Care Santos: „Die Geister schweigen“

Rezension von Fenna Wächter

santos_geister_schweigenAm 24. Dezember 1932 erledigt Doña Maria del Roser Golorons, Witwe des Don Rodolfo Lax, ihre Weihnachtseinkäufe. An ihrer Seite: die treue Seele Concha, die vor Jahrzehnten als Amme in das Haus der wohlhabenden Geschäftsfamilie Lax gekommen ist, und die seit Jahren die treueste Begleiterin der Doña ist. Diese hat in den letzten Jahren geistig stark abgebaut und während ihre klaren Momente immer seltener werden, hat sie zunehmend Schwierigkeiten sich in der Jetzt-Zeit zurechtzufinden. So erkundigt sie sich auf der Heimfahrt im eleganten Wagen auch beim Chauffeur, ob er denn die Maultiere gewechselt habe, sodass sie nicht noch mehr Zeit verlören? „Automobilie benötigen keine Maultiere mehr, Señora. Das macht jetzt alles der Motor“, erklärt der Chauffeur gutmütig. Doch die Dame lässt sich nicht beirren, „Verlass dich nicht darauf und schau nach dem Maultier…“ ordnet sie an, ehe sie einnickt.

So wie die Gedanken der Maria del Roser Golorons große Zeitsprünge machen, springt auch die Erzählerin zwischen verschiedenen Zeiten hin und her. Anders als die Matriarchin blickt sie jedoch auch in die Zukunft und betrachtet Violeta Lax im Jahr 2010 dabei, wie sie nach Barcelona zurückkehrt um dabei zu sein wenn das Haus ihres Großvaters, des berühmten Malers Amadeo Lax (Sohn von Maria del Roser), zu einer öffentlichen Bibliothek umgebaut wird. Im Zuge dieser Umbauarbeiten wird ein grausiger Fund gemacht, der Violetas Blick auf ihren Großvater erschüttert und in ihr den Wunsch weckt, mehr über die Geschichte ihrer Familie zu erfahren.

Während ihr das nur begrenzt möglich ist (schließlich schwiegen die Geister der Betroffenen), tut Care Santos dem Leser den Gefallen, hinter alle Kulissen und in alle Epochen hinein zu blicken. Nicht nur über Violetas Großvater erfahren wir mehr, wir lernen auch ihre Urgroßmutter Doña Maria und deren Mann Don Rodolfo besser kennen. Mehr als hundert Jahre umspannt das Buch und taucht zwischen 1889 und 2010 in loser Abfolge immer wieder in verschiedene Momente und Phasen des Familienlebens der Lax‘ ein. Dabei spielt auch die Geschichte der Stadt Barcelona eine Rolle: städtebauliche Modernisierungen, (Bürger-)kriege und Wirtschaftskrisen beeinflussen alle das Leben der Lax und geben der Geschichte die eine oder andere Richtung vor.

Dabei liegt der Fokus zum Großteil auf drei Frauen: Maria del Roser, ihrer Schwiegertochter Teresa und deren Enkelin Violeta, der wir nicht nur bei dem Versuch folgen, die Vergangenheit ihrer Familie zu ergründen, sondern die sich auch mit ihren ganz eigenen privaten Krisen und Dämonen auseinandersetzt. Und hier liegt eine große Schwäche des Buches. Auf Violetas Geschichte projiziert Santos sehr viel, während Teresa so schemenhaft skizziert ist, dass ein störendes Ungleichgewicht entsteht. Während das Buch fulminant beginnt und die Geschichte von Maria Roser und ihrer treuen Concha den Leser direkt zu bannen vermag, lässt diese Spannung leider mit Fortschreiten des Buches nach, je mehr Violetas Emails an ihre Mutter das wiederholen, was auf den vorhergehenden Seiten bereits eingehend beschrieben wurde, und je klarer wird, dass Teresas Geschichte zu kurz kommt, was das sie umgebende Geheimnis nicht faszinierender sondern schlicht langweiliger macht.

Eine weitere Schwäche ist, zumindest stellenweise, die Sprache. Das mag an der Übersetzung liegen. Einige Sätze klingen ein wenig holprig, so als ob eine Wendung aus einer anderen Sprache etwas zu wörtlich ins Deutsche übertragen wurde. Da ich zugegebenermaßen selbst des Spanischen überhaupt nicht mächtig bin kann ich das nicht kompetent beurteilen, sondern nur eine vorsichtige Mutmaßung anstellen. Verschlungen habe ich das Buch trotzdem. Die detaillierte und farbenfrohe Beschreibung von Barcelona und seiner Gesellschaft, die kleinen, hochaktuellen, Seitenhiebe auf die Folgen einer Wirtschaftskrise und die Art und Weise wie die ganz Reichen, die nie wirklich verarmen, mit diesen Krisen umgehen, trösten zum größten Teil über die angesprochenen Schwächen hinweg. Insgesamt eine unterhaltsame Urlaubslektüre, die am Strand, auf Balkonien und an vielen anderen Orten genossen werden kann.

Rezension von Fenna Wächter

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