
Jeff Kinney hat mit der Buchreihe "Diary of a Wimpy Kid" ein weltweites Millionenpublikum erreicht. Was als Online-Comic begann, wurde zum internationalen Erfolg in über 60 Sprachen. Bemerkenswert: Kinney, ursprünglich Cartoonist und Webentwickler, hatte gar nicht vor, Kinder zu seinem Hauptpublikum zu machen – und eröffnete mit genau diesem vermeintlichen Widerspruch eine neue Ära der Kinderliteratur.
Die meisten Kinderbuchreihen entstehen aus dem Wunsch heraus, junge Leserinnen und Leser gezielt zu erreichen. Bei Jeff Kinney verhielt es sich umgekehrt: Seine Geschichten rund um Greg Heffley entstanden aus der Leidenschaft für Comics und das Erzählen im Grenzbereich zwischen Bild und Text, nicht aus dem Kalkül für eine Altersgruppe. Entlang dieser produktiven Schräglage entwickelte sich ein Bestseller, der in Millionen Jugendzimmer eingezogen ist – und sich dabei die Distanz zum bloßen Erziehungsbuch bewahrt.
Leben und Zeit
Jeff Kinney wuchs in Fort Washington, einem Vorort von Washington D.C., auf – eingebettet in die gesellschaftlichen und technologischen Umbrüche der 1980er und 1990er Jahre. Seine Familie war klassisch amerikanisch geprägt: Der Vater arbeitete für die Regierung, die Mutter war im Bildungswesen tätig, Kinney hatte drei Geschwister. Das Milieu der Vorstadt, das Erleben von Familienbanden und Schulalltag sind heute fast prototypisch in seine Werke eingeflossen. Das Studium an der University of Maryland, College Park, das er 1993 abschloss, bot ihm erste Veröffentlichungserfahrungen als Cartoonist: Sein Comicstrip "Igdoof" lief in der Universitätszeitung. Die Verschränkung mit digitalen Medien wurde für Kinney früh ein Thema, spätestens als er nach dem Abschluss im Bereich Online-Spieleentwicklung beim Family Education Network arbeitete. Dass er schließlich mit "Diary of a Wimpy Kid" eine Brücke zwischen traditioneller Buchkultur und digitaler Lesekultur baute, lag sozusagen nah.
Der Weg zum Schreiben
Auf direktem Weg zum Kinderbuchautor war Jeff Kinney keineswegs. Im Gegenteil: Die ersten kreativen Versuche waren Comicstrips auf dem Campus, dann beschäftigte er sich mit Online-Games und webbasierter Gestaltung – eine für die Zeit längst nicht typische Autorenbiografie. "Diary of a Wimpy Kid" entstand ab 1998, zunächst als privates Langzeitprojekt, dann als online publizierter Comic ab 2004. Was als digitaler Selbstversuch begann, wurde rasch zu einer Erfolgsgeschichte: Schon im Internet entwickelte sich ein größerer Leserkreis. Doch die eigentliche Hürde war der Sprung ins gedruckte Buch – Kinney soll einige Rückschläge erlebt haben, ehe das Manuskript 2007 bei einem Verlag unterkam. Der Erfolg war von dort aus kaum noch aufzuhalten: Die Serie wurde zum mehrfach ausgezeichneten, globalen Hit. Bislang über 300 Millionen Exemplare belegen, wie stark der Ansatz verfing.
Der Mensch hinter den Büchern
Kinneys Außenseiterposition zieht sich durch seine Karriere: Obwohl und eben gerade weil er nie explizit für Kinder schreiben wollte, sondern für ein breiteres Publikum, treffen seine Bücher punktgenau den Ton pubertierender Helden. Wie er 2011 im Guardian erklärte, entstand die Serie ohne Fokus auf das Kinderpublikum, das sich dann als Hauptleserschaft durchsetzte (the Guardian, 2011). In Interviews gibt sich Kinney lakonisch und beobachtend, beschreibt, wie er den Blick des Schülers einnimmt. Seine Arbeitsweise: Er balanciert als Autor und Illustrator an der Schnittstelle von Bild und Text, nutzt schlichten Strich und jugendliche Sprache, bleibt aber stets ironisch-distanzierend. Kontroversen um Einfachheit und Zeichentechnik quittiert er mit der Behauptung, seine Reihe solle einen niederschwelligen Einstieg in Bücher ermöglichen. Auch die Adaptionen fürs Kino stellen ihn vor Herausforderungen, über die er offen spricht: Die Gratwanderung, Comic-Humor und Familienalltag filmisch zu übertragen, sei ein Balanceakt geblieben.
Das Werk: Was man lesen sollte
Im Leserleben vieler Kinder ist "Diary of a Wimpy Kid" oft das erste dickere Buch. Die Mischung aus schematischer Zeichnung, Tagebuch-Tonfall und Schulalltag in den USA erschließt sich sofort. Die Ursprungsbände eigenen sich als Einstieg: Der erste Teil gibt den Takt von Greg Heffleys tragisch-komischem Weltblick vor, "Rodrick Rules" vertieft die nervöse Familienbeziehung, "Dog Days" spielt mit den Tücken der Sommerferien. Auch die späteren Bände wie "The Long Haul" und "The Getaway" loten die Möglichkeiten familienzentrierter Abenteuer weiter aus. Wer Kinney ganz verstehen will, sollte neben dem Lektüregenuss auch einen Blick auf die Online- und Adaptionsebene werfen: Der Schritt vom Comic ins Buch und von dort ins Kino markiert einen entscheidenden Wandel – weg von starren Mediengrenzen, hin zur Erzählung, die sich jeder Generation auf ihre Weise öffnet.
Verfasst vom Autorenteam.

