Donna Leon
Bild: Michiel Hendryckx, CC BY-SA 3.0 Quelle

Donna Leon hat mehr als drei Jahrzehnte über Venedig geschrieben und ihre Brunetti-Romane in Dutzenden Ländern zu Bestsellern gemacht. Ausgerechnet in der Sprache der Stadt erschienen die Bücher jedoch nie: Leon wollte keine italienischen Übersetzungen, weil sie in Venedig unerkannt und unbehelligt leben wollte. Später verließ sie die Lagunenstadt sogar weitgehend, weil ihr der Massentourismus zu viel wurde. Heute lebt sie in der Schweiz, besitzt den Schweizer Pass und schreibt trotzdem weiter über Commissario Guido Brunetti, seine Familie, seine Kollegen und jene Stadt, die in ihren Romanen längst ebenso wichtig geworden ist wie jeder Mordfall. Dass daraus überhaupt eine Schriftstellerkarriere entstand, war keineswegs geplant. Leon wollte Literaturwissenschaftlerin werden, verlor während der iranischen Revolution ihre Dissertation über Jane Austen, unterrichtete danach in mehreren Ländern und schrieb ihren ersten Krimi eher aus Spaß. 1991 gewann dieses Manuskript einen japanischen Literaturpreis. Im deutschsprachigen Raum wurde daraus schließlich ein Massenphänomen.

Donna Leon wurde am 28. September 1942 in Montclair im US-Bundesstaat New Jersey geboren und wuchs in der Gegend von Bloomfield auf. Ihre Familie hatte irische, deutsche und spanische Wurzeln; der spanische Familienname Leon stammt nach ihren eigenen Angaben vom Großvater väterlicherseits. Die Eltern hatten die Weltwirtschaftskrise erlebt und selbst nicht studiert, legten aber großen Wert auf Bildung und Bücher. Leon beschreibt ihre Kindheit rückblickend als ausgesprochen glücklich. In ihrem Elternhaus wurde viel gelesen, und auch sie entwickelte früh jene beinahe körperliche Freude an Literatur, die später in den Brunetti-Romanen immer wieder auftauchen sollte. Ihr Kommissar liest in freien Minuten Xenophon, Tacitus oder andere antike Autoren, während seine Frau Paola als Literaturprofessorin vorzugsweise Henry James liest. Diese Bildung ist bei Leon keine schmückende Charaktereigenschaft. Sie gehört zu ihrer Vorstellung davon, wie Menschen die Welt betrachten können, ohne sich ausschließlich von Beruf, Geld oder Konsum bestimmen zu lassen.

Rom, London, Iran, China, Saudi-Arabien – und eine verschwundene Dissertation

Mit Anfang zwanzig verließ Leon die Vereinigten Staaten und begann ein Leben, das wesentlich unsteter verlief, als der spätere Erfolg einer jahrzehntelang fortgesetzten Krimireihe vermuten lässt. 1965 kam sie erstmals nach Italien. Sie arbeitete unter anderem als Reiseleiterin in Rom und als Werbetexterin in London und unterrichtete englische Sprache und Literatur in verschiedenen Ländern. Stationen waren die Schweiz, Iran, China und Saudi-Arabien; später arbeitete sie auch für die University of Maryland auf dem amerikanischen Militärstützpunkt in Vicenza. Der Beruf der international herumziehenden Lehrerin entsprach offenbar besser zu ihr als eine klassische akademische Karriere mit festem Lehrstuhl. Leon bezeichnete sich selbst rückblickend einmal als eine Art „akademische Söldnerin“, die dort unterrichtete, wo gerade Arbeit vorhanden war.

Dabei sah es eine Zeit lang durchaus danach aus, als würde sie Literaturwissenschaftlerin werden. Leon arbeitete mehrere Jahre an einer Dissertation über Jane Austen. Während der iranischen Revolution von 1978/79 musste sie das Land jedoch verlassen. Ihre Flucht war keineswegs eine komfortable Ausreise; Leon erinnerte sich später unter anderem an eine Busfahrt unter Bewachung bewaffneter Männer. Als ihr Gepäck Monate später nachgeschickt wurde, fehlten die Unterlagen zu ihrer Dissertation. Fünf Jahre Arbeit waren weitgehend verschwunden. Statt das Projekt noch einmal von vorn zu beginnen, gab Leon die akademische Laufbahn auf. Sie hat diesen Verlust später erstaunlich gelassen beschrieben und sogar als glückliche Wendung betrachtet: Das Leben außerhalb der Universität gefiel ihr schlicht besser.

