Teuflische Provence

Pierre Lagrange verlegt seinen Roman in eine Provence, die nicht nur nach Sonne und Lavendel klingt, sondern auch ihre Schattenseiten zeigt. Zwischen Landschaft, sozialen Spannungen und einem Fall, der bald persönlicher wird, entfaltet sich eine Geschichte mit dunklem Kern und einem ruhigen, beobachtenden Erzählton.

Im Mittelpunkt steht ein Umfeld, in dem die Provinz nicht als bloße Postkartenansicht erscheint, sondern als Raum mit Erinnerungen, Reibungen und stillen Abhängigkeiten. Der Roman setzt auf eine Ausgangslage, in der ein zunächst überschaubar wirkender Konflikt nach und nach weitere Kreise zieht. Figuren, die einander kennen, müssen mit Vermutungen, alten Loyalitäten und neuen Verdachtsmomenten umgehen – und genau daraus zieht die Geschichte ihre Spannung, ohne auf Effekthascherei zu setzen.

Besonders überzeugend ist, wie Lagrange die Atmosphäre entwickelt. Die südfranzösische Umgebung dient nicht nur als Dekoration, sondern beeinflusst Stimmung und Erzählrhythmus. Hitze, Weite und die scheinbare Gelassenheit der Region stehen in spannendem Gegensatz zu den unausgesprochenen Konflikten unter der Oberfläche. Dadurch entsteht ein Ton, der zugleich ruhig und unterschwellig bedrohlich wirkt. Wer eine gemütliche Provence-Idylle erwartet, bekommt stattdessen ein literarisch aufgeladenes Spannungsfeld.

Auch die Figurenzeichnung fällt positiv auf. Statt bloßer Funktionsfiguren begegnen einem Menschen mit Eigenheiten, beruflichen Rollen und privaten Verstrickungen, deren Verhalten immer wieder neue Deutungen zulässt. Das macht den Roman interessant, weil er nicht nur fragt, wer etwas getan haben könnte, sondern auch, warum bestimmte Beziehungen überhaupt so verletzlich geworden sind. Der Reiz liegt weniger in spektakulären Wendungen als in der allmählichen Verschiebung von Gewissheiten.

Stilistisch bleibt der Roman meist kontrolliert und klar, stellenweise fast bewusst zurückgenommen. Das passt gut zur Grundidee, denn die Spannung entsteht nicht aus pausenloser Hektik, sondern aus Beobachtung, Zwischentönen und einem Gefühl des Unheimlichen im Vertrauten. An einzelnen Stellen hätte der Text etwas mehr erzählerischen Druck vertragen können; gelegentlich setzt er stärker auf Stimmung als auf Vorwärtsbewegung. Gerade diese Zurückhaltung verleiht ihm aber auch ein eigenes Profil.

In der Gesamtwirkung ist Teuflische Provence ein Roman, der seine Stärke aus Milieu, Atmosphäre und einer schrittweisen Verdichtung bezieht. Er will nicht nur unterhalten, sondern auch ein Bild von einer Region und ihren sozialen Spannungen zeichnen, das unter der sonnigen Oberfläche deutlich dunkler wirkt, als es zunächst scheint. Wer sorgfältig gebaute Spannung mag und Freude an einem Setting hat, das mehr ist als bloße Kulisse, wird hier gut bedient.

Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun

Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun: Erstens überzeugt die dichte Provence-Atmosphäre, die nicht bloß als Ferienkulisse dient, sondern die Handlung spürbar mitprägt. Zweitens sind die Figuren so angelegt, dass ihre Beziehungen und Motive die Spannung zuverlässig tragen. Drittens verbindet der Roman eine ruhige Erzählweise mit unterschwelliger Bedrohung und bleibt dadurch länger im Kopf, als man anfangs erwartet. Ein Grund dagegen: Wer einen rasant vorwärtsdrängenden, actionreichen Spannungsroman sucht, könnte die bewusst kontrollierte, eher beobachtende Gangart als zu leise empfinden.

Buchdaten

  • Autor: Pierre Lagrange
  • Verlag: Fischer Scherz
  • Preis: 18,00 €
  • ISBN: 9783651001497

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Rezension von Matthias