Barry Jonsberg: „Flieg, so hoch du kannst“

jonsberg_fliegRezension von Mona.

„Andere Leute glauben, die Oberfläche sei alles. Aber ich bin verborgen unter vielen Schichten, und nur wer richtig hinschaut, kann mich sehen.“ (S. 90)

Nachdem Barry Jonsberg mir mit seinem warmherzigen Roman „Das Blubbern von Glück“ 2014 ein Jahreshighlight beherrschte, hatte ich auch große Erwartungen an sein neuestes Kinder- und Jugendbuch. Und obwohl dieses bei mir nicht dieselben Begeisterungsstürme ausgelöst hat, hatte ich trotzdem eine schöne und erfüllende Lesezeit.

Aber worum geht es überhaupt?

Holly Holley ist durchschnittlicher als Erika Mustermann. Sie ist so durchschnittlich, dass kaum einer sie wahrnimmt, was natürlich nicht gerade produktiv ist, wenn man seinem Schwarm – einem der angesagtesten Jungen auf der Schule, imponieren will. Darum beschließt sie ihr ebenso durchschnittliches Äußeres zu verändern, indem sie auf eine Schönheitsoperation spart und sich Stylingtipps von den wandelnden Schminkkoffern der Schule holt. Alles scheint sich günstig zu entwickeln, bis ihre Cousine Cassie in ihr Leben tritt und dieses auf den Kopf stellt.

Cassie hat Zerebralparese; sie ist nicht in der Lage, ihre Muskeln zu bewegen und somit ganzheitlich auf Hilfe angewiesen. Was aber viel wichtiger ist: Cassie ist hochintelligent, einfühlsam und hat eine wunderbar poetische Artikulationskraft, man muss sie nur verstehen. Ihre Mutter Fern ist dieser eine ganz besondere Mensch, der Cassie in jeder Hinsicht versteht, dazu braucht es keine Worte.

Nach der Trennung von ihrem Vater, ziehen Cassie und ihre Mutter zu Holly und ihrer Mutter. Was für alle Parteien anfänglich mit enormen Schwierigkeiten verbunden ist, hinterlässt nach einiger Zeit tiefe Spuren in jedem einzelnen von ihnen… Als ich dieses Buch erhalten habe, überkam mich sofort die Neugier und ich musste mindestens die erste Seite lesen. Dann war ich allerdings bereits so gefesselt, dass alles um mich herum ruhen musste und diese kleine, zarte Geschichte meine ganze Aufmerksamkeit gefordert hat.

Das liegt vordergründig an diesem luftig leichten Schreibstil, immer mit Hang zum Sarkasmus und einer großen Portion Charme. Dann tragen die Charaktere einen riesigen Teil dazu bei. Wenn Holly von sich und ihrer absoluten Durchschnittlichkeit erzählt, überkommt mich ein Schmunzeln und sie nimmt mich sofort für sich ein. Diese Selbstironie bei Charakteren schätze ich sehr.

Auch gibt es Passagen aus Cassies Sicht. Ihre Gedankengänge sind weniger ironisch, dafür wunderschön poetisch und nachdenklich. Was mir außerdem unheimlich gefallen hat, waren die Perspektiven. Obwohl es eigentlich nur zwei Erzählperspektiven gab, gab es trotzdem vier Sichtweisen. Einmal erzählt Holly in der Ich-Perspektive, dann erscheint ein allgemeiner Erzähler und schildert das Geschehen von außen. Außerdem gibt es Cassies Gedankengänge und die Sichtweise ihrer Mutter Fern. Dieser Wechsel von Perspektiven machte die ganze Geschichte noch tiefgründiger und aufregender, ohne jedoch dabei kompliziert zu werden.

Auch wenn die Rahmenhandlung und die Entwicklung der Charaktere schon ziemlich vorhersehbar waren, haben sie mich berührt und mich mit einem warmherzigen Gefühl zurückgelassen. Außerdem werden hier Themen angesprochen, die meiner Meinung nach in der Literatur und vor allem in unserer Gesellschaft zu kurz kommen. Wer genaueres darüber wissen möchte, muss natürlich selber zum Buch greifen. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass irgendjemand völlig enttäuscht zurückbleiben wird.

Fazit: Auch wenn hier auf keinen Fall das Rad neu erfunden wurde, ist diese Geschichte trotzdem ein kleines, unbedingt lesenswertes Herzstück. Unter anderem empfehlenswert für Leser, die Schwierigkeiten im Umgang mit beeinträchtigten Menschen haben.

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