Besonders schlecht erinnerte sie sich dagegen an Saudi-Arabien. Neun Monate dort bezeichnete sie später als das einzige wirklich schlechte Jahr ihres Lebens und als körperlich und seelisch belastend. Nach dieser Phase zog sie dauerhaft nach Italien. Ab den frühen 1980er Jahren wurde Venedig zu ihrem Lebensmittelpunkt. Dass Leon fast überall gelebt hatte, bevor sie zur „Venedig-Autorin“ wurde, erklärt vielleicht einen Teil ihres Blicks auf die Stadt: Sie schreibt weder als gebürtige Venezianerin noch als Touristin. Sie kennt die italienische Alltagskultur sehr gut, bleibt ihr gegenüber aber immer in einem gewissen Sinn außenstehend.

Ein Mord an Herbert von Karajan – zumindest in der Fantasie

Die Entstehung ihres ersten Romans gehört zu jenen Geschichten, die beinahe zu passend klingen, aber von Leon selbst mehrfach erzählt wurden. Bei einem Besuch im Teatro La Fenice saß sie mit dem italienischen Dirigenten Gabriele Ferro und anderen Bekannten zusammen. Das Gespräch kam auf den berühmten österreichischen Dirigenten Herbert von Karajan und dessen politische Vergangenheit. Man begann scherzhaft darüber zu reden, wie man einen solchen Dirigenten wohl ermorden könnte. Leon erkannte plötzlich, dass daraus ein Kriminalroman werden könnte. Aus Karajan wurde der fiktive Stardirigent Helmut Wellauer, der während einer Opernaufführung vergiftet in seiner Garderobe gefunden wird.

Leon schrieb Death at La Fenice innerhalb weniger Monate, legte das Manuskript anschließend jedoch zunächst beiseite. Eine Schriftstellerkarriere hatte sie nicht geplant. Erst auf Drängen eines Freundes reichte sie das Buch bei einem japanischen Krimiwettbewerb ein. 1991 gewann sie den Suntory Mystery Fiction Prize; 1992 erschien der Roman auf Englisch. Damit war Commissario Guido Brunetti geboren. Der Erfolg zwang Leon gewissermaßen zu jener Tätigkeit, die sie vorher gar nicht angestrebt hatte: Der Verlag wollte weitere Bücher.

Brunetti war von Anfang an kein klassischer einsamer Ermittler mit Alkoholproblem, kaputter Ehe und möglichst vielen persönlichen Dämonen. Leon wollte ausdrücklich einen Mann schaffen, den sie selbst mögen würde. Brunetti ist verheiratet, liebt seine Frau Paola und die beiden Kinder, geht gern zum Essen nach Hause, liest, denkt nach und verfügt über Humor. Das bedeutet nicht, dass er naiv wäre. Im Gegenteil: Er weiß sehr genau, wie häufig Macht, Geld, Beziehungen und Bürokratie verhindern, dass juristische und moralische Gerechtigkeit dasselbe sind. Die Fälle enden daher längst nicht immer mit einer befriedigenden Bestrafung des Schuldigen. Gerade das unterscheidet die Reihe von Krimis, in denen am Ende sämtliche moralische Konten ausgeglichen sind.

Den Welterfolg verdankte Donna Leon ausgerechnet Deutschland und der Schweiz

In den USA begann Leons Karriere wesentlich holpriger, als ihr späterer Welterfolg vermuten lässt. Die ersten Bücher verkauften sich dort nicht besonders gut, und nach einigen Bänden hatte sie zeitweise keinen amerikanischen Verlag mehr. Dann entdeckte Daniel Keel vom Zürcher Diogenes Verlag die Reihe. Leon selbst sagte später sehr deutlich, Diogenes habe ihre Karriere gemacht. Der Verlag investierte in die Bücher, und vor allem in Deutschland, Österreich und der Schweiz entwickelte sich Brunetti zum Bestseller.

Das ist ein bemerkenswerter Sonderfall: Eine amerikanische Autorin schreibt auf Englisch über einen italienischen Polizisten und wird zunächst vor allem durch einen Schweizer Verlag und deutschsprachige Leser zum internationalen Star. Leon vermutete selbst, dass dabei die besondere Sehnsucht deutschsprachiger Leser nach Italien und Venedig eine Rolle spiele. Gleichzeitig behandeln die Bücher Themen, die weit über Urlaubskulissen hinausgehen: illegale Müllentsorgung, Korruption, Menschenhandel, Umweltzerstörung, Gentrifizierung, organisierte Kriminalität, Vetternwirtschaft, Migration und die Auswirkungen des Massentourismus.

