
Mit Donkerbloem kehrt Linus Geschke an einen Ort zurück, an dem scheinbare Erholung und drohende Gefahr eng beieinanderliegen. Im abschließenden Band seiner Trilogie treffen ungelöste Vergangenheit, Verlust und der Wunsch nach Vergeltung aufeinander. Das sorgt für eine dichte, unheilvolle Stimmung und eine Handlung, die von ihren Figuren ebenso lebt wie von der Umgebung. Nicht jede emotionale Wiederholung ist nötig, doch insgesamt gelingt Geschke ein überzeugender Abschluss.
Kathinka trägt seit Jahren die Folgen des Mordes an ihrer Schwester mit sich. Nun will sie herausfinden, wer dafür verantwortlich ist, und geht dafür ein riskantes Bündnis mit Wout ein, einem Barbesitzer, dessen Absichten nicht ohne Weiteres einzuschätzen sind. Ihr Plan führt zurück nach Donkerbloem, wo sich die Wege verschiedener Menschen kreuzen. Auch Frieda wird in die Ereignisse hineingezogen. Campingplatz, Wald und Schlucht geben dem Geschehen einen klar umrissenen Schauplatz, während die alte Tat weiterhin Einfluss auf Entscheidungen in der Gegenwart nimmt. Kathinkas Suche nach Gerechtigkeit gerät dabei immer wieder in die Nähe persönlicher Vergeltung.
Besonders gelungen ist, wie stark die Landschaft die Stimmung der Geschichte mitprägt. Ein Ferienort ist gewöhnlich mit Ruhe und Abstand vom Alltag verbunden; hier entsteht daraus ein wirkungsvoller Kontrast zu den Gefahren, die sich nach und nach zeigen. Die Umgebung wirkt nicht wie eine austauschbare Kulisse. Zwischen den Unterkünften des Camps, den Waldwegen und dem unübersichtlichen Gelände entsteht ein Gefühl, dass die Figuren nie ganz wissen können, was vor ihnen liegt. Die Spannung beruht deshalb nicht nur auf überraschenden Wendungen. Auch die räumliche Unsicherheit trägt dazu bei, dass die Lage bedrückend bleibt.
Der Wechsel zwischen den Figurenperspektiven hält die Handlung in Bewegung. So bleibt Kathinkas Vorhaben nicht der einzige Blickwinkel, durch den die Ereignisse beurteilt werden. Was zunächst wie ein klarer Schritt in Richtung Aufklärung oder Vergeltung wirken mag, verändert sich, sobald weitere Interessen und Beziehungen sichtbar werden. Dieses Wechselspiel macht die Erzählung lebendiger und gibt den Konflikten zusätzliche Schichten. Es verlangt zugleich Aufmerksamkeit: Die Vorgeschichte und die Verbindungen zwischen den Beteiligten sind wichtig dafür, wie einzelne Entscheidungen zu verstehen sind. Als letzter Band setzt der Roman erkennbar auf einen größeren Zusammenhang und steht nicht völlig für sich allein.
Im Mittelpunkt stehen weniger abstrakte Fragen nach Schuld als die Folgen, die ein Verlust für das Handeln der Betroffenen hat. Kathinka wird von einem nachvollziehbaren Bedürfnis angetrieben, doch ihr Vorgehen wirft die Frage auf, wo Gerechtigkeit endet und Rache beginnt. Auch Wout lässt sich nicht auf eine einfache Rolle festlegen. Seine Unberechenbarkeit sorgt dafür, dass Vertrauen stets mit Vorsicht verbunden bleibt. Geschke nutzt diese Spannungen, um die Figuren nicht bloß als Spielfiguren eines Plans erscheinen zu lassen. Ihre persönlichen Motive geben der Gefahr Gewicht, ohne dass die Geschichte ihren Charakter als Thriller verliert.
Eine Schwäche zeigt sich dort, wo Gefühle mehrfach erläutert werden, obwohl ihre Bedeutung bereits deutlich geworden ist. Die Figuren stehen unter erheblichem Druck, und ihre inneren Konflikte gehören zum Kern der Handlung. Dennoch wiederholt der Text gelegentlich eine emotionale Einschätzung, statt sie durch die nächste Entscheidung weiterzuentwickeln. Das nimmt einzelnen Abschnitten etwas von ihrem Zug. Gerade die wechselnden Perspektiven und die bedrohliche Umgebung erzeugen genügend Spannung, sodass nicht jede Regung nochmals ausdrücklich benannt werden müsste. Eine straffere Bearbeitung hätte den Roman vermutlich noch geschlossener wirken lassen, ohne seine emotionale Grundlage zu schwächen.
Als Abschluss einer Trilogie muss der Band zugleich die Ereignisse der Reihe weiterführen und einen eigenen Spannungsbogen zu Ende bringen. Das gelingt insgesamt gut: Die Handlungsfäden greifen ineinander und die Bedeutung des Finales ergibt sich aus den Konflikten, die sich zuvor aufgebaut haben. Wer die früheren Bände kennt, wird die Beziehungen und Entwicklungen vermutlich besonders gut einordnen können. Der Einstieg ist zwar verständlich, doch die Wirkung mancher Zusammenhänge dürfte mit Kenntnis der Reihe größer sein. Die Schlucht bietet damit keinen völlig losgelösten Einzelroman, aber einen stimmigen Schlusspunkt für Donkerbloem. Die kleineren Längen ändern wenig daran, dass Atmosphäre, Figurenkonflikte und Spannung überzeugend zusammenfinden.
Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun
Für den Roman sprechen vor allem sein prägnanter Schauplatz und die Art, wie die Umgebung die Bedrohung verstärkt. Außerdem bringen die Perspektivwechsel unterschiedliche Interessen ins Spiel und halten die Handlung beweglich. Als Schlussband führt Die Schlucht die Konflikte der Donkerbloem-Reihe zusammen und gibt den zentralen Figuren Raum für weitere Entwicklungen. Weniger gelungen sind die wiederholten Erläuterungen bereits erkennbarer Gefühle; sie nehmen manchen Passagen Tempo. Wer bei einem Thriller eine durchgehend knappe Erzählweise bevorzugt, könnte daran Anstoß nehmen. Wer dagegen auch an den inneren Folgen von Verlust und Vergeltung interessiert ist, dürfte die zusätzliche Ausarbeitung eher schätzen.
Buchdaten
- Autor: Linus Geschke
- Verlag: Piper
- Preis: 17,00 €
- ISBN: 9783492068635
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Rezension von Hanna

