George R. R. Martin
Bild: Henry Söderlund, CC BY 4.0 Quelle

George R. R. Martin verdankt seine berühmte Fantasywelt auch einigen Schildkröten, die als Haustiere erschreckend schnell starben. Als Junge erfand er mörderische Machtkämpfe, um sich ihren Tod zu erklären. Jahrzehnte später ließ er Könige, Ritter und ganze Familien ebenso gnadenlos untergehen. Der Schöpfer von Game of Thrones wurde damit zum Weltstar. Privat verlief sein Leben weniger spektakulär, aber keineswegs geradlinig: Eine gescheiterte Ehe, berufliche Rückschläge, politische Gewissensentscheidungen und erbitterte Streitigkeiten mit Hollywood gehören dazu. Heute, mit 78 Jahren, steht er vor seinem größten Problem: Er bekommt sein berühmtestes Werk nicht zu Ende. Oder ist das eher unser Problem?

Die ersten Könige in George R. R. Martins Fantasiewelt waren Schildkröten. Er hielt sie als Junge in einer Spielzeugburg, die eigentlich für Ritterfiguren bestimmt war. Die Tiere stammten aus einem amerikanischen Billigwarenladen und waren offenbar wenig robust. Immer wieder starb eines. Martin fand das traurig, aber sein kindlicher Einfallsreichtum lieferte eine Erklärung: Wenn die Schildkröten in einem Schloss lebten, mussten sie Könige, Prinzen oder Ritter sein. Und wenn einer von ihnen starb, war er wahrscheinlich einem Anschlag oder einem Kampf um den Thron zum Opfer gefallen. Also erfand er Intrigen, Fehden und blutige Auseinandersetzungen. Bereits in dieser kindlichen Beschäftigung mit sterbenden Haustieren steckt etwas von der späteren Erzählwelt des Schriftstellers: Wer nach der Macht greift, lebt gefährlich, und selbst vermeintlich bedeutende Herrscher können plötzlich verschwinden.

Ein armer Junge mit Erinnerungen an bessere Zeiten

George Raymond Richard Martin wurde am 20. September 1948 in Bayonne, New Jersey, geboren. Sein Vater Raymond arbeitete als Hafenarbeiter, seine Mutter Margaret in einer Fabrik des Wäscheherstellers Maidenform. Die Familie lebte mit drei Kindern in einer Sozialwohnung, besaß kein Auto und hatte wenig Geld. Von den Fenstern aus konnte Martin die Schiffe beobachten, die durch die Meerenge zwischen New Jersey und Staten Island fuhren. Er träumte von fernen Ländern, während sich sein tatsächlicher Bewegungsradius auf wenige Straßen beschränkte. Besonders eigenartig war die Familiengeschichte seiner Mutter: Die Bradys hatten in Bayonne einst Besitz und Ansehen gehabt, waren aber gesellschaftlich abgestiegen. Auf dem Schulweg kam Martin regelmäßig an einem Haus vorbei, das früher seiner Familie gehört hatte. Seine Kindheit verband also zwei gegensätzliche Erfahrungen: die wirtschaftliche Enge der Gegenwart und die Erzählungen von einem verlorenen Wohlstand. Es fällt nicht schwer, darin eine mögliche Quelle für jene verarmten Adelshäuser zu erkennen, deren Angehörige in seinen Romanen von vergangener Größe träumen.

Die Familie war katholisch. Martins Mutter schickte ihn dennoch auf eine öffentliche Schule, weil dort kleinere Klassen unterrichtet wurden. Nach Martins Erinnerung erschien daraufhin ein Priester bei der Familie und warnte, Mutter und Sohn würden wegen dieser Entscheidung in der Hölle landen. Martin entwickelte früh eine kritische Haltung gegenüber religiösen Gewissheiten, behielt aber sein Interesse an Glauben, Mythologie und religiösen Institutionen. Sein späteres Werk ist voller Priester, Propheten und fanatischer Bewegungen, die mit moralischen Versprechen um politischen Einfluss kämpfen. Die Geschichten des Jungen waren anfangs erheblich bescheidener. Er schrieb Monstergeschichten, verkaufte sie für ein paar Cent an andere Kinder und las sie seinen Kunden manchmal persönlich vor. Besonders liebte er Comics. Als Jugendlicher veröffentlichte er erste Texte in Fanmagazinen und entdeckte J. R. R. Tolkien, dessen gewaltige Fantasywelt ihn tief beeindruckte. Den zweiten Buchstaben R in seinem Namen fügte er übrigens nicht aus literarischer Eitelkeit hinzu: Bei seiner Firmung hatte er den Namen Richard angenommen. Erst später wurde aus George Martin der international unverwechselbare George R. R. Martin.