In Deutschland wurde Brunetti zusätzlich zum Fernsehphänomen. Zwischen 2000 und 2019 entstanden 26 ARD-Filme, zunächst mit Joachim Król und danach mit Uwe Kockisch als Commissario Brunetti. Die Reihe war über viele Jahre ein Quotenerfolg und endete 2019 mit Stille Wasser. Leon selbst stand den Verfilmungen bemerkenswert distanziert gegenüber. In einem Interview von 2019 erklärte sie, lediglich zwei der Filme gesehen zu haben. Während Millionen deutscher Zuschauer also ein sehr konkretes Fernsehbild ihres Kommissars entwickelten, blieb dessen Erfinderin lieber bei ihrer eigenen Vorstellung.

Warum es Brunetti nicht auf Italienisch gibt

Noch ungewöhnlicher ist die Geschichte der italienischen Ausgaben: Leon hat über Jahrzehnte verhindert, dass die Brunetti-Romane regulär auf Italienisch erscheinen. Der Grund war nicht, wie man manchmal liest, ein literarisches Experiment über Sprache oder ein besonderer Respekt vor der italienischen Kultur. Leon wollte schlicht ihre Ruhe. In Venedig konnte sie einkaufen, Freunde besuchen, Restaurants betreten und über die Stadt schreiben, ohne ständig als berühmte Bestsellerautorin erkannt zu werden. 2001 erklärte sie dazu sehr offen, sie wolle dort, wo sie lebe, nicht berühmt sein. Ihre Nachbarn kannten „Signora Leon“, wussten aber teilweise wenig über den Umfang ihres internationalen Erfolgs.

Das erzeugt eine reizvolle Absurdität. In Deutschland standen ihre Bücher millionenfach in Buchhandlungen, deutsche Fernsehteams drehten Brunetti-Filme in Venedig, und ausländische Leser suchten gezielt jene Restaurants, Plätze und Inseln auf, die Leon beschrieb. Viele italienische Leser konnten die Romane dagegen nur in einer Fremdsprache lesen. Noch Mitte der 2020er Jahre wird diese Besonderheit in internationalen Darstellungen ihrer Karriere hervorgehoben.

Es wäre allerdings falsch, daraus eine Ablehnung Italiens abzuleiten. Leon hat Venedig über Jahrzehnte mit großer Zuneigung beschrieben. Was sie zunehmend ablehnte, war vielmehr das, was aus der Stadt geworden war. Immer mehr Ferienwohnungen, immer weniger dauerhaft dort lebende Venezianer, Kreuzfahrtschiffe, steigende Preise und enorme Besuchermassen veränderten das Leben in der Lagunenstadt. In Ewige Jugend etwa spielt die Umwandlung von Wohnraum und damit die Veränderung Venedigs bereits deutlich in die Handlung hinein; auch unsere Rezension zu Ewige Jugend hebt diesen aktuellen gesellschaftlichen Hintergrund hervor.

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Warum Donna Leon Venedig schließlich selbst verließ

Um 2015 zog Leon ihren Hauptwohnsitz in die Schweiz. Als Grund nannte sie vor allem die Überfüllung Venedigs. Sie schilderte einmal, wie sie auf der Rialtobrücke in eine derart dichte Menge geraten sei, dass sie beinahe stürzte, aber wegen der Menschenmasse gar keinen Platz zum Fallen gehabt habe. Für eine Frau, die die Stadt noch aus Zeiten kannte, in denen dort erheblich weniger Besucher unterwegs waren, war dies offenbar eine Grenze.

Heute lebt Leon vor allem in den Bündner Bergen, im Münstertal. Sie besitzt mittlerweile auch die Schweizer Staatsbürgerschaft. Ganz getrennt hat sie sich von Venedig nie; sie kehrte über Jahre regelmäßig zurück und hat dort weiterhin Freunde. In einem Interview von 2025 erklärte sie zugleich, sie fühle sich letztlich an keinem Ort vollständig „zu Hause“ – eine bemerkenswerte Aussage für eine Autorin, deren Name so eng mit einer einzigen Stadt verbunden ist.

