Dave Eggers – „Der Circle“

„Der Circle“ ist der Titel des neuen, hochkontrovers diskutierten internationalen Bestsellers von Dave Eggers. Die Hauptrolle spielt darin der übermächtige Internetkonzern „The Circle“, der inhaltlich und stilistisch starke Assoziationen zum US-Konzern Google aus Mountain View weckt, dabei aber eine marktbeherrschende Stellung auch auf angrenzenden Märkten hat, die heute zum Beispiel durch Facebook und Apple dominiert werden.

Hauptprotagonistin des Romans ist Mae Holland, die als junge Support-Mitarbeiterin beim Konzern anheuert und voller Elan und mit an Debilität grenzender Naivität daran geht, sich von den schillerndsten Visionen des Konzerns indoktrinieren zu lassen. Als einflussreiche Politiker planen, den Circle wettbewerbsrechtlich zu kontrollieren und laut über Spaltung nachdenken, wie ehedem AT & T und Rockefeller, lässt der Konzern, der von zwei oder drei „Weisen“ beherrscht wird, seine Muskeln spielen.

Ästhetisch betrachtet ein Flop

Um dem Roman zu bewerten und um die Kontreverse um das Buch zu verstehen, muss man wissen, dass bei Eggers einfach das Thema und der Stil unfassbar weit auseinander fallen. Stilistisch ist das Buch eine 12 auf einer Skala von 1 = Toll bis 10 = Katastrophe. Die Sprache ist banal, die Dialoge wirken künstlich. Die Hauptfiguren sind derart flach, dass es fast schon wieder eine Kunst ist. Mae, die junge Mitarbeiterin des Technokonzerns plagt angesichts der sektenähnlichen Anmutung ihres Arbeitgebers und trotz der darüber stattfindenden Entzweiung mit ihrer Familie nicht der geringste Zweifel am Heilsbringer „Circle“. Sie ist, um es ebenso platt zu sagen, dass war man eine Pommes nennt und unsympathisch obendrein. Die Sexszenen die Eggers zudem unnötigerweise installiert sind tatsächlich schmerzhaft und ich empfehle, die Passagen entweder zu überspringen oder 20 Minuten vor der Lektüre ein geeignetes Schmerzmittel (Morphin?) zu schlucken.

Absolut lesenswert

Der_Circle_eggersWas den Roman dennoch absolut lesenswert macht, ist sein Inhalt. Wann ist es jemals zuvor vorgekommen, dass die Wochenzeitung „Die ZEIT“ ein komplettes Feuilleton nur einem einzigen Buch widmet? Obwohl Ijoma Mangold von der Zeitung schreibt: „Nein, es ist kein gutes Buch. Der Circle ist sogar ein in besonders offensichtlicher Weise schlechter Roman.“? Der Inhalt macht diese Schwächen dabei mehr als wett. Eggers denkt die heute verfügbare Technologie ein paar Jahrzehnte weiter und entwirft dabei erschreckend realistische, oder jedenfalls denkbare Zukunftsszenarien. Schon heute ist es schwierig, wirklich anonym in Internet unterwegs zu sein. „Der Circle“ setzt hier noch einen drauf und entwirft eine Welt ohne Geheimnisse.

Dabei entlarvt der Bestseller der in Deutschland vom KiWi-Verlag vertrieben wird, geschickt, dass die Kapuzenträger aus Silicon Valley durchaus ihre Ideologie haben, mögen sie auch noch so unpolitisch daherkommen. „Transparenz“ ist zum Beispiel einer dieser so unverdächtig daherkommenden Werte – doch bei näherem Hinsehen gibt es nicht nur in totalitären Staaten viele gute Gründe, politische Meinungen auch mal anonym zu äußern und inkognito Berichterstattung zu leisten.

Eggers Dystopie entwirft eine ausformulierte Ideologie und kombiniert diese mit der überragenden Marktmacht eines multimilliardenschweren Monopol-Unternehmens und seinen alles beherrschenden Algorithmen. Das Ergebnis ist eine Art Internetsekte, die alles umwalzt, was sich ihren Vorstellungen in den Weg stellt. Und ähnlich wie „echte“ Sekten, ist die Ideologie selbstreferentiell und kann jede Fehlfunktion aus sich selbst heraus deuten, so dass sie unangreifbar wird. Die Glaubenssätze, die überall auf dem „Campus“ des Konzerns die Wege säumen, lauten zum Beispiel „Teilen ist heilen“, oder „Alles Private ist Diebstahl“. Dümmlich? Bestimmt. Aber eben auch politisch.

Fazit

Eggers zeigt geschickt, dass in der Politik nur sehr wenig im Sinne von Schwarz/Weiß eindeutig gut und heilsbringend sein kann. Immer gibt es auch die Schattenseiten. Ein Beispiel? Der Circle möchte gerne allen Kindern Minichips in die Knochen implantieren und so Entführungen unmöglich machen. Eindeutig gut und heilsbringend? Wie Eggers überzeugend darlegt, werden die Chips, wenn sie erst mal flächendeckend in allen Menschen verankert sind, auch für andere Zwecke verwendet werden. So könnten etwa die Schulnoten dort hinterlegt werden, mögliche Krankheitsbilder und andere für die Wirtschaft verwertbare Informationen. Irgendwann prüft der Staat vielleicht über die Chips, wer zur Wahl gegangen ist und wer nicht. Und, und, und…

Auf alle Fälle taugt der Roman, um sich Gedanken über mögliche technologiegetriebene Zukunftsszenarien zu machen und sich nicht übermäßig unkritisch von Multi-Media-Konzernen einlullen zu lassen.

Dave Eggers bei den TED-Talks

 

Autor: Beste Bücher

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