An der Northwestern University studierte er Journalismus und schloss 1970 mit Auszeichnung ab. Politisch vollzog er während dieser Jahre eine bemerkenswerte Entwicklung. Anfangs unterstützte er noch die amerikanische Haltung im Vietnamkrieg, doch je intensiver er sich mit dem Konflikt beschäftigte, desto entschiedener lehnte er ihn ab. Als er eingezogen werden sollte, beantragte er den Status eines Kriegsdienstverweigerers. Dabei war Martin keineswegs grundsätzlich gegen jede militärische Gewalt. Er erklärte später, im Zweiten Weltkrieg hätte er durchaus kämpfen wollen. Er lehnte den Vietnamkrieg aus konkreten politischen und moralischen Gründen ab. Seine Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer überraschte ihn selbst. Statt zum Militär ging er von 1972 bis 1974 in den zivilen Ersatzdienst und arbeitete für eine Organisation, die Menschen mit geringem Einkommen juristische Unterstützung vermittelte. In dieser Zeit organisierte er außerdem Schachturniere, bevor er später selbst Journalismus unterrichtete. Ausgerechnet der spätere Erfinder grausamer Feldzüge hatte sich also einer Teilnahme an einem wirklichen Krieg verweigert.

Eine gescheiterte Ehe und ein Roman, der fast alles ruinierte

Martins Privatleben war in den siebziger Jahren eng mit der amerikanischen Science-Fiction-Szene verbunden. Er lernte dort Schriftsteller, Fans und schließlich auch seine erste Ehefrau kennen. 1975 heiratete er Gale Burnick, mit der er bereits zusammenlebte. Die Hochzeitsfeier war nach seiner eigenen Erinnerung großartig, die Ehe dagegen weniger. Ihr Hochzeitslied war Bridge over Troubled Water von Simon & Garfunkel. Martin bemerkte rückblickend trocken, vielleicht hätten sie darin bereits eine Warnung erkennen sollen. 1979 wurde die Ehe geschieden. Kinder hatten die beiden nicht. Die Scheidung fiel in eine Lebensphase, in der Martin den Schritt zum freiberuflichen Schriftsteller wagte. In dieser Zeit zog er nach Santa Fe in New Mexico, wo er bis heute lebt. Die südwestamerikanische Stadt wurde sein Lebensmittelpunkt, lange bevor er durch seine Romane wohlhabend wurde.

Literarisch sah seine Zukunft zunächst vielversprechend aus. Martin veröffentlichte erfolgreiche Science-Fiction-Erzählungen und erhielt bereits in jungen Jahren bedeutende Genrepreise. Sein erster Roman Dying of the Light erschien 1977, gefolgt von Fevre Dream (1982), einem ungewöhnlichen Vampirroman auf einem Mississippi-Dampfschiff. Darin verbindet er die Schrecken der Sklaverei mit einer Geschichte über Wesen, die sich von menschlichem Blut ernähren. Der Roman gehört bis heute zu seinen interessantesten Arbeiten außerhalb der Fantasy. Doch 1983 erlitt Martin mit The Armageddon Rag einen empfindlichen Rückschlag. Das Buch verknüpfte Rockmusik, die gescheiterten Hoffnungen der sechziger Jahre, Mord und übernatürlichen Horror. Martin betrachtete es als besonders ehrgeiziges Werk. Die Verkaufszahlen waren jedoch katastrophal. Der Roman beschädigte seinen Ruf als wirtschaftlich erfolgreicher Autor, und Martin fürchtete zeitweise um seine berufliche Zukunft. Später erklärte er, dieses Buch habe seine Karriere beinahe zerstört.