Venedig bleibt in den Büchern deshalb kein eingefrorenes Erinnerungsbild. Leon nutzt die Reihe seit langem, um Veränderungen der Stadt festzuhalten. Besonders deutlich wird dies in Earthly Remains, deutsch Stille Wasser. Brunetti zieht sich darin nach Sant’Erasmo zurück und gerät in eine Geschichte um tote Bienen, Umweltverschmutzung und die ökologische Zerstörung der Lagune. Leon bezeichnete diesen Roman selbst als Ausdruck ihrer immer stärkeren Sorge um Umweltfragen. Unsere Rezension zu Stille Wasser hebt ebenfalls hervor, wie stark bei ihr Kriminalhandlung und gesellschaftliche beziehungsweise ökologische Beobachtung miteinander verschmelzen.

Das bedeutet jedoch nicht, dass man die Brunetti-Romane als politische Traktate lesen sollte. Leon selbst hat mehrfach betont, dass sie sich weniger für Parteipolitik als für die konkreten Folgen von Macht, Korruption und Umweltzerstörung interessiert. Gleichzeitig äußert sie sich in Interviews durchaus scharf, auch über ihr Herkunftsland USA, italienische Politik oder Konsumgesellschaften. Ihre Romane vermeiden dabei meist den Ton programmatischer Anklage. Brunetti beobachtet, ärgert sich und versucht im kleinen Rahmen, anständig zu handeln – obwohl er genau weiß, dass er das System nicht reparieren wird.

Brunetti altert kaum – Venedig dagegen sehr wohl

Eine Besonderheit der Reihe fällt nach mehr als drei Jahrzehnten besonders auf: Die äußere Welt verändert sich fortlaufend, Brunetti und seine Familie dagegen nur langsam. Technische Entwicklungen kommen hinzu, gesellschaftliche Debatten ändern sich, Venedig verliert Bewohner und wird voller Touristen, doch die Kinder der Familie Brunetti altern nicht im selben Tempo wie die Erscheinungsjahre der Romane. Leon hat damit eine Art gleitende Gegenwart geschaffen. Der Kommissar bleibt vertraut, während aktuelle Probleme in seine Welt eindringen.

Genau diese Balance erklärt einen Teil des Erfolgs. Leser kehren nicht primär wegen spektakulärer Mordmethoden zurück. Sie möchten Brunetti sehen, Paola beim Mittagessen erleben, Signorina Elettra bei ihren nicht immer ganz legalen Computerrecherchen beobachten und sich über Vice-Questore Patta ärgern. Der Kriminalfall gibt dem jeweiligen Buch Struktur, aber die eigentliche Bindung entsteht durch eine über Jahrzehnte wiederkehrende Gesellschaft von Figuren.

Leon liest nach eigener Aussage inzwischen selbst kaum noch Kriminalromane. Ihre literarischen Interessen reichen von Dickens und Trollope über Henry James bis zur antiken Literatur. In Backstage schreibt sie allerdings ausführlich über Krimiautoren, die sie geprägt haben, darunter Ruth Rendell und Ross Macdonald. Sie recherchiert ihre eigenen Fälle teilweise sehr konkret – etwa durch Gespräche mit Diamantenhändlern oder Personen, die Einblick in Menschenhandel und andere Milieus haben. Die scheinbare Leichtigkeit ihrer Romane bedeutet deshalb nicht, dass die Stoffe ohne Vorbereitung entstehen.

Die zweite große Leidenschaft: Händel statt Brunetti

Wer Donna Leon nur als Krimiautorin kennt, unterschätzt möglicherweise den Bereich ihres Lebens, der ihr selbst wichtiger zu sein scheint als ihre Bücher: die Barockmusik. Leon ist leidenschaftliche Opernbesucherin, obwohl sie selbst weder ein Instrument spielt noch nach eigener Aussage Noten lesen kann. Besonders Georg Friedrich Händel hat es ihr angetan. Sie unterstützte über Jahre den Dirigenten Alan Curtis und dessen Ensemble Il Complesso Barocco bei Opernaufnahmen. Nach Curtis‘ Tod engagierte sie sich intensiv für das 2012 gegründete Ensemble Il Pomo d’Oro, an dessen Entstehung sie beteiligt war und dessen Einspielungen sie auch finanziell förderte.

