Antonia Michaelis: Die Allee der verbotenen Fragen

Rezension von Mona

„[…] das künstliche, verlegene Lachen von Erwachsenen, die ein Kind treffen, das die Dinge besser ausdrücken kann, als sie. Das mehr weiß als sie. Aus dem sie mit ihrem Lachen Antworten herauskitzeln wollen. Und vor dessen Antworten sie möglicherweise Angst haben.“ (S. 293)

„Die Allee der verbotenen Fragen“ ist der aktuelle Roman der preisgekrönten deutschen Autorin Antonia Michaelis (Stand 04/16) für „Erwaxene“, wie sie ihre Zielgruppe ab 16 Jahren nennt.

Worum geht es?

Dies ist die Geschichte des 18-jährigen Johann, der eine Rundreise durch Europa macht und dabei einen Zwischenstopp in seinem Geburtsland Deutschland einlegt. Gleichzeitig ist das aber auch die Geschichte von der doppelt so alten Akelei, die zufällig auf Johann stößt und in ihm ihre Jugendliebe wiedererkennt.

Und dann ist da ein Grabstein, auf dem Johanns Name steht und dessen Geburts- und Todestag auch auf seinen Geburtstag datiert sind. Johann kommen Zweifel, ob er wirklich der ist, für den er sich immer gehalten hat, oder ob er vielleicht eine Vergangenheit hat, von der aus irgendeinem Grund nichts ahnt.

Zusammen, aber nichts voneinander ahnend, begeben sich Johann und Akelei auf die Spur von dem Mann, der beide miteinander zu verbinden scheint. Noch nie habe ich ein Buch von Antonia Michaelis gelesen, dass nicht in irgendeiner Form sehr mysteriös anmutend war und bei dem von Vornherein klar war, in welche Richtung sich die Geschichte entwickeln wird (und ich kenne bislang 10 ihrer Werke, Kinderbücher ausgeschlossen).

Auch hier gilt es die Figuren kennenzulernen, ohne dass sie sich selber genau kennen, und sich mit ihnen auf eine Reise zu begeben. In Johanns und Akeleis Fall ist das nicht bloß die metaphorische Reise zu sich selbst, sondern eine, die sie quer durch Deutschland führt. Akelei folgt Johann fast unbemerkt auf Schritt und Tritt. Im Handgepäck hat sie ein (lebendiges) Huhn, das sie eigentlich ihrem Ehemann zubereiten wollte, nichts ahnend, dass sie sich abends im Zug quer durch Deutschland befinden würde.

Ich habe das Huhn, das mehr und mehr zu einer Freundin für Akelei wird, als Abschied von ihrer Vergangenheit betrachtet. Als notwendigen Schritt, um aus der routinierten Einöde auszubrechen.

Der Schreibstil ist wie gewohnt außergewöhnlich schön, in jedem Satz schwingt Poesie und die Liebe zur Natur mit. Frau Michaelis spielt mit den Worten und haucht ihnen ein eigenes Leben ein. Mitunter ein Grund, warum ich sie mittlerweile als eine meiner Lieblingsautorinnen betrachte und jede Geschichte lese, ohne mich vorher in irgendeiner Form darauf einzulassen.

Das Buch enthält einen Handlungsstrang, der sich mit Akeleis Kindheit und Jugend beschäftigt, in dem wir sie als Menschen besser verstehen lernen und Verknüpfungen zur Gegenwart herstellen können. Der Handlungsort ist ein kleines verschlafenes Dorf inmitten der DDR, in dem sehr stark nach den Prinzipien der damaligen Gesellschaft gelebt wird.

Den kompletten Kontrast dazu bildet die Haupthandlung, in der die Charaktere kaum länger als einen Tag starr an einem Ort verbleiben, um Akeleis damals in der DDR „eingeschlossenen“ Jugendliebe zu folgen. Dieser Drang nach Freiheit wird zwar nur am Rande thematisiert, zieht sich aber durchs ganze Buch. „Keiner von diesen Leuten, die dem alten System vor neunundachtzig treu gewesen waren, war im neuen dafür belangt worden. Sie haben ihre kleinen, pastellfarbenen Leben alle irgendwie um die Wahrheit herumgesteuert.“ (S. 331)

Sehr gelungen fand ich auch den Genre Mix hier, bestehend aus der Spannung eines Thrillers und gleichzeitig der Wohlfühlatmosphäre eines poetischen Romans. Außerdem enthält diese Geschichte, wie einige Michaelis Geschichten, ein moralisch bedenkliches Element (weswegen die Autorin bereits des Öfteren kritisiert wurde).

Ich habe mir die Frage gestellt, ob Frau Michaelis diese Themen nicht ent-moralisiert oder sie wahnsinnig beschönigt, indem sie kein gesellschaftstaugliches moralisches Ende anbietet. Aber letztendlich bin ich zu dem Schluss gekommen, dass sie das auf keinen Fall tut, sondern den Leser mit seinen starren Vorstellungen konfrontiert und diese überdenken lässt, ohne aber eine Lösung anzubieten. Ich denke also, dass die Methode gewagt, aber vollkommen treffend ist.

Negativ aufgefallen ist mir dieses Mal leider der Show-down. Zu pompös, zu übertrieben, zu klischeehaft. Zugegeben, ich finde unglaubwürdige Action-Szenen unglaublich anstrengend und nervend, aber wäre dies kein Michaelis Roman, hätte ich vielleicht noch darüber hinwegsehen können. Allerdings passen Antonia Michaelis und Elemente, die es in jedem zweiten Buch zu finden gibt, für mich nicht zusammen und das lässt die Geschichte nicht rund werden.

Insgesamt verknüpft meine geschätzte Lieblingsautorin in „Die Allee der verbotenen Fragen“ Spannungselemente mit wunderschöner Atmosphäre und bietet ausgesprochen kluge, schöne und interessante Lesestunden. Für Fans ein Muss und für alle anderen, die gerne mal außerhalb des Gewöhnlichen lesen, ebenso!