Der Misserfolg führte ihn paradoxerweise nach Hollywood. Der Produzent Philip DeGuere interessierte sich für The Armageddon Rag, erwarb die Filmrechte und holte Martin als Drehbuchautor zur Neuauflage der Fernsehserie The Twilight Zone. Später arbeitete Martin an Die Schöne und das Biest mit Ron Perlman und Linda Hamilton, für die er schließlich auch Produzentenaufgaben übernahm. Finanziell war das ein Ausweg, künstlerisch erwies es sich als zunehmend frustrierend. Martin schrieb Geschichten voller fantastischer Schauplätze, riesiger Schlachten und aufwendiger Spezialeffekte, die Fernsehverantwortlichen waren davon regelmäßig überfordert. Ein Produzent erklärte ihm einmal, er könne in einer Szene entweder Pferde oder Stonehenge haben, aber keinesfalls beides. Martin kürzte, vereinfachte und strich, bis seine Geschichten in das Budget passten. Nachdem auch ein eigenes Serienprojekt namens Doorways gescheitert war, hatte er genug. Er beschloss, wieder einen Roman zu schreiben, bei dem ihm niemand vorschreiben konnte, wie viele Burgen, Drachen oder Soldaten darin vorkommen durften.

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Der unerwartete Triumph eines Fantasy-Außenseiters

1991 begann Martin an einer Geschichte zu arbeiten, die ursprünglich wesentlich überschaubarer werden sollte. Am Anfang stand die Vorstellung eines Jungen, der im Schnee einen toten Schattenwolf findet. Daraus entwickelte sich eine riesige Fantasywelt mit miteinander verfeindeten Adelsfamilien, Religionen, historischen Überlieferungen und politischen Institutionen. 1996 erschien A Game of Thrones, der erste Band von A Song of Ice and Fire, auf Deutsch Das Lied von Eis und Feuer. Aus dem Projekt wurde eine literarische Unternehmung, deren Ausmaß der Autor vermutlich selbst unterschätzt hatte. Martin griff die englischen Rosenkriege auf, interessierte sich für die Machtkämpfe zwischen historischen Herrscherhäusern und verband diese mit fantastischen Elementen. Aber anders als viele traditionelle Fantasyautoren stellte er nicht den Kampf zwischen eindeutig guten und bösen Mächten in den Mittelpunkt. Ihn beschäftigte, was Menschen aus Angst, Liebe, Ehrgeiz oder verletztem Stolz einander antun.

Das Revolutionäre an diesen Büchern war weniger ihre Gewalt als der Umgang mit den Erwartungen des Lesers. Martin lässt seine Figuren Entscheidungen treffen, deren Folgen sie nicht kontrollieren können. Eddard Stark, der im ersten Roman als moralischer Mittelpunkt erscheint, bezahlt seine Prinzipientreue mit dem Leben. Auch später schützt weder die Sympathie der Leser noch die Bedeutung einer Figur vor einem gewaltsamen Tod. Besonders berüchtigt wurde die sogenannte Rote Hochzeit, bei der ein vermeintlich sicheres Familienfest in ein Massaker umschlägt. Die Szene funktioniert nicht nur als grausame Überraschung, sondern zeigt, wie politische Interessen, Verrat und familiäre Bindungen ineinandergreifen. Martins Welt ist deshalb oft überzeugender als jene Fantasyromane, in denen der Held selbst die aussichtslosesten Schlachten überlebt, weil die Geschichte ihn noch braucht. Eine Rezension des Auftaktbandes findet sich bei Fabelhafte Bücher unter Die Herren von Winterfell.

Allerdings ist Martins Erzählweise nicht ohne Schwächen. Seine Welt wächst schneller, als er ihre zahlreichen Handlungsstränge zusammenführen kann. Vor allem die späteren Romane leiden unter immer neuen Figuren, zusätzlichen Schauplätzen und politischen Nebenhandlungen, die teilweise kaum vorankommen. Die Liebe zum historischen Detail schlägt gelegentlich in eine enzyklopädische Sammelleidenschaft um. Mahlzeiten, Stammbäume, Wappen und regionale Machtverhältnisse erhalten einen Raum, der das Erzähltempo empfindlich bremsen kann. Was in den ersten drei Romanen als faszinierende Vielschichtigkeit beginnt, verwandelt sich in den folgenden Bänden stellenweise in eine kaum noch beherrschbare Konstruktion. Martin hat seinem Universum zudem eine gewaltige Vorgeschichte gegeben, die er gemeinsam mit anderen Autoren in ergänzenden Veröffentlichungen ausarbeitete. Wie detailreich diese erfundene Vergangenheit inzwischen geworden ist, zeigt der Bildband Westeros – Die Welt von Eis und Feuer.