Diese Leidenschaft reicht weit über gelegentliches Mäzenatentum hinaus. Leon besucht Proben und Aufnahmen, schreibt Texte für Programmhefte, arbeitet an Musikprojekten und reist mit dem Ensemble. Sie hat Handel’s Bestiary veröffentlicht, ein Buch über Tiere in Händels Opern, und mit The Jewels of Paradise sogar einen Roman außerhalb der Brunetti-Reihe geschrieben, dessen Handlung um den barocken Komponisten Agostino Steffani kreist. Leon sagte mehrfach, wenn sie sich zwischen dem Bücherschreiben und der Förderung der Musik entscheiden müsste, würde sie die Musik wählen. Auf die von ihr unterstützten Aufnahmen sei sie sogar stolzer als auf die Romane, weil diese nach ihrem Tod weiterexistieren würden.

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Das passt erstaunlich gut zur Entstehung ihres ersten Kriminalromans: Ohne Oper hätte es Brunetti wahrscheinlich nie gegeben. La Fenice lieferte den ersten Mordschauplatz, Musiker gehörten zu ihrem Freundeskreis, und musikalische Themen kehren immer wieder zurück. Die Krimiautorin und die Musikliebhaberin sind keine zwei getrennten Biografien.

Eine Autorin ohne große Karriereplanung

Leon spricht auffallend häufig davon, nie besonders ehrgeizig gewesen zu sein. Das kann angesichts von mehr als dreißig Romanen, Millionenauflagen und jahrzehntelanger jährlicher Produktion zunächst wie kokette Bescheidenheit wirken. Ihre Lebensgeschichte spricht jedoch zumindest teilweise dafür. Sie plante weder den Beruf der Schriftstellerin noch eine Krimiserie. Den ersten Roman ließ sie nach dem Schreiben zunächst liegen; erst der japanische Wettbewerb brachte Bewegung in die Sache. Selbst den internationalen Erfolg beschreibt sie oft eher als glücklichen Zufall denn als Ergebnis einer langfristigen Karrierestrategie.

Auch privat hat Leon sich wenig an konventionellen Erwartungen orientiert. Sie blieb unverheiratet und kinderlos und erklärte in Interviews, dass ein Leben ohne Ehe zu ihrer Unruhe und ihrem Wunsch nach Unabhängigkeit passe. Zugleich spielen stabile Beziehungen in ihren Romanen eine wichtige Rolle. Brunettis Ehe mit Paola gehört zu den langlebigsten und funktionierendsten Partnerschaften der Kriminalliteratur. Leon hat einmal bemerkt, Freundschaften hielten ihrer Erfahrung nach häufig länger als Ehen – auch weil sie weniger von Besitzansprüchen und Eifersucht geprägt seien.

Dass die Autorin selbst lieber herumreiste, während sie ihrem Kommissar ein stabiles Familienleben gab, ist einer der netten Widersprüche ihres Werks. Brunetti lebt in einer Form von häuslicher Kontinuität, die Leon selbst nie gesucht hat.

33 Fälle – und dann plötzlich zwei Jahre Pause

Von 1992 an erschien fast jedes Jahr ein neuer Brunetti-Roman. Mit Feuerprobe (A Refiner’s Fire) kam 2024 der 33. Band heraus. Danach geschah etwas für Leon Ungewöhnliches: 2025 erschien kein neuer Fall, und auch 2026 setzte die Reihe aus. Stattdessen veröffentlichte sie 2025 den autobiografischen Essayband Backstage, in dem sie über Literatur, Schreiben, Unterricht, Musik und Begegnungen aus ihrem Leben erzählt.

Das bedeutet allerdings nicht das Ende Brunettis. Diogenes bestätigte Anfang 2026, dass ein 34. Fall in Arbeit ist. Leon selbst hat ebenfalls erklärt, die Serie fortsetzen zu wollen. Wann genau der nächste Roman erscheint, war im September 2026 noch nicht angekündigt. Die Pause ist dennoch bemerkenswert: Drei Jahrzehnte lang war der jährliche neue Brunetti fast so zuverlässig wie der Wechsel der Jahreszeiten.

Mit inzwischen 84 Jahren – Leon wurde am 28. September 1942 geboren – muss sie jedenfalls niemandem mehr beweisen, dass sie eine Serie durchhalten kann. 2024 erhielt sie sowohl den Ripper Award für ihr kriminalliterarisches Lebenswerk als auch den Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten. Bereits 2019 war sie mit dem Lifetime Achievement Award des Strand Magazine ausgezeichnet worden.

Was sollte man von Donna Leon lesen?

