Lorenzo Marone: „Der erste Tag vom Rest meines Lebens“

Rezension von Mona

marone lebens„Du lebst dein Leben in dem Glauben, dass eines Tages das geschieht, worauf du hoffst, um dann festzustellen, dass die Realität viel weniger romantisch ist.“ (S. 169)

„Der erste Tag vom Rest meines Lebens“ ist der erste Roman des italienischen Schriftstellers Lorenzo Marone, der derzeit in Neapel lebt und auch den Held seines Romans in dieser Stadt erblühen lässt. Doch nicht bloß die Stadt spielt eine wesentliche Rolle, sondern ebenso die Wandlung eines egoistischen Kauzes zum lebensbejahenden Familienmensch. Dies ist die Geschichte von Cesare: „Ich heiße Cesare Annunziata, bin siebenundsiebzig Jahre alt und habe zweiundsiebzig Jahre und einhundertelf Tage meines Lebens verplempert. Aber jetzt endlich habe ich es begriffen: Ich werde von meinen mühsam erworbenen Einsicht profitieren und endlich damit anfangen, das Leben in vollen Zügen zu genießen.“ (S. 12)

Cesare lässt sein Leben Revue passieren und macht dabei keinen Hehl daraus, dass er nie glücklich war. Ein Job, den er verachtet hat, eine Frau, die er nicht geliebt hat und ein Leben, das er nicht gelebt hat. Und aus diesem Leben resultieren zwei Kinder, zu denen er nur eine sehr schwache Bindung hat.

Heute lebt er als Witwer, kostet die Vorzüge von Freudenhäusern genüsslich aus und zieht sich ansonsten zurück, er ist sich nach vollzogener Befriedigung Gesellschaft genug. Doch um ihn herum geht das Leben weiter und irgendwann muss auch Cesare sich eingestehen, dass er sich dem nicht entziehen kann. Und dann gibt es da die neue, junge Nachbarin, die sich in ihrer Not an Cesare wendet und sein Leben damit gehörig auf den Kopf stellt.

Solche „alter Mann entwickelt sich zu Strahlemann“-Geschichten gibt es ja mittlerweile wie Sand am Meer. Was diese hier besonders macht, sind zum Einen die Umstände und das italienische Flair, das hier ganz klar zum Tragen kommt. Und wenn man Cesare mal mit anderen Protagonisten seiner Art vergleicht, muss ich ganz klar sagen, dass er einer der abstoßendsten ist.

Vielleicht habe ich eine zu romantische Vorstellung von Großvätern oder betagten Männern, aber sie ununterbrochen von großen Brüsten schwärmen hören (und das sehr vulgär), finde ich einfach sehr unangemessen. Auch die Tatsache, dass er Frauen mit solchen Ausprägungen hinterher lechzt wie ein hormonüberfluteter 15-jähriger, fand bei mir, wer hätte es gedacht, keinen Anklang. Zudem ist die einzige Beziehung, die er pflegt, die zu einer Prostituierten.

Abgesehen davon, dass er seine verstorbene Frau nicht geliebt und sie permanent betrogen hat, schwärmt er die ganze Zeit von Frauen, die er nicht haben konnte. Cesares Kinder sind ihm nahezu gleichgültig. Er hat zwar eine genaue Vorstellung davon, wie sie ihr Leben gestalten sollen (und vor allem seiner erwachsenen Tochter reibt er dies ständig unter die Nase), aber ansonsten besteht kaum eine Beziehung.

Wie man sieht,  ist Cesare der geborene Kandidat für jemanden, der seine Einstellung zum Leben ändern sollte und das möglichst bald. Allerdings hat mir bei ihm ein Schlüsselmoment gefehlt, der diese Sinneswandlung realistisch werden lässt. Dieses Umdenken ist eher ein langsamer Prozess, gespickt von vielen Einzelmomenten, wie zum Beispiel seiner hübschen und mit Sicherheit großbrüstigen Nachbarin. Völlig erschlossen hat sich mir die Wandlung also nicht.

Außerdem schien Cesare sich mit der Zeit nicht bloß zum Vorzeige-Greiß, sondern ebenso zum Philosophen zu entwickeln. Jeder fünfte Satz enthielt eine mehr oder minder philosophisch anmutende Äußerung und das auf fast 300 Seiten gestreckt, empfand ich als ziemlich anstrengend. Nicht weil es zum Nachdenken angeregt hätte, sondern weil es so pseudo-intellektuell klang, als wollte der Autor auf Biegen und Brechen intelligente Aussagen streuen.

Positiv anmerken muss ich aber die Nebencharaktere, die teilweise wirklich sehr gut gezeichnet und erfrischend und neu waren. Vorallem Cesares Nachbar und langjähriger Freund, der sich dem Alter komplett hingibt, hat die Geschichte sehr aufgewertet.

Alles in Allem kann ich sagen, dass Cesare meine Großvater-Vorstellung nicht kaputtmachen konnte und das ist immerhin positiv zu werten. Ansonsten fielen diese Negativpunkte zu stark ins Gewicht, als dass ich das Buch wahnsinnig gerne gelesen hätte. Es ist vielleicht auch eher eine Geschichte für Menschen mit weniger starrsinnigen Vorstellungen von alten Menschen und jenen, die noch nicht viel in diese Richtung gelesen haben. Für mich bleibt es eher unterer Durchschnitt:

Kleine Anmerkung: Mittlerweile gibt es auch eine gratis Kurzgeschichten-Sammlung (umfasst 29 Seiten) über Cesare mit dem Titel „Mal eben die Welt retten“. Der Verlag nennt sie: „Fünf politisch unkorrekte Geschichten um einen liebenswerten Alten.“