Sex, Gewalt und die Grenzen des historischen Realismus

Kaum eine erfolgreiche Fantasyreihe hat derart ausführliche Debatten über Gewalt und Sexualität ausgelöst wie Das Lied von Eis und Feuer. Martins Bücher enthalten Folter, Vergewaltigungen, Inzest, Kinderehen und grausame Hinrichtungen. Viele dieser Elemente dienen dazu, die Machtverhältnisse seiner Welt sichtbar zu machen. Eine dreizehnjährige Daenerys Targaryen wird von ihrem Bruder gegen ihren Willen mit einem mächtigen Kriegsherrn verheiratet, weil er sich davon eine Armee verspricht. Andere Frauen werden als politische Geiseln behandelt oder von Angehörigen ihrer eigenen Familien instrumentalisiert. Martin verweist bei entsprechenden Einwänden auf seine historischen Vorbilder. Die europäischen Kriege des Mittelalters seien tatsächlich von brutaler Gewalt und sexuellen Übergriffen begleitet gewesen. Eine Erzählung über Krieg, die diese Erfahrungen ausklammere, würde nach seiner Auffassung ein falsches Bild menschlicher Geschichte vermitteln.

Dieses Argument ist nachvollziehbar, beantwortet aber nicht jede Kritik. Martin schreibt schließlich keine historische Chronik, sondern erschafft eine Welt, deren Regeln er selbst bestimmt. Man kann deshalb durchaus fragen, weshalb seine Darstellung des Mittelalters besonders häufig dessen Grausamkeiten übernimmt, während er bei anderen Aspekten seiner Fantasygesellschaft große Freiheiten nutzt. Kritiker bemängeln außerdem, dass sexuelle Gewalt zu oft als dramaturgisches Mittel eingesetzt werde. Allerdings muss man zwischen seinen Romanen und der Fernsehserie unterscheiden. Einige besonders umstrittene Vergewaltigungsszenen wurden von den Serienautoren verändert oder neu eingeführt und entsprechen nicht den Buchvorlagen. Die pauschale Behauptung, Martin selbst habe alle Grausamkeiten der Fernsehserie geschrieben, wäre daher falsch. Zugleich erschafft er mit Figuren wie Cersei Lennister, Arya Stark und Brienne von Tarth Frauen, die sehr unterschiedliche Vorstellungen von Macht, Freiheit und persönlicher Würde verkörpern. Seine Bücher sind weder eine simple Verherrlichung patriarchaler Gewalt noch frei von problematischen erzählerischen Entscheidungen. Gerade dieses Spannungsverhältnis macht sie interessant.

Zwei Ehen, ein eigenes Kino und Streit mit Hollywood

Während Martins Figuren eine erstaunliche Zahl katastrophaler Hochzeiten erleben, verlief seine zweite Ehe bislang deutlich friedlicher. Seine spätere Frau Parris McBride lernte er bereits in den siebziger Jahren kennen. 1981 zog sie zu ihm nach Santa Fe; die beiden blieben drei Jahrzehnte lang unverheiratet zusammen. Erst im Februar 2011 gaben sie sich zu Hause vor dem Kamin das Jawort. Martin kommentierte die späte Entscheidung mit der Bemerkung, nach dreißig Jahren hätten sie wohl genügend Hinweise darauf gesammelt, dass ihre Beziehung funktionieren könnte. Anders als bei den Hochzeiten in Westeros wurde bei der Zeremonie niemand ermordet. Die Ehe blieb kinderlos. Gemeinsam engagieren sich Martin und seine Frau für soziale und kulturelle Projekte. Der Autor unterstützte unter anderem den Wild Spirit Wolf Sanctuary, ein Schutzprojekt für Wölfe und wolfähnliche Tiere in New Mexico.

Seinen zunehmenden Reichtum investierte Martin nicht nur in ein komfortables Leben. 2013 kaufte er das geschlossene Jean Cocteau Cinema in Santa Fe und ließ es wiedereröffnen. Seither dient es als Ort für Filmvorführungen, Lesungen und Gespräche mit Schriftstellern. Später kam mit Beastly Books eine eigene Buchhandlung hinzu. Martin sammelt außerdem mittelalterliche Miniaturfiguren und Spielzeugritter, denen er auf seiner Website eigene Seiten widmet. Das ist eine bemerkenswerte Rückkehr zur Kindheit: Der Junge, dessen Schildkröten in einer Spielzeugburg starben, besitzt als wohlhabender Bestsellerautor wieder ganze Heere kleiner Ritter. Auch technisch hält Martin an alten Gewohnheiten fest. Seine Romane schreibt er auf einem Computer mit dem Textverarbeitungsprogramm WordStar unter DOS. Die modernste Schreibsoftware interessiert ihn offenbar weniger als eine Umgebung, in der ihn möglichst wenig vom eigentlichen Text ablenkt.

