Literaturblogger und Bestseller: Ein schwieriges Verhältnis

Mit überraschend großer Skepsis begegnet eine breite Mehrheit der deutschsprachigen Literaturblogger den Bestsellerlisten von Spiegel, Amazon und anderen Anbietern. Dies ergab eine aktuelle Umfrage von fabelhafte-buecher.de unter Blogbetreibern in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Insgesamt 112 Blogger beteiligten sich Mitte April an der Befragung. Vorausgegangen war eine Erhebung unter 162 Schriftstellern, bei der unter anderem die Bestsellerlisten häufig kritisiert und teilweise scharf angegriffen worden waren.

April 2015 / mg

 

Orientieren an Bestsellerlisten? Fehlanzeige

Dominieren die Auslagen der Buchgeschäfte: Die Bestsellerlisten. Blogger betrachten sie mit Argwohn.
Dominieren die Auslagen der Buchgeschäfte: Die Bestsellerlisten. Blogger betrachten sie mit Argwohn.

Den Bloggern wurde zunächst die folgende Frage vorgelegt: „Welche Bestsellerliste ist für Dich/Sie persönlich noch am ehesten wichtig: Spiegel-Bestsellerliste / Amazon-Bestsellerliste / Focus-Bestsellerliste / Andere / Gar keine“. Darauf antwortete eine klare Mehrheit von 69 Teilnehmern mit „gar keine“. Weitere 20 Blogger sprachen sich für die Spiegelliste aus und knapp dahinter 18 Blogger für die Bestsellerliste von Amazon. Doch selbst hier fehlte häufig nicht der einschränkende Hinweis, dass man die Listen dennoch mit Vorbehalt nutzt und sich nicht beeinflussen lassen möchte. So schreibt zum Beispiel eine 34jährige Bloggerin aus Kiel: „Am ehesten riskiere ich in den Buchhandlungen mal einen kurzen Blick auf die Spiegel-Bestsellerliste, ansonsten ist für mich aber keine relevant.“

 

Den Nutzen nicht rundweg in Frage gestellt

Darauf folgend wurden die Blogger gebeten, zu der häufig geäußerten Einschätzung Stellung zu nehmen, wonach Bestsellerlisten mehr Schaden anrichten, als sie Nutzen bringen. Die Einschätzung sollte auf einer Likert-Skala von 1 („sehr richtig“) bis 5 („find ich überhaupt nicht“) erfolgen. Daraufhin antworteten 28 Befragte mit 1 oder 2 und sprachen sich demnach klar dafür aus, dass der Schaden überwiegt, während allerdings 38 Befragte mit 4 oder 5 antworteten und mithin einen Schaden für klar unwahrscheinlich halten. Abgesehen davon gibt es wie in jeder Erhebung die sogenannte Tendenz zur Mitte – viele Befragte zeigen sich unentschieden und antworten mit „3“. Das die Blogger für sich selbst nicht auf die Bestsellerlisten von Spiegel, Amazon und Co. zurückgreifen mögen, heißt also nicht unbedingt, dass die Bücherrankings in Bausch und Bogen für die lesende Bevölkerung abgelehnt werden.

 

Wird etwa gemogelt?

Bestseller - Wie kommen die Listen zustande?
Bestseller wie Fitzeks „Passagier 23“ – Wie kommen die Listen zustande?

Etwas heikel ist wohl die Frage, ob verdeckte Möglichkeiten vermutet werden, Bücher auf Listenplätze zu schieben, die dort von den Verkaufszahlen her eigentlich nicht sein dürften. Aufgekommen ist der Vorwurf bei der oben zitierten Befragung der Autoren, bei denen immerhin 26 der 162 Befragten angaben, bei den Listenplätzen gehe es nicht immer mit rechten Dingen zu. Auf die Frage: „Auf einer Skala von 1 („sehr richtig“) bis 5 („find ich überhaupt nicht“), wie stehst Du/Sie zu der Vermutung mancher Autoren, dass bei den Listenplätzen gemogelt wird?“ antworteten 48 Befragte mit 1 oder 2 und räumen damit ein, dem Zustandekommen der Bestsellerlisten zu misstrauen. „Warum sollte ausgerechnet in diesem Bereich NICHT gemogelt werden?“ fragt zum Beispiel eine engagierte Bloggerin und eine andere sekundiert: „Sind wir mal ehrlich. Ein Buch, das von so ziemlich allen Lesern gehasst oder verachtet wird und wochenlang in der Top 10 einer Liste einer Zeitung ist? Das glaubt doch kein Mensch.“ Andere führen ins Feld, dass sich mitunter Bücher auf der Bestenliste befinden, die noch gar nicht erschienen sind und diese demnach schwerlich die echten Verkaufsrankings widerspiegeln könnten.

Andererseits halten immerhin 20 der befragten Blogger diese Vermutung für abwegig und antworten mit 4 oder 5. So schreibt etwa ein Literaturblogger aus Remscheid: „Das halte ich für verletztes Ego oder übersteigertes Geltungsbewusstsein der Autoren. Mir fehlt da eine nachvollziehbare Begründung, warum das geschehen sollte. Und wie? Amazon ermittelt die Zahlen aus den Verkäufen und denen dürfte es egal sein, was sie verkaufen, Hauptsache, sie verkaufen. Spiegel und Focus bekommen die Zahlen von Dritten. Die können zwar einfach schlecht sein, aber wer sollte da manipulieren? Die Verlage, um irgendwas vorne zu platzieren? Ich gehe davon aus, dass so etwas schon lange aufgeflogen wäre. Bis mir jemand einen Gegenbeweis bringt, halte ich das für kompletten Mumpitz.“

 

Fazit

Zusammengefasst steht die Szene der Literaturblogger den Bestsellerrankings eher argwöhnisch gegenüber. Die Mehrheit verneint die eigene Nutzung und auch wer die Rankings von Spiegel und Amazon verwendet, bewahrt sich dabei in der Regel eine gewisse Skepsis.  Insgesamt für die Leserschaft abgelehnt werden die Rankings deshalb aber nicht. Das der Schaden den Nutzen überwiegt, findet nur eine Minderheit.

Die Vermutung, dass bei den Rankings gemauschelt wird, ist vermutlich so alt wie die Bestsellerlisten selbst. Beweisen ist schwierig und so bleibt es bei Vermutungen. Geht man aber davon aus, dass Literaturblogger gegenüber der Gesamtbevölkerung überdurchschnittlich gut über buchbezogene Themen informiert sind und über Einfluss am Markt verfügen, so lässt das zumindest den vorsichtigen Rückschluss zu, dass die Betreiber der einschlägigen Hitlisten an ihrer Glaubwürdigkeit feilen sollten.


Weiterführend: Aktuelle Bestseller

MG/fabelhafte-buecher.de

Ein Gedanke zu „Literaturblogger und Bestseller: Ein schwieriges Verhältnis“

  1. Das ein Autor stark abgelehnt wird ist aber eigtl. Kein Beweis dass es nicht zu den meisverkauften gehört. Wie sagen die Marketeers immer…auch schlechte Presse ist immer noch Presse. Es geht um Aufmerksamkeit!!

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