Wer die Reihe kennenlernen möchte, sollte mit Venezianisches Finale beginnen. Nicht weil sämtliche Brunetti-Bücher streng aufeinander aufbauen – das tun sie nicht –, sondern weil dort viele Grundelemente bereits vorhanden sind: Oper, gesellschaftliche Reputation, ein gebildeter Ermittler und eine Lösung, bei der Moral und Strafrecht nicht vollständig zusammenfallen. Gleichzeitig lässt sich beobachten, wie sich Venedig und Leons Themen über die folgenden Jahrzehnte verändern.

Wer ein späteres Buch lesen möchte, ohne dreißig Vorgänger nachzuholen, kann sehr gut zu Ewige Jugend greifen. Der 25. Fall zeigt bereits deutlich das modernere Venedig der Reihe und verbindet einen alten ungeklärten Vorfall mit Fragen nach Stadtentwicklung und gesellschaftlicher Veränderung. Stille Wasser ist besonders interessant, wenn man Leons ökologische Seite kennenlernen möchte. Der Kriminalfall tritt dort zeitweise deutlich hinter die Lagune, die Bienen und die Folgen jahrzehntelanger Umweltverschmutzung zurück.

Friends in High Places beziehungsweise Feine Freunde gehört zu den häufig besonders geschätzten mittleren Brunetti-Romanen und zeigt sehr gut, wie Leon Bürokratie, Immobiliengeschäfte, gesellschaftliche Beziehungen und persönliche Schuld verbindet. Wer Leon ohne Brunetti kennenlernen möchte, kann dagegen zu Ein Leben in Geschichten oder Backstage greifen. Dort wird sichtbar, wie ungewöhnlich das Leben hinter der erstaunlich beständigen Krimiserie tatsächlich war.

Und wer wissen möchte, was die Autorin selbst möglicherweise lieber hört als liest, sollte Händel auflegen.

Donna Leon – die wichtigsten Fakten

  • Geboren: 28. September 1942 in Montclair, New Jersey
  • Aufgewachsen: im US-Bundesstaat New Jersey
  • Herkunft: irische, deutsche und spanische Familienwurzeln
  • Ausbildung: Studium der englischen Literatur; geplante Dissertation über Jane Austen nicht abgeschlossen
  • Iran: Verlust großer Teile der Dissertationsunterlagen während der Revolution 1979
  • Frühere Berufe: Reiseleiterin in Rom, Werbetexterin in London sowie Lehrerin und Dozentin unter anderem in der Schweiz, im Iran, in China, Saudi-Arabien und Italien
  • Venedig: ab den frühen 1980er Jahren jahrzehntelang Lebensmittelpunkt
  • Heute: wohnhaft in der Schweiz, Schweizer Staatsbürgerin; Venedig weiterhin eng verbunden
  • Erster Brunetti-Roman: Death at La Fenice / Venezianisches Finale, 1992
  • Entstehung des Debüts: angeregt durch ein Gespräch im Umfeld des Teatro La Fenice über einen fiktiven Mord an einem berühmten Dirigenten
  • Erster großer Erfolg: Suntory Mystery Fiction Prize in Japan 1991
  • Durchbruch im deutschsprachigen Raum: wesentlich durch den Schweizer Diogenes Verlag
  • Brunetti-Reihe: 33 veröffentlichte Romane bis 2024; ein 34. Fall ist nach Verlagsangaben in Arbeit
  • Besonderheit: keine regulären italienischen Übersetzungen der Brunetti-Romane auf ausdrücklichen Wunsch der Autorin
  • Deutsche Fernsehreihe: 26 ARD-Verfilmungen von 2000 bis 2019
  • Wichtige Themen: Korruption, Umweltzerstörung, Massentourismus, Machtmissbrauch, soziale Ungleichheit und die Diskrepanz zwischen Recht und Gerechtigkeit
  • Weitere Bücher: unter anderem The Jewels of Paradise, Handel’s Bestiary, Ein Leben in Geschichten und Backstage
  • Musik: leidenschaftliche Anhängerin der Barockoper und besonders Händels; langjährige Unterstützerin und Mitbegründerin des Ensembles Il Pomo d’Oro
  • Auszeichnungen: unter anderem Lifetime Achievement Award des Strand Magazine, Premio Pepe Carvalho, Ripper Award und Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten
  • Aktueller Stand 2026: Nach Feuerprobe von 2024 erschienen 2025 und 2026 erstmals keine neuen Brunetti-Fälle; die Reihe soll jedoch fortgesetzt werden.

Verfasst vom Autorenteam.