Stefan aus dem Siepen: „Das Seil“

Rezension von Fenna Wächter

Mitten in einem schier endlos scheinenden Wald leben einige Bauern mit ihren Frauen und Kindern. Die Dorfgemeinschaft, die wenig mehr als ein Dutzend Haushalte zählt, lebt friedlich und genügsam vor sich hin. Kontakt zur Außenwelt besteht eigentlich keiner, nur ab und zu erscheint der Lehrer Rauk, der aus einer etwas größeren Ortschaft durch den Wald stapft, um den Dorfkindern in unregelmäßigen Abständen etwas Schreiben, Lesen und Rechnen beizubringen.

Und dann ist da plötzlich dieses Seil. Auf einem seiner allabendlichen Spaziergänge fällt es Bernhardt auf. Es ist ein kräftiges Seil und es führt in den Wald hinein. Zunächst scheint es so, als habe einer der anderen Bauern es hier liegen lassen. Vielleicht hat sich auch eines der Kinder einen Scherz erlaubt und wartet im Gebüsch versteckt darauf, dass ein Ahnungsloser dem Seil folgt. Doch dann wird bald klar, dass es sich um ein ausgesprochen langes Seil handeln muss – ein erster kleiner Erkundungstrupp, der ihm in den Wald folgt, vermag kein Ende zu entdecken. Obwohl der Wald viele Gefahren birgt und obwohl sie eigentlich dringend die Ernte einbringen sollten, beschließen die Männer des Dorfes, dem Geheimnis auf den Grund zu gehen.

das_seilEiner von ihnen bleibt bei den Frauen und Kindern, die anderen machen sich in der Gewissheit auf, am nächsten Tag zurückzukehren. Auch der Lehrer Rauk, der zufällig im Dorf weilt, ist mit von der Partie. Zwar hat er einen Klumpfuß und ist den Bewohnern aufgrund seiner Belesenheit nicht sehr geheuer, aber er hat auch zwei große Doggen dabei – Thor und Hetzer – die ihn auf seinen Gängen durch den Wald vor Wölfen beschützen, und das kann der Gruppe schließlich auch nur zugute kommen. Abwechselnd berichtet Stefan aus dem Siepen nun vom Leben der zurückgelassenen Frauen und dem Erkundungstrupp, der eben nicht wie geplant am nächsten Tag zurückkehren wird.

Stefan aus dem Siepen hatte hier eine hochinteressante Idee und er hat sie in eine tollgeschriebene Geschichte verwandelt. Die Sprache ist makellos, die Sätze sind oft mit bemerkenswerten Adjektiven gespickt. Mühelos lässt aus dem Siepen vor den Augen des Lesers eine ganz eigene Welt entstehen: das bescheidene Dorf, von einem gewaltigen Wald umgeben. Die Frauen, die verzweifelt versuchen, die Ernte einzubringen. Die Männer, die sich mehr und mehr Rauk unterordnen obwohl er ihnen doch weder geheuer noch sympathisch ist. Das Seil, das sie immer weiter ins „dunkelhelle Dickicht“ lockt und von dessen Reiz sie sich trotz aller Anstrengung nicht zu lösen vermögen.

Schade, dass das Buch in seiner Länge nicht an das Seil heranreicht – nach weniger als 200 Seiten ist Schluss. Doch auch wenn ich mir nach atemloser und viel zu kurzer Lektüre so vorkam, als sei ich alleine in einem dunklen Wald zurückgelassen worden, muss ich zugeben: auch den Endpunkt hat aus dem Siepen perfekt gewählt, und diese ideale Kombination aus Idee, Sprache und Erzählstruktur macht „Das Seil“ zu einem Lesevergnügen das noch lange nachklingen wird.

 

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