Peter Stamm – „Agnes“

Der Erzähler aus Peter Stamms Klassiker „Agnes“ ist ein schweizerischer Sachbuchautor, der sich für die Recherche seines neuen Buches zum Thema „Eisenbahnen“ in den USA, in Chicago aufhält. Sein Stammplatz ist die Öffentliche Bibliothek. Hier fällt ihm irgendwann eine junge Frau auf, die er ins Gespräch zieht und über die er in Erfahrung bringt, dass sie Agnes heißt, sich für Malerei und Gedichte interessiert, Physik studiert und an ihrer Dissertation schreibt.

Agnes ist in Chicago aufgewachsen und hat ein gespanntes Verhältnis zu ihren Eltern. Diese hatten ihre Tochter alleine zurückgelassen um nach Florida zu ziehen. Wir erfahren nicht das Alter des Erzählers (übrigens auch nicht seinen Namen), doch wird im Kontext deutlich, dass er wesentlich älter als Agnes ist, die 25 Jahre alt ist. Trotzdem gehen die Beiden einige Male miteinander aus und schlafen schließlich miteinander. Agnes ist eine nachdenkliche junge Frau, die auch die Befassung mit metaphysischen Fragen nicht scheut.

stamm agnesZum Beispiel fragt sie ihren Liebhaber, ob er an ein Leben nach dem Tod glaube, woraufhin er äußert, dass dann „alles irgendwie sinnlos“ sei. Wir lebten aber ja schließlich in der Erinnerung anderer Menschen weiter. Und in unserem Werk, so wir denn eines geschaffen hätten. Ein interessanter Dialog entspinnt sich auch zu Assymetrien. Die Physikerin zeigt ihrem Freund Dias über Gitternetzanordnungen:

Agnes: „Die wirklichen Anordnungen der Atome. Ganz tief in fast allem ist Symmetrie. Das Geheimnisvolle ist die Leere in der Mitte, das, was man nicht sieht, die Symmetrieachsen.“

Erzähler: „Aber was hat das mit uns zu tun? Mit dem Leben, mit dir und mir. Wir sind asymmetrisch.“

Agnes: „Assymetrien haben immer einen Grund. Es ist die Assymetrie, die das Leben überhaupt erst möglich macht. Der Unterschied zwischen den Geschlechtern. Dass die Zeit nur in eine Richtung läuft. Asymmetrien haben immer einen Grund und eine Wirkung.“

Agnes zeigt ihrem väterlichen Freund nun das Manuskript zu einem Roman, den dieser aber behutsam als zu unvollkommen ablehnt. Agnes sieht das ein, bittet ihn aber, einen Roman über sich und ihn zu verfassen und so gleichsam ein Portrait in Worten über ihre Person. Wie bei einem fotografischen Portrait sitzt sie ihm dazu anfänglich Modell. Der Erzähler geht in dieser Aufgabe soweit auf, dass er die Arbeit an seinem eigentlichen Eisenbahn-Sachbuch vernachlässigt. Im September, fünf Monate nach dem die beiden sich kennengelernt haben, zieht Agnes bei ihrem Freund ein.

Alles geht rasch und der Autor hält das Tempo hoch – denn jetzt lässt er Agnes schwanger werden. Die Diskussion, die sich daraufhin entspinnt, ist wenig erquicklich. Beide hatten das Kind eigentlich nicht geplant und er bringt nun das heikle Thema „Abtreibung“ zur Sprache. Das bringt für Agnes das Fass zum überlaufen. Sie verlässt ihn Hals über Kopf und zieht nach New York, zu einem früheren Bekannten. Der Erzähler grämt sich zwar, hat aber inzwischen selbst schon wieder eine andere Aspirantin ins Auge gefasst – Louise, die er bei einer offiziellen Einladung der Eisenbahn-Gesellschaft kennengelernt hatte. Doch eine besonderes Ereignis führt in der Folge dazu, dass alle Protagonisten noch einmal die Plätze tauschen…

Fiktion und Wirklichkeit

Das Originelle an Stamms Werk ist die Vermischung von Werk (…sozusagen das Werk im Werk) und Realität. Der Erzähler und seine Freundin haben ein Buch über sich selbst geschrieben und nehmen darin zum Teil auch die Zukunft vorweg, so wie sie sich die kommenden Ereignisse idealerweise vorstellen. Was harmlos beginnt wird zur Flucht aus der Wirklichkeit für beide Hauptpersonen. Plötzlich können unliebsame reale Ereignisse durch hingeschriebene erfundene Wendungen gleichsam korrigiert werden. Das damit ein hohles Gefühl einhergeht und Spannungspotenzial für das Paar, versteht sich von selbst. Am Ende zerbricht die Beziehung an dem fiktiven Werk, so dass eine fiktive Wendung („Und Agnes starb…“) die reale Auswirkung auf die Beziehung hatte, die der Erzähler – den es weiterhin zu Louise zog – wohl zumindest unterbewusst willkommen geheißen haben mag.

 

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