannten Autor stark zu machen. Umso erstaunlicher finde ich es, wenn es doch immer wieder dem einen oder anderen nicht so stromlinienförmigen Autor gelingt, sich bemerkbar zu machen.

Fabelhafte Bücher: Nach Ihren Erfahrungen – welche Anfängerfehler würden Sie im Nachhinein vermeiden – was können Sie Neulingen empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben?

Ein Anfänger irrt, wenn er glaubt, der Literaturbetrieb würde sich über sein Buch freuen. Kaum jemand, der professionell mit Büchern zu tun hat, wünscht sich, dass es noch mehr davon gibt. Dennoch möchte ich jeden ermutigen, sich in schriftlicher Form mit sich selbst und der Welt auseinanderzusetzen. Die stille Freude am Gelingen ist bereits ein unschätzbarer Lohn. Du bist dein erster Leser; dir muss gefallen, was du machst. Der Markt ist unberechenbar. Der Erfolg kommt von selbst oder auch nicht, aber das ist zweitrangig. Übrigens: Sich nur mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben, genügt nicht. In diesem Fall, würde ich es lieber bleiben lassen.

Fabelhafte Bücher: Viele Schriftsteller tun sich beim Schreiben von Sex-Szenen ziemlich schwer. Gibt es Themen oder Situationen, bei deren Beschreibung Sie sich schwer tun?

Stimmt. Sex kann schön sein in der Wirklichkeit, ist aber schwierig zu beschreiben. Das Indirekte ist oft von größerem literarischen Reiz.

Fabelhafte Bücher: Als heikel gelten auch politische Zuschreibungen, etwa Islamkritik oder Kritik an jüdischer Siedlungspolitik um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie gehen Sie mit dem Thema um und welchen Umgang erwarten Sie sich von Autoren insgesamt zu dem Thema?

Es liegt mir fern, eine Moral für Autoren insgesamt zu formulieren. Zwar halte ich Ehrlichkeit für eine der wichtigsten Tugenden, jedoch möchte ich niemanden unnötig verletzen. Provokation, nur um Aufmerksamkeit zu erregen, vermeide ich. Religion ist für mich Privatsache, die es zu respektieren gilt. Gewalttaten mit dem falschem Etikett einer vermeintlichen Religionszugehörigkeit dürfen hingegen als das bezeichnet werden, was sie sind: Verbrechen.

Fabelhafte Bücher: Wenn Sie schreiben – wie strukturieren Sie Ihren Tag? Schreiben Sie, wenn Sie gerade in Stimmung sind? Oder haben Sie sich feste Zeiten reserviert?

Abends und nachts kann ich mich meistens besser konzentrieren als morgens. Das Schreiben in Zügen oder in Cafés hat den Vorteil, dass mir keine Bibliothek und (mit meinen Mitteln) nicht das Internet zur Verfügung steht. Für den Schreibfluss ist es förderlich, wenn man sich nicht durch ständiges Recherchieren oder Vergewissern selbst ausbremst. Sind die Gedanken erst einmal auf dem Papier, beginnt das Korrigieren und Ergänzen. Das geschieht zu Hause am PC. Um die Gedanken im Kopf reifen zu lassen, gehe ich spazieren oder lege mich in die Badewanne.

Fabelhafte Bücher: Bitte verraten Sie uns etwas über Ihr aktuelles Projekt. Wovon soll Ihr nächstes Buch handeln, was können Sie schon verraten?

Leider ist da mehr als eines. Fast ständig entstehen mehrere Texte (unterschiedlichen Umfangs) im gleichen Zeitraum. Es gibt einige unfertige Romane, die ich mir erneut vornehmen sollte. Andererseits sind die neuesten Ideen für mich meistens die spannenderen. Ich schreibe seit ca. 8 Jahren an einem Episodenroman mit einem Protagonisten namens Stoyke. Daneben ist meine erstaunliche Mutter ein literarisch noch unbewältigtes Thema, zu dem ich mir viele Notizen gemacht habe. Aus der Fülle meiner Tagebücher (Tag für Tag aufgezeichnet seit 1971) möchte ich längs durch die Zeiten einmal ein „Idealjahr“ und daneben ein „Katastrophenjahr“ zusammenstellen. Mein eigentliches literarisches und gesamtkünstlerisches Lebenswerk jedoch, an dem ich seit 1977 arbeite, heißt „Der Firwitz“. Worum es dabei geht, wird in einem kleinen Artikel in der Literaturzeitschrift „Sinn und Form“, Heft 2/2015, angedeutet, sowie auf der Website firwitz.de.

Fabelhafte Bücher: Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.


Wolfgang Cziesla im www

 

 

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