Lorenza Gentile: „Teo“

Rezension von Fenna Wächter.

teoDie Eltern des achtjährigen Teo hören gar nicht mehr auf, miteinander zu streiten. Während seine ältere Schwester Matilde sich frustriert in ihr Zimmer verkriecht und das ständige Geschrei durch intensives Lernen auszublenden versucht, beschließt Teo, dass er etwas tun muss, damit seine Eltern sich wieder lieb haben. Nachdem er damit angefangen hat, einen Comic über das Leben von Napoleon Bonaparte zu lesen und dort auf die Behauptung stößt Napoleon habe nie eine Schlacht verloren, beschließt er, sich Hilfe von dem korsischen General und französischen Kaiser zu holen. Allerdings gibt es ein Problem: Napoleon ist tot. Teo muss sich also etwas einfallen lassen, um mit ihm ins Gespräch zu kommen – wie Orpheus will er ins Jenseits gehen, um mit Napoleon zu sprechen um nach seiner Rückkehr zu den Lebenden den Hausfrieden wieder herzustellen.

Aber wo ist das Jenseits und wie kommt man dort hin? Auf der Suche nach einer Lösung zu diesem Problem wendet Teo sich an die Menschen in seinem Umfeld – seine Eltern, das Kindermädchen Susu, Schulkameraden – und versucht, herauszufinden, wo der Mensch hingeht wenn er stirbt, was ist dieses „Jenseits“ von dem er gehört hat? Statt einer zufriedenstellenden Antwort erhält er jedoch nur ganz unterschiedliche Informationen, die ihm noch mehr zusätzliche Fragen bescheren.

So erklärt Susu ihm, das Leben sei nach buddhistischen Gesetzen ein Kreislauf und wer stirbt ginge nicht ins Jenseits, sondern werde als ein anderer Mensch oder ein anderes Ding wiedergeboren. Diese „Rehinkartierung / Reinkarrierung (oder so was Ähnliches)“ erscheint Teo eine ganz suspekte Theorie und vor allem bedeutet sie, sollte sie sich bewahrheiten, dass es noch komplizierter ist, Napoleon zu finden als zunächst gedacht: „Wenn Susu recht hatte, musste ich nicht nur herauskriegen, wo Napoleon hingekommen war, sondern auch, in was er sich verwandelt hatte. War er eine Taube, ein Bankautomat, ein Maiskolben?“
Dann doch lieber die Jenseits-Theorie. Giulia, die Streberin unter seinen Klassenkameraden, behauptet, dass, wer stirbt, entweder in Himmel oder Hölle kommt – je nachdem, ob man ein guter oder ein böser Mensch war.

Gut oder böse? Was genau soll das denn bedeuten?, fragt sich Teo: „Wenn man andere nicht abschreiben ließ, wie Giulia, war man dann gut, weil man befolgte, was die Lehrerin sagte, oder böse, weil man seinen Freunden nicht half? Wenn man sich um die Kinder anderer Leute kümmerte statt um die eigenen, wie Susu, war man gut, weil man Geld nach Hause schickte, oder böse, weil man weit weg von seiner Familie lebte? Und Napoleon? War der gut oder böse gewesen?
Vielleicht gibt es die Antwort in der Bibel? Doch schon nach kurzer Zeit mit der Familienbibel, gibt Teo auf: „Die Bibel war viel zu langweilig. Und es gab nicht mal ein Inhaltsverzeichnis, um das Kapitel mit den zehn Geboten zu finden.“

Vielleicht kommt ja beim sonntäglichen Kirchgang die Erleuchtung; Teos Mutter hat ihm erzählt, Gott wohne in der Kirche und während der Messe könne man mit ihm sprechen. Teo hat Zweifel – die Kirche, die seine Familie aufsucht, ist sehr klein: „ich war nicht sicher, ob Gott da wohnte.“ Und nachdem die Messe vorbei ist und Teo in Gedanken fünfmal nach ihm gerufen hat ohne eine Antwort zu erhalten ist ihm klar – Gott ist nicht da; „wir waren in der falschen Kirche.“
Oft muss man schmunzeln über diesen jungen Helden, und das trotz der Tatsache, dass hier ein Achtjähriger tatsächlich Selbstmord kontempliert, weil er dies als einzigen Ausweg sieht, um seine Familie zusammenzuhalten.

In den Vordergrund rückt Lorenza Gentile allerdings eine Reihe religiöser und philosophischer Fragestellungen und ergründet diese mit der Geradlinigkeit und Unschuld eines achtjährigen Kindes. Dem kleinen Teo dabei zuzusehen, wie er ganz nebenbei den großen Fragen der Menschheit auf den Grund gehen will um seine persönliche Schlacht zu gewinnen, ist ein angenehmes Sommer-Leseerlebnis, dem – so viel sei hier verraten – nicht durch einen schrecklichen Kindes-Selbstmord ein Ende gesetzt wird. Napoleon wandelt nämlich mitten unter uns („Die mit dem Kreislauf haben recht!“).

 

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