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Wesentlich schwieriger gestaltet sich sein Verhältnis zur Unterhaltungsindustrie, die ihn berühmt und reich gemacht hat. Die HBO-Serie Game of Thrones entwickelte sich ab 2011 zu einem weltweiten Fernsehereignis und machte seine Geschichten einem Publikum zugänglich, das die Bücher nie gelesen hatte. Doch die Serie überholte schließlich die Romanvorlage, und ihr Finale von 2019 enttäuschte zahlreiche Zuschauer. Martin hatte den Produzenten wichtige Entwicklungen und das geplante Ende mitgeteilt, aber die konkrete Umsetzung lag nicht vollständig in seiner Hand. Mit dem späteren Ableger House of the Dragon verschärften sich die Konflikte. Martin kritisierte öffentlich Änderungen an seiner Vorlage Fire & Blood und warnte vor deren Auswirkungen auf spätere Handlungsteile. 2026 bezeichnete er sein Verhältnis zum verantwortlichen Showrunner Ryan Condal als katastrophal. Nach Martins Darstellung hatte Condal zunächst eng mit ihm zusammengearbeitet, seine Einwände später aber zunehmend ignoriert. Der Streit zeigt einen unangenehmen Widerspruch: Martin hat sein Universum für enorm viel Geld an die Filmindustrie geöffnet, leidet aber darunter, dass andere Menschen nun wesentliche Entscheidungen über die Geschichten treffen.

Der Winter, der einfach nicht kommt

Das größte Problem seines Lebenswerks ist jedoch nicht Hollywood, sondern ein unvollendetes Manuskript. Der fünfte Band von Das Lied von Eis und Feuer, A Dance with Dragons, erschien im Juli 2011. Seither arbeitet Martin an The Winds of Winter, dem geplanten sechsten Band. Mehrfach kündigte er Fortschritte an, ließ Fertigstellungstermine verstreichen und musste seine Leser anschließend enttäuschen. 2022 erklärte er, das Manuskript sei ungefähr zu drei Vierteln fertiggestellt. Einen verlässlichen Veröffentlichungstermin konnte er dennoch nicht nennen. Im April 2025 bezeichnete er den Roman sogar als den Fluch seines Lebens. Er arbeite weiterhin daran, komme phasenweise gut voran und werde dann wieder von anderen Aufgaben abgelenkt. Im Januar 2026 machte er erneut deutlich, dass ihn auch andere kreative Projekte beschäftigten, die er nicht einfach aufgeben wolle. Bis Oktober 2026 ist The Winds of Winter nicht erschienen.

Die Ungeduld der Leser ist verständlich. Wer 1996 mit dem ersten Roman begonnen hat, wartet inzwischen seit drei Jahrzehnten auf den Abschluss einer Geschichte, die ursprünglich wesentlich kürzer geplant war. Selbst wenn The Winds of Winter noch erscheint, müsste Martin anschließend mit A Dream of Spring einen siebten Band schreiben. Seine berufliche Situation ist dabei widersprüchlich. Einerseits besitzt er genügend Geld, um sich vollständig auf sein Hauptwerk zu konzentrieren. Andererseits ist er als Produzent, Herausgeber, Betreiber kultureller Einrichtungen und kreativer Berater in viele Projekte eingebunden, die ihm offensichtlich am Herzen liegen. Martin wehrt sich dagegen, ausschließlich auf seine ausstehende Fortsetzung reduziert zu werden. Schließlich habe er lange vor Game of Thrones Bücher geschrieben, Preise gewonnen und Geschichten erfunden. Wer sein übriges Werk für bedeutungslos erkläre, nur weil er das nächste Westeros-Buch verlange, werde ihm als Schriftsteller nicht gerecht.

Dennoch bleibt die Frage, ob Martin die erzählerische Kontrolle über sein eigenes Universum verloren hat. Seine Arbeitsweise, bei der Geschichten während des Schreibens wachsen und sich verändern dürfen, war anfangs eine enorme Stärke. Die vielen unabhängigen Figuren entwickelten ein Eigenleben, ihre Entscheidungen führten zu überraschenden Entwicklungen. Inzwischen dürfte dieselbe Freiheit die Fertigstellung erheblich erschweren. Jeder neue Handlungsstrang schafft Erwartungen, jeder zusätzliche Schauplatz muss wieder mit den übrigen verbunden werden. Martins Anspruch, möglichst keine wichtigen Entwicklungen einfach abzuwürgen, gerät damit in Konflikt mit der Notwendigkeit, irgendwann ein Ende zu finden. Seine beharrliche Verteidigung künstlerischer Freiheit klingt weniger überzeugend, wenn sich über anderthalb Jahrzehnte hinweg kein fertiges Buch daraus ergibt.

