* 30. April 1971 in Dublin · irischer Schriftsteller
Foto: Barry O’Donovan, Ausschnitt: Kimsaka / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 Bildnachweis
John Boyne erzählt von Menschen, die von Geheimnissen, Schuld und ihrer Herkunft eingeholt werden. „Der Junge im gestreiften Pyjama“ machte ihn weltberühmt, brachte ihm aber auch scharfe Kritik von Holocaustpädagogen wegen historischer Ungenauigkeiten ein. Der in Dublin geborene Autor schreibt Romane für Erwachsene ebenso wie für Jugendliche. In „Die Geschichte eines Lügners“ entlarvt er den Literaturbetrieb als Schauplatz von Verrat und Ehrgeiz; „Als die Welt zerbrach“ kehrt zum Schatten seines bekanntesten Romans zurück. Auch öffentlich polarisiert Boyne: Seine Stellungnahmen zur Debatte um geschlechtsbezogene Rechte führten 2025 zu einem Konflikt um den Polari-Literaturpreis. Boynes Roman „Der Junge im gestreiften Pyjama“ ist als Fabel angelegt. Fachleute der Holocaustvermittlung, darunter Holocaust Centre North und das Auschwitz-Museum, haben vor historisch unzutreffenden Eindrücken gewarnt, die das Buch im Unterricht vermitteln könne. Boyne verteidigte öffentlich seine Freiheit, fiktional zu erzählen. Beide Seiten der Debatte gehören zu einer sachgerechten Einordnung seines Werks.
„I think I’m just a writer who happens to be from Ireland.“
Die erste Fassung von „Der Junge im gestreiften Pyjama“ entstand nach Boynes eigener Schilderung in ungefähr 60 Stunden nahezu ununterbrochenen Schreibens.
Als junger Autor arbeitete er in einer Dubliner Buchhandlung und stand oft schon gegen fünf Uhr morgens auf, um vor der Schicht zu schreiben.
Bei der Recherche zu einem historischen Roman übernahm Boyne versehentlich Zutaten aus dem Computerspiel „The Legend of Zelda: Breath of the Wild“ – darunter „Octorok eyeballs“ – in sein gedrucktes Buch. Er nahm den Fehler mit Humor.
Er bezeichnete sich selbst als „fellow TERF“. Das Kürzel steht für „trans-exclusionary radical feminist“, also trans-exkludierender radikaler Feminist.
Werke von John Boyne
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Der Junge im gestreiften Pyjama
Der neunjährige Bruno zieht mit seiner Familie an einen Ort, an dem sein Vater als Offizier des NS-Regimes eine neue Aufgabe übernimmt. Hinter einem Zaun begegnet er dem jüdischen Jungen Schmuel. Aus Brunos begrenzter Perspektive erzählt der Roman von einer Freundschaft unter Bedingungen extremer Gewalt. Gerade diese Kindersicht machte das Buch weltweit bekannt und zugleich umstritten: Fachleute weisen auf historisch unplausible Darstellungen der nationalsozialistischen Vernichtungslager hin. Als literarische Fabel kann der Text Gespräche eröffnen; als historische Darstellung darf er keinesfalls ungeprüft gelesen werden.
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Als die Welt zerbrach
Gretel Fernsby lebt zurückgezogen in London. Sie hat sich ein scheinbar ruhiges Leben aufgebaut und kaum jemand weiß, wer ihr Vater war: ein Kommandant in einem nationalsozialistischen Konzentrationslager. Als eine neue Familie in das Haus zieht und der kleine Henry ihre Aufmerksamkeit erregt, drängen Erinnerungen zurück, die sie jahrzehntelang unterdrückt hat. Die Geschichte ist mit „Der Junge im gestreiften Pyjama“ verbunden, verlagert den Blick jedoch auf das spätere Leben einer Mitwisserin. Im Zentrum stehen Verdrängung, persönliche Verantwortung und die Frage, ob spätes Handeln frühere Schuld aufwiegen kann.
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Die Geschichte eines Lügners
Maurice Swift hat den Ehrgeiz eines großen Schriftstellers, nur fehlen ihm ausgerechnet die eigenen Geschichten. Auf einer Lesereise begegnet er dem erfolgreichen Autor Erich Ackermann und erkennt, wie wertvoll dessen verborgenes Geheimnis für seine Karriere sein könnte. Was als Bewunderung beginnt, entwickelt sich zu einem verstörenden Spiel mit Vertrauen und Verrat. Boyne macht den Literaturbetrieb zum Schauplatz einer psychologischen Intrige, in der Ruhm wichtiger wird als Anstand. Der Roman betrachtet Erzählen auch als eine Form von Macht: Wer verfügt über eine Geschichte, und wer bezahlt den Preis, wenn sie gestohlen wird?
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Wasser
Nach dem Zusammenbruch ihres bisherigen Lebens zieht sich Vanessa auf eine abgeschiedene Insel an Irlands Küste zurück. Ihr Mann, ein einflussreicher Funktionär des Schwimmsports, steht im Mittelpunkt schwerer Missbrauchsvorwürfe. Zwischen Meer, Stille und den Erinnerungen an ihre Ehe muss Vanessa sich fragen, was sie wusste, was sie nicht wissen wollte und wann Wegsehen zu Mitschuld wird. Die erste Erzählung von Boynes Zyklus „Die Elemente“ verdichtet ein großes moralisches Thema auf ein einzelnes Bewusstsein. Statt schneller Gewissheiten interessiert den Autor die schwer auszuhaltende Nähe zwischen Selbstschutz und Verantwortung.