Jakob Arjouni: „Hausaufgaben“

Rezension von Flora

Kurzbeschreibung

Der Protagonist Joachim Linde ist Deutschlehrer mit einem ganz normalen Leben, zumindest redet er sich das ein. Denn nach und nach wird sichtbar, dass gar nichts so rund läuft, wie er sich das vorstellt…

Seine Frau ist nach einem ihrer Anfälle in psychiatrischer Behandlung, seine Tochter ist nach einem Selbstmordversuch vor drei Monaten nach Mailand gegangen, sein Sohn ist nicht so „männlich“ wie er ihn sich vorstellt.

Meinung

Am Anfang scheint Linde noch ein Deutschlehrer zu sein, der im Klassenzimmer seinen Schülern nur rhetorisch kunstvolle und inhaltsleere Antworten auf deren Fragen gibt. Schließlich decken die Handlungen und Aussagen der Nebendarsteller auf, was Linde nicht nur seinen Schülern vorspielt (dass er schlau und ihnen über ist), sondern auch seinen Kollegen, seiner Familie und nicht zuletzt auch dem Leser. In einer gewissen Weise wird auch klar, dass er sich sein perfektes Leben auch selbst vorspielt und seine Probleme schönredet.

hausaufgaben romanDenn Linde gibt zwar seinen Schülern Hausaufgaben, seine eigenen Hausaufgaben (die Aufgaben, die ihm sein Leben gibt) erledigt er aber nur unzureichend. Der Autor weiß, gezielt zu verwirren. Am Beispiel der Beziehung Lindes zu seiner Tochter sieht man, dass einem am Anfang noch vorgegaukelt wird, der Lehrer sorgt sich nur um seine verschwundene Tochter. Doch nach und nach wird deutlich, dass die schwerwiegenden Anschuldigungen der Pädophilie, die Linde an den Kopf geworfen werden, nicht nur erfunden oder übertrieben sind. Oder?

Am Ende bleibt es dem Leser selbst überlassen, ob er den Erklärungen Lindes glauben will oder nicht. So wird Kapitel für Kapitel ein immer größer werdendes Netz gesponnen, in das sich Linde verwickelt. Kann er sich in einer Rede – seiner großen Stärke- noch mal daraus herausziehen?

Fazit

Trotzdem es in Hausaufgaben auch um so ernste Themen wie den Einfluss Nazideutschlands auf heutige Deutsche, vorgeworfene Pädophilie und den Palästinakonflikt geht (beziehungsweise die Themen gestreift werden; ausführlich abgehandelt wird keines davon), ist der Roman gut und schnell zu lesen. Hat man angefangen, so zieht einen Linde, so unsympathisch er auch ist, in seinen Bann.

Wem kann man glauben?

Bewertung

Lesespaß 4/6

Allgemeinbildung 5/6

Schreibstil 4/6

Spannung 6/6

INSGESAMT 5/6

Erster Satz

„Joachim Linde, Deutschlehrer am Reichenheimer Schiller-Gymnasium, sah auf die Uhr.“