Michail Bulgakow: „Das hündische Herz“

Rezension von Amir

Erstmals eine kurze Vorgeschichte.

Die russische Literatur – ein Fall für sich! Dostojevski ist vielen, ohne den Wert seiner Literatur in Frage zu stellen, zu übertrieben und Tolstoi, naja, eben „nicht so ein starker Schriftsteller“ – um mich umgangssprachlich zu äußern! Sicherlich steigen jetzt so manchem die Haare empor, aber der Verfasser dieser Rezension beschreibt die Dinge halt eben so, wie er sie sieht und fühlt! Der russischen Literatur fehlte das „gewisse Etwas“ – es fehlte die Dreistigkeit, es fehlt der Biss und die Frechheit! Und als ich schon darüber nachgedacht habe, niemals wieder einen russischen Autoren zu lesen, klopft der Postbote an meine Tür und bringt mir ein Geschenk, dass meine Meinung der russischen Literatur gegenüber für alle Zeit verändern wird; ich bekam ein einfach nur grandioses Buch: Bulgakow – Das hündische Herz!

Lumpi(kow)s Schicksal

Ein Straßenköter, von den Leuten als Ballast der Gesellschaft angesehen, den sie nur mit den Füßen treten und mit heißem Wasser begießen, ganz nach der Parole: „Es ist doch NUR ein Köter!“, findet endlich ein schönes Zuhause – Prof. Filipp Filippowitsch Preobrashenski, ein weltbekannter und anerkannter Arzt/Chirurg, der sich auf die Verjüngung der Menschheit spezialisiert hat und sein bester Freund und Assistent Doktor Iwan Arnoldowitsch Bormental, nehme den Straßenköter auf und nennen ihn, seinem Aussehen nach, Lumpi.

Lumpi, erstmals verblüfft von der jetzigen Schönheit seines Lebens, wird aber schnell zum Versuchstier: Nach dem Tod eines kleinkriminellen, alkoholabhängigen und 28-jährigen Mannes, entnehmen ihm Ärzte die Hoden und die Hypophyse und pflanzen sie Lumpi ein. Grotesk, oder?! Und das Resultat? Er bellt nicht mehr, sondern gibt Buchstaben von sich, sein Schwanz fällt ab, er streckt sich, sein Fell fällt ab und, zu guter Letzt – er beginnt zu fluchen! Aus Lumpi wurde so Lumpikow – die Transformation vom Hund zum Menschen ist gelungen! Bravo… Später wird Lumpikow, mehr oder weniger, zu einem gelichberechtigten Mitglied der damaligen, noch kommunistischen Sowjetunion und er – wer hätte es gedacht – flucht, trinkt, spielt, stiehlt, versucht die Hausfrauen zu vergewaltigen und gibt sich nur mit den scheußlichsten Gestalten des Staates ab.

Bulgakov hündische herzPolygraph Polygraphowitsch Lumpikow, wie unser Lumpi sich jetzt stolz nennt, bekommt sogar einen Job – „Vorsitzender der Unterabteilung für die Bereinigung der Stadt Moskau von wild streunenden Tieren“, mit einem besonderen Akzent auf die Bereinigung von Katzen! Lumpikow, der inzwischen sehr stark unter dem Einfluss des Kommunismus geraten ist, macht den beiden Akademikern ihre ruhige Stube zum Höllenofen – sowas konnten sich die beiden Ärzte nicht lange gefallen lassen…

Bulgakow – ein Revolutionär?

Bulgakows Werk war der Zensur zum Opfer gefallen – es wurde im Jahre 1925 verfasst und spielt auch im gleichen Zeitraum. Eine sehr kritische Phase hatte die Sowjetunion damals: Die „Neue Ökonomische Politik“ sorgte für viel Aufregen in der Sowjetunion, da sie sich damit teilweise an den Kapitalismus nährten – der allherrschende Kommunist wurde jetzt vom Bürokraten abgelöst. Bulgakow, ein Meister der Satire, lachte alles und jeden aus: Durch seine Zweideutigkeit spiegelt er den absoluten Sowjetstaat wieder – ein Mann, der eigentlich ein Hundegehirn besitz, der nur ein einziges Buch gelesen hat und aus diesem all sein Wissen schöpft, wird zum anerkannten Menschen und genießt in seiner unmittelbaren Umgebung den gleichen Respekt, den auch seine Schöpfer haben.

Die Intertextualität scheint sehr stark spürbar zu sein: Den Einfluss von Mary Shelley und Goethe scheint jeder Literaturkritiker zu erkennen, obwohl er, im Großen und Ganzen, eine Nebenrolle spielt. Das Homunkulus-Thema sollte man eher als eine Satire an die „neue Sowjetunion“ verstehen und man darf nicht gleich jedes Werk, das mit der „Erschaffung von Menschen“ zu tun hat, in einem Topf mit Frankenstein und Faust werfen. Die allegorischen Anspielungen, an denen es in diesem Buch nur so wimmelt, sollte man nicht als grotesk empfinden (obwohl sie das durchaus sind), sondern als eine Realität! „Hundemenschen“, im übertragenen Sinne, gab es und es wird sie immer geben…

Bulgakow schrieb hier mit einem überragenden Stil – seine Beschreibungen verursachen bei jedem Leser eine Gänsehaut, seine Schilderungen und Metapher überzeugen auch die härtesten Kritiker – eben ein radikales, modernes, bissiges, freches und ein hervorragendes Buch! Die Literatur, wenn sie einen höheren Sinn erfüllen möchte, muss auf den Menschen wirken, ihn zum Nachdenken bringen und seinen Horizont erweitern – all das und noch viel mehr schafft Bulgakow! Um ehrlich zu sein, dieses Buch werde ich noch ein paar Mal lesen und es bekommt einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal. Sicherlich eins der besten fünf Bücher, die ich jemals in meinem Leben gelesen habe!!!!

Bravo, Herr Bulgakow! Bravo!

Weitere Infos

Michail Afanassjewitsch Bulgakow, geboren im Jahre 1891 in Kiew, war ein sowjetischer aufgeklärter, satirischer Schriftsteller – eigentlich war er ein Arzt, jedoch schmiss er diese Berufung hin und wurde Schriftsteller. Er ist einer der bekanntesten Gesellschaftskritiker und wurde durch sein Werk „Der Meister und Margarita“ weltweit bekannt. Eine große Anzahl seiner Werke wurde verfilmt, besonders „Il Maestro e Margherita“ war ein Hit!

Meine Bewertung: (O – war grausam!! 10- excellentes Buch!!)

Historischer Wert: 0-10: 10
Spannung: 0-10: 10
Lesefreude: 0-10: 9
Muss-man-gelesen-haben: 0-10: 10

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