Miranda July: „Der erste fiese Typ“

Anti-Heldin erobert sich ihr Liebesleben: mit kämpferischer Phantasie

Eine Lovestory, wie sie verwegener nicht sein könnte. Kühn und androgyn. Die zeigt, wie Kampfkünste das Coming-Out erleichtern können. Cheryl, Mitte Vierzig und allein lebend, hat einen Knoten im Hals, der durch Zurückhaltung und nicht ausgelebte Wünsche entstanden ist. Deshalb probiert sie ständig verschiedenste Therapien aus, sowie andere Menschen fleißig Fitness-Kurse besuchen. Die Heldin von Miranda July, eine folgsame Hypochonderin, erscheint anfänglich labil und verschroben, mit festgefahrenen Ticks, weit über die Grenzen von „schrullig“ hinaus.

Der Wahnsinn nimmt seinen Lauf

Von ihrem Job ins Home Office abgeschoben, führt sie ein Leben, in dem sie sich Mühe gibt, so wenig Spuren wie möglich zu hinterlassen. Menschliche Regungen werden nicht zugelassen. Und wenn es welche gibt werden sie eifrig weggewischt. Der Knoten in ihrem Hals ist also nur eine nötige Konsequenz ihres blassen Lebens, gegen das sie sich nicht zu wehren weiß. Nicht einmal gegen ihren obdachlosen Gärtner kann sie sich behaupten. Ihr neurotisch geordnetes Leben gerät aus den Fugen, als sie unfreiwillig eine Mitbewohnerin, Clee, aufgezwungen bekommt. Sie fängt an, sich mit ihr, unter dem Deckmantel von Selbstverteidigungsvideos, zu prügeln.

july fiese typSie tun es „fast jeden Tag“ miteinander. Cheryl fühlt sich hinterher jedes mal energetisch angeregt und erleichtert. Durch die aggressiven Kämpfe, die in einem fairen Vertrag abgesprochen werden ( allzu brutal wird es also nicht ) lernt sie ihrem eigenen Willen Gehör zu verschaffen.

Denn da wäre noch Philipp. Ihr ergrauter Schwarm. Viel älter als Cheryl und mit dem Manko selber in eine Minderjährige verliebt zu sein. Cheryl soll die Richterin spielen, über dieses unmögliche Teenager-Senior-Techtelmechtel. Per SMS wird sie über die Fummeleien der beiden aufgeklärt, dabei ist sie es, die in Philipp schon seit Jahren verliebt ist.

Ab und an taucht ihr imaginärer Freund Kobelko Bondy auf, in Form eines: Babys.

Und nimmt der Wahnsinn seinen Lauf.
Cheryl ist nun nicht mehr zu stoppen.
Philipp wird zum Gegenstand ihrer Sex-Phantasien.
Die sie eigentlich auf Clee projiziert.

Das Coming-Out

Cheryl durchlebt einen eigentümlichen Befreiungskampf, indem sie sowohl ihre Mukies tanzen lässt, als auch ihre erotische Einbildungskraft wieder entdeckt.
Zu Anfang des Romans ist die Erotik nicht erotisch und die Komik nicht zum Schmunzeln. Es soll schmerzen und stolpern. Als Leserin leidet man mit den kaum auszuhaltenden, verkrampften Gebärden von Cheryl. Erst als sich endlich die Knoten zu lösen beginnen, klappt es auch mit der Erotik und dem Humor.

Erotik, Komik und Psychologie

Miranda July schafft es, alles in ihrem Roman auf subtile Art zu verbinden. Es ist ein Spiel mit Neurosen und der Beziehungsunfähigkeit unserer Generation. Sie weiß genau wie es um das verkorkste Liebesleben dieser Gesellschaft bestellt ist. Die Personen im Roman sind alle digital miteinander verbunden, und doch von einer großen Einsamkeit bestimmt. Niemand versucht den anderen zu verstehen und alle können ungesehen ihre Spielchen miteinander treiben.

Die Autorin schreibt was sie will, erlaubt sich vieles, ohne dabei „schön“ sein zu müssen. Dadurch erscheint die wunderliche Romanze klug und modern und passt somit in das Gesamtkunstwerk der vielseitigen Künstlerin.
Triggerwarnung: Es ist kein Buch für Menschen mit einer Saligarophobie.

Verfasserin: Lisa Immer