Kerstin Gier
Bild: Michael Schilling, CC BY-SA 3.0 Quelle

Kerstin Gier hat den deutschsprachigen Buchmarkt um gleich mehrere Erfolgsgeschichten bereichert: Von humorvoller Frauenliteratur bis hin zur jugendlichen Fantasy spannt ihr Werk einen weiten Bogen zwischen Alltagsbeobachtung und fantastisch-überdrehten Szenerien. Wer sich fragt, wie eine Autorin aus dem Pädagogikstudium zu Zeitreisen und Traumwelten kam, entdeckt bei Gier nicht nur einen klaren Ton, sondern auch einige eigenwillige Brüche.

Wer den Namen Kerstin Gier heute liest, begegnet einer Autorin, deren Bücher sich zwischen den Regalen für Frauenliteratur, Jugendroman und Fantasy versammeln. Mit Humor, Fantasie und einer Vorliebe für tiefgründige Figuren entzieht Gier sich festen Schubladen und hat eine Leserschaft gewonnen, die zwischen Alltagskomik und Zeitreisen pendelt. Ihre Karriere erzählt von Aufbruch, Veränderung und gelegentlicher Skepsis gegenüber dem eigenen Erfolg.

Leben und Zeit

Kerstin Gier wuchs im Rheinland auf – jener Gegend, die sich im Nachkriegsdeutschland wie kaum eine zweite zwischen Tradition und Aufbruch positionierte. Die Geburt in Bergisch Gladbach fiel in eine Ära, in der die Literatur sich neue Lesegruppen erschloss und die Definition von Unterhaltung sich gerade veränderte. Gier selbst nutzte die Breite dieser Möglichkeiten, bewegte sich erstmal abseits des Literaturbetriebs: Studium der Germanistik, Musikwissenschaften und Anglistik standen am Anfang, später ein Abschluss als Diplom-Pädagogin, diverse Jobs, darunter als Sekretärin und Seminarleiterin. Noch während für andere der Ernst des Berufslebens begann, wagte Gier einen ungewöhnlichen Umweg – und kündigte ihre Anstellung, um einen Roman zu schreiben. Ihrer Wahlheimat in der Nähe von Köln ist sie treu geblieben, im Familienalltag mit zwei Katzen lässt sich das facettenreiche Schreiben offenbar mit dem gewöhnlichen Leben vereinbaren.

Der Weg zum Schreiben

Erst Reiterbedarf, dann Roman – so hätte Kerstin Giers Einstieg in die Literaturbranche knapp umrissen werden können. Nach Studien- und Arbeitsstationen weitab der klassischen Schriftstellerbiografie beschloss Gier, ihre Nebentätigkeit zum Lebensmittelpunkt zu machen, und gab sich ein Jahr Zeit, ihr erstes Buch zu vollenden. Die Entscheidung für das Schreiben war kein Sprung ins Ungewisse, sondern eine selbstbewusste Abkehr von vorgezeichneten Bahnen. Bereits ihr Debüt "Männer und andere Katastrophen" – veröffentlicht 1996 und prompt verfilmt – zeigte die Fähigkeit, Alltagsbeobachtung in unterhaltsame Geschichten zu verwandeln. Die große Kurskorrektur kam aber mit dem Genrewechsel: Mit "Rubinrot" (2009), Auftakt der Edelstein-Trilogie, erreichte Gier ein internationales Publikum. Die spätere Silber-Trilogie festigte nicht nur ihren Ruf im Jugendbuch, sondern auch ihren Hang, Konventionen zu verschieben und neue Zielgruppen zu erschließen.

Der Mensch hinter den Büchern

Kerstin Gier hat das Bild einer Autorin geprägt, deren Werke für viele einen Rückzugsraum bieten – ein Konzept, das sie selbst im Interview explizit benennt. Der Humor, mit dem sie Szenen, Dialoge und Figuren zeichnet, ist dabei nicht Selbstzweck, sondern Teil einer Erzählhaltung, die sich dem Pathos entzieht, ohne an Tiefe zu verlieren. Typisch für Gier ist das literarische Spiel mit Fantasie und Realität; die Vermengung von Alltagsproblemen und übernatürlichen Elementen wird mit leichter Hand inszeniert. Gerade in Fragen rund um die Verfilmungen ihrer Bücher wächst eine gewisse Ambivalenz: Wie der Kölner Stadt-Anzeiger 2021 berichtete, beschreibt sich Gier diesbezüglich als „gebranntes Kind“ – ein Hinweis auf Erfahrungen, die zwischen Stolz auf den eigenen Stoff und Ernüchterung über dessen Inszenierung liegen. Anpassungsfähigkeit beweist Gier nicht nur im Genre-Wechsel, sondern auch