Hinzu kommen die Belastungen des Alters. Im August 2026 meldete sich Martin nach längerer persönlicher Blogpause mit ungewöhnlich offenen Worten zurück. Er schrieb über den Verlust von Freunden, über Traurigkeit und depressive Phasen sowie darüber, wie wenig Freude ihm das Älterwerden bereite. Gleichzeitig berichtete er von erfüllten Träumen, neuen Fernsehproduktionen und der Freude über das erfolgreiche Spin-off A Knight of the Seven Kingdoms. Im selben Jahr wurde sein Westeros-Universum mit Game of Thrones: The Mad King sogar zum Stoff einer Produktion der Royal Shakespeare Company. Martins Fantasie hat längst ein kulturelles Eigenleben entwickelt, das weit über seine Romane hinausreicht. Doch die wichtigste Geschichte bleibt diejenige, die er selbst noch nicht abgeschlossen hat.

George R. R. Martins literarisches Verdienst ist erheblich. Er hat die moderne Fantasy anspruchsvoller, politischer und psychologisch unberechenbarer gemacht. Sein Interesse gilt nicht nur heldenhaften Abenteuern, sondern den Folgen schlechter Entscheidungen, dem Scheitern guter Absichten und den gefährlichen Verlockungen der Macht. Wer seine Bücher kennenlernen möchte, beginnt mit A Game of Thrones und sollte mindestens die ersten drei Originalromane lesen. Dort zeigt sich seine erzählerische Stärke am deutlichsten. Als ungewöhnlicher Einzelroman empfiehlt sich Fevre Dream, der beweist, dass Martin auch außerhalb von Westeros fesselnd erzählen kann. Die späteren Fantasybände erfordern dagegen Geduld und die Bereitschaft, einem Autor durch zahlreiche Abschweifungen zu folgen.

Vielleicht wird Martin sein Epos noch beenden. Vielleicht bleibt es unvollendet. Eine gewisse Ironie liegt jedenfalls darin, dass ausgerechnet der Schriftsteller, der seinen Lesern beibrachte, niemand sei vor einem unerwarteten Ende sicher, selbst seit fünfzehn Jahren mit dem Ende seiner Geschichte ringt. Seine ersten Könige waren Schildkröten. Sie starben, bevor er ihre Geschichten fertig erzählen konnte.

George R. R. Martin – Fakten

  • Geboren: 20. September 1948 in Bayonne, New Jersey, USA
  • Vollständiger Name: George Raymond Richard Martin
  • Eltern: Raymond Collins Martin, Hafenarbeiter, und Margaret Brady Martin, Fabrikarbeiterin
  • Geschwister: Zwei jüngere Schwestern, Darleen und Janet
  • Ausbildung: Journalismus an der Northwestern University; Bachelor 1970, Master 1971
  • Berufe: Schriftsteller, Drehbuchautor, Fernsehproduzent; früher auch Schachturnierorganisator und Hochschullehrer
  • Erste Ehe: Gale Burnick, 1975–1979
  • Zweite Ehe: Parris McBride, seit 2011 verheiratet; seit 1981 zusammenlebend
  • Kinder: Keine
  • Wohnort: Santa Fe, New Mexico, USA
  • Wichtige Einzelromane: Dying of the Light (1977), Fevre Dream (1982), The Armageddon Rag (1983)
  • Hauptwerk: A Song of Ice and Fire / Das Lied von Eis und Feuer, bislang fünf englische Hauptromane (1996–2011)
  • Weitere Werke: Fire & Blood (2018), die Dunk-und-Egg-Erzählungen und die mitherausgegebene Wild Cards-Reihe
  • Fernsehproduktionen: The Twilight Zone, Die Schöne und das Biest, Game of Thrones, House of the Dragon, A Knight of the Seven Kingdoms
  • Auszeichnungen: Mehrfach Hugo Award, Nebula Award und Locus Award; außerdem weitere Literatur- und Fernsehpreise

Verfasst vom Marc und Emma