
Als Kind wollte Tena Štivičić Schauspielerin werden. Doch ihre ersten Fernsehauftritte landeten auf dem Schneidetisch – eine frühe Enttäuschung, die sie schließlich zum Schreiben brachte. Heute gehört die Kroatin zu den international erfolgreichsten Dramatikern ihres Landes. Ihre Stücke handeln von zerbrechenden Familien, entwurzelten Menschen und den Verwerfungen der europäischen Geschichte. Dabei wollte sie über den Krieg in ihrer Heimat ursprünglich gar nicht schreiben. Privat ist sie mit einem bekannten britischen Fernsehschauspieler verheiratet, beruflich leitet sie inzwischen das Schauspiel am Kroatischen Nationaltheater in Zagreb.
Kindheit: Der Vater schrieb nachts, die Tochter wollte ins Fernsehen
Tena Štivičić wird am 5. September 1977 in Zagreb geboren, damals noch Teil Jugoslawiens. Ihr Vater Ivo Štivičić ist ein bekannter Drehbuchautor und Dramatiker. Schon früh erlebt sie, wie Geschichten entstehen: Der Vater zieht sich nachts in sein Arbeitszimmer zurück und spricht die Dialoge seiner Figuren laut vor sich hin. Durch die Wand hört die kleine Tena diese Gespräche mit erfundenen Menschen, während sie eigentlich schlafen soll. Die geheimnisvolle Tätigkeit fasziniert sie. Zunächst möchte sie allerdings nicht Schriftstellerin werden, sondern Schauspielerin. Mit sechs Jahren ergattert sie zwei winzige Auftritte in der Fernsehserie Putovanje u Vučjak. Für eine Szene muss sie wiederholt Hüpfkästchen spielen, während der Schauspieler Rade Šerbedžija ins Bild kommt. Die Aufnahmen dauern zwei Tage. Bei der Premiere erlebt das Mädchen dann eine bittere Enttäuschung: Beide Szenen sind herausgeschnitten worden. Jahre später erzählt Štivičić lachend, das habe ihr bereits die Ungerechtigkeit des Schauspielerberufs vor Augen geführt.
Ihre Jugend verläuft weniger heiter. Als 1991 die Jugoslawienkriege beginnen, ist sie 14 Jahre alt. Das Land, in dem sie aufgewachsen ist, zerfällt. Freundschaften, die sich zuvor selbstverständlich über verschiedene Republiken erstreckten, geraten unter den Druck nationalistischer Konflikte. Štivičić wird später erzählen, dass sie sich Städten wie Belgrad oder Sarajevo kulturell oft näher gefühlt habe als manchen Gegenden Kroatiens. Umso stärker empfindet sie die Spaltung. Interessanterweise entwickelt sie zunächst eine ausgesprochene Abneigung dagegen, den Krieg literarisch zu behandeln. Im Ausland erwarten viele Kulturveranstalter von einer jungen kroatischen Autorin vor allem Geschichten über Gewalt, Nationalismus und traumatische Erinnerungen. Štivičić möchte dagegen über gewöhnliche Beziehungen, Liebe und das Leben junger Menschen schreiben. Erst viel später wird die Geschichte Jugoslawiens zu einem ihrer wichtigsten Themen.
Karriere: Von Zagreb nach London – und zurück
An der Akademie der Dramatischen Künste in Zagreb studiert Štivičić Dramaturgie. Während des dritten Studienjahres schreibt sie Nemreš pobjeć od nedjelje (deutsch etwa: Dem Sonntag entkommst du nicht), das 1999 am Zagreber Jugendtheater uraufgeführt wird. Das Stück über eine schwierige Liebesbeziehung erhält mehrere Auszeichnungen. Ihren Studienabschluss macht sie 2001, zwei Jahre später erlebt ihr Stück Dvije (Die Zwei) eine bemerkenswerte Premiere am Belgrader Atelje 212. Es ist das erste neue kroatische Theaterstück, das dort nach dem Zerfall Jugoslawiens auf die Bühne kommt. Dass eine junge Autorin aus Zagreb ausgerechnet in der serbischen Hauptstadt Erfolg hat, besitzt angesichts der jüngeren Geschichte erhebliches symbolisches Gewicht.
Gleichzeitig erlebt sie die Schattenseite eines berühmten Familiennamens. Immer wieder wird sie gefragt, ob ihr Vater ihre Stücke schreibe oder wenigstens korrigiere. Eine Vorstellung, die Štivičić entschieden zurückweist. Tatsächlich unterscheiden sich ihre Arbeitsweisen erheblich: Während Ivo Štivičić bevorzugt nachts schreibt und mitunter noch am Drehbuch arbeitet, wenn die Kameras bereits laufen, ist seine Tochter eine disziplinierte Autorin, die tagsüber arbeitet und ihre Abgabetermine einhält. Der väterliche Ruhm öffnet möglicherweise manche Tür, bringt aber auch den Verdacht mit sich, dass ihre eigenen Leistungen nicht vollständig ihre eigenen seien.
2003 zieht Štivičić nach London und absolviert am Goldsmiths College einen Masterstudiengang für szenisches Schreiben. Der Umzug ist schwieriger als erwartet. Sie kämpft mit Geldproblemen, Heimweh, bürokratischen Hürden und dem Gefühl, trotz zahlreicher Bekanntschaften einsam zu sein. Vor allem entdeckt sie, dass eine freiwillige Auswanderung keineswegs bedeutet, sich am neuen Wohnort sofort zugehörig zu fühlen. Diese Erfahrung verarbeitet sie in Fragile!, einem Theaterstück über Migranten in London, die zwischen Hoffnungen, enttäuschten Erwartungen und kulturellen Missverständnissen leben. 2008 erhält das Werk beim Heidelberger Stückemarkt unter anderem den Innovationspreis.
Ihre internationale Anerkennung erreicht 2014 einen Höhepunkt. Am Londoner National Theatre wird Three Winters (Drei Winter) uraufgeführt, eine Familiengeschichte, die sich über mehrere Generationen und drei historische Zeitpunkte erstreckt: 1945, 1990 und 2011. Im Mittelpunkt steht ein Haus in Zagreb, dessen Bewohner und Besitzverhältnisse sich mit den politischen Systemen verändern. Der Zweite Weltkrieg, das sozialistische Jugoslawien und der Übergang zum Kapitalismus werden nicht als trockene Geschichtsstunden erzählt, sondern durch Erbschaften, Ehen, Streitigkeiten und persönliche Enttäuschungen erfahrbar. 2015 erhält Štivičić dafür den renommierten Susan Smith Blackburn Prize.
Hinter Drei Winter steht eine ungewöhnliche Familiengeschichte. Štivičić entstammt mütterlicherseits einer Linie, in der über fünf Generationen hinweg ausschließlich Töchter geboren wurden. Von der Urgroßmutter bis zu ihrer eigenen Tochter lässt sich verfolgen, wie sich die Möglichkeiten von Frauen verändert haben: von weitgehender wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Abhängigkeit bis zu einer international tätigen Schriftstellerin, die in zwei Sprachen arbeitet. Diese Erfahrung bildet einen wichtigen persönlichen Ausgangspunkt des Stücks. Seine Stärke liegt gerade darin, dass Geschichte hier nicht als Abfolge großer Männer und politischer Entscheidungen erscheint, sondern als etwas, das Menschen beim Abendessen, beim Erben und im Streit um die eigene Zukunft erleben.
Ein Fernsehstar als Ehemann und die Macht hinter den Kulissen
Auch privat verbindet Štivičić unterschiedliche europäische Lebenswelten. Seit 2010 ist sie mit dem schottischen Schauspieler Douglas Henshall verheiratet, den viele Zuschauer als Ermittler Jimmy Perez aus der Krimiserie Shetland kennen. Die beiden heiraten spontan in Las Vegas, weit entfernt von einer traditionellen kroatischen oder schottischen Hochzeitsfeier. Gemeinsam haben sie eine Tochter. Ihre beruflichen Karrieren verlaufen lange parallel zwischen verschiedenen Städten und Ländern. Štivičić bewegt sich zunehmend zwischen London, Schottland und Zagreb, bis sie 2024 die künstlerische Leitung des Schauspiels am Kroatischen Nationaltheater in Zagreb übernimmt. Eine Position, die ihr beträchtlichen Einfluss auf das kulturelle Leben ihrer Heimatstadt verschafft, aber auch weniger Zeit für das eigene Schreiben lässt.
In ihren neueren Werken beschäftigt sie sich verstärkt mit den Machtverhältnissen innerhalb scheinbar fortschrittlicher Milieus. 64, 2021 erstmals aufgeführt, untersucht die Belastungen einer Partnerschaft durch unerfüllten Kinderwunsch und künstliche Befruchtung. Die Verstreuten, im März 2025 am Berliner Ensemble uraufgeführt, erzählt von vier Schwestern, die nach der Pandemie zu einem Familientreffen zurückkehren. Štivičić interessiert sich dabei für die Frage, wie politische Überzeugungen, unterschiedliche Lebensentwürfe und persönliche Verletzungen selbst innerhalb einer Familie unüberwindbare Gräben entstehen lassen. Für das Stück erhält sie 2025 den Helene-Weigel-Theaterpreis.
Noch unmittelbarer greift Acid/Kiselina, im Dezember 2025 in Zagreb uraufgeführt, aktuelle Kontroversen auf. Das Stück handelt von Machtmissbrauch in einer Tanzkompanie und untersucht die Mechanismen, durch die charismatischen Künstlern fragwürdiges Verhalten verziehen wird. Ausgangspunkt ist unter anderem ein realer Skandal am Moskauer Bolschoi-Theater, bei dem 2013 ein Ballettdirektor durch einen Säureanschlag schwer verletzt wurde. Štivičić interessiert sich dabei nicht nur für offensichtliche Täter und Opfer, sondern auch für jene Menschen, die von einem problematischen System profitieren oder dessen Fortbestand ermöglichen.
Allerdings fällt die Kritik an der Aufführung unterschiedlich aus. Einige Rezensenten loben die präzisen Dialoge und die kompromisslose Darstellung von Machtmissbrauch, andere bemängeln eine zu schematische Figurenzeichnung und eine schwerfällige Inszenierung. Tatsächlich liegt darin eine mögliche Schwäche ihres Theaters: Wo gesellschaftliche Konflikte allzu deutlich verhandelt werden, drohen Figuren zu Vertretern bestimmter Positionen zu werden. Štivičić ist dann am stärksten, wenn ihre Charaktere nicht nur Argumente austauschen, sondern einander überraschen, enttäuschen oder gegen ihre eigenen Überzeugungen handeln.
Anders als etwa Elfriede Jelinek, die Sprache selbst zum Gegenstand radikaler Experimente macht, vertraut Štivičić weitgehend auf die klassische Kraft des dramatischen Dialogs. Ihre Stücke sind zugänglicher, gelegentlich aber auch konventioneller. Sie ist keine Autorin, die das Theater grundlegend neu erfindet. Ihre besondere Fähigkeit besteht vielmehr darin, politische und gesellschaftliche Umbrüche in überschaubaren persönlichen Konflikten sichtbar zu machen. Wer ihr Werk kennenlernen möchte, sollte mit Drei Winter beginnen. Dort verbinden sich ihre Familiengeschichte, ihre Erfahrungen mit dem zerfallenen Jugoslawien und ihre Aufmerksamkeit für weibliche Lebenswege zu ihrem bislang überzeugendsten Stück.
Tena Štivičić – die wichtigsten Fakten
- Geboren: 5. September 1977 in Zagreb, Jugoslawien (heute Kroatien).
- Eltern: Ivo Štivičić, Dramatiker und Drehbuchautor; der Name ihrer Mutter ist in den herangezogenen biografischen Quellen nicht gesichert.
- Familie: Seit 2010 verheiratet mit dem Schauspieler Douglas Henshall; eine Tochter.
- Wichtigste Werke: Nemreš pobjeć od nedjelje (1999), Dvije (2002/2003), Fragile! (2004/2005), Drei Winter (2014), 64 (2021), Die Verstreuten (2025), Acid/Kiselina (2025).
- Wichtigste Auszeichnungen: Susan Smith Blackburn Prize (2015), Helene-Weigel-Theaterpreis (2025).
Verfasst vom Sophia und Marc

