
Elfriede Jelinek stört – mit Kalkül. Kaum eine andere deutschsprachige Autorin hat die gesellschaftlichen Schwachstellen ihrer Heimat so unerschrocken freigelegt und ihre Kritik derart schonungslos formuliert. Ihr literarisches Werk testet die Möglichkeiten der Sprache ebenso wie die Belastbarkeit gesellschaftlicher Tabus. Der literarische und gesellschaftliche Widerhall ihrer Arbeiten bleibt ebenso anhaltend wie ambivalent.
Leben und Zeit
Elfriede Jelinek wächst als Kind der Nachkriegszeit im österreichischen Mürzzuschlag auf und zieht bald mit ihrer Familie nach Wien. In einer Gesellschaft, die immer noch von der NS-Vergangenheit geprägt ist und sich in einer Phase der Identitätsfindung befindet, wird Jelineks Blick für das Verdrängte und Unausgesprochene geschärft. Ihr Vater stammt aus einer tschechisch-jüdischen Familie; ihre Mutter aus gutbürgerlichen Wiener Verhältnissen. Ein musisch geprägtes Elternhaus lenkt sie früh an das Wiener Konservatorium, wo sie Musik studiert, bevor sie sich an der Universität Wien für Theater- und Kunstgeschichte einschreibt. Die Atmosphäre des gesellschaftlichen Umbruchs der 1960er und 1970er Jahre hinterlässt tiefe Spuren in ihrem künstlerischen Selbstverständnis: Zwischen Tradition und Aufbruch, zwischen kollektivem Vergessen und kritischem Hinschauen entwickelt sie jenen kompromisslosen Tonfall, für den sie bald berüchtigt sein wird.
Der Weg zum Schreiben
Das Schreiben beginnt für Jelinek als Suche nach Ausdruck und Grenzüberschreitung. Bereits als Jugendliche wendet sie sich der Lyrik zu; 1967 erscheint mit "Lisas Schatten" ihre erste Gedichtsammlung. Die intellektuelle Aufbruchsstimmung der Wiener Studentenzeit und die Nähe zu Protestbewegungen führen dazu, ihren literarischen Fokus zunehmend auf die Bruchstellen der Gesellschaft zu richten. Bereits in ihrem frühen Roman "Wir sind Lockvögel, Baby!" (1970) nimmt sie soziale Rollenklischees ins Visier. Ihr Durchbruch als Schriftstellerin gelingt mit "Die Liebhaberinnen" (1975), einer Satire auf die weibliche Selbstaufgabe im patriarchalen Milieu. Das literarische Feld ist für Jelinek ein Experimentierlabor: Sprache ist ihr Mittel, um nicht nur Narrative, sondern auch Machtverhältnisse auszuhebeln. Sie hält sich nie an die traditionellen Linien des Erzählens, sondern schichtet, montiert und zerlegt – eine Handschrift, die sich im Lauf der Jahrzehnte noch radikalisiert.
Der Mensch hinter den Büchern
Jelinek selbst bleibt ihren Lesern meist auf Distanz. Ihre Zurückgezogenheit ist ebenso bekannt wie ihr Beharren auf literarischer Eigenständigkeit. Interviews gibt sie selten; die Auseinandersetzung mit Öffentlichkeit und Medien verlegt sie vor allem in ihre Werke. Der Umgang mit literarischer und gesellschaftlicher Friktion prägt sie: Kontroversen nimmt sie bewusst in Kauf, wie zum Beispiel die Debatten um ihr Theaterstück "Burgtheater" zeigen, dessen Wiederaufnahme heftige Reaktionen auslöste.
Warum? Jelinek beschrieb darin, wie sich Schauspieler und das Wiener Bürgertum nach 1945 einfach wieder in ihre alten Rollen zurückzogen, als wäre nichts geschehen. Sie zeigte, wie opportunistisch man sich mit dem NS-Regime arrangiert hatte und wie dieses „Arrangement“ nach dem Krieg in einer Mischung aus Schweigen und Selbstgefälligkeit fortgeführt wurde. Das Stück traf einen Nerv, weil es die Selbstsicht Österreichs, man sei „das erste Opfer Hitlers“ gewesen, in Frage stellte.
Wenn sie sich in politischen Fragen äußert, dann prägnant und unverblümt – so sagte sie etwa: "Der neue Faschismus ernährt sich von Neid, Hass und Angst" (El País 2024). Die Autorin setzt Sprache gezielt als Werkzeug der Aufdeckung ein – mal kühl analysierend, mal an der Grenze zum Selbstentblößenden, immer aber mit klarer Haltung. Die literarische Selbstverweigerung von Eitelkeit und Pose kann dabei als Konstante in Jelineks Schaffen gelten.
Das Werk: Was man lesen sollte
Wer sich an Elfriede Jelineks Werk herantastet, tut gut daran, mit "Die Klavierspielerin" (1983) zu beginnen: Ein Roman über Verstrickung, Macht und Unterwerfung, der spätestens mit der Verfilmung durch Michael Haneke festen Platz in der Literaturgeschichte fand. Ebenfalls markant ist "Die Liebhaberinnen", das aus weiblicher Perspektive den österreichischen Alltag seziert. In "Lust" (1989) kehrt Jelinek die Mechanismen von Sexualität und Ausbeutung heraus, während "Gier" (2000) eine schonungslose Bilanz spätkapitalistischer Gesellschaften zieht.
Verfasst von Hanna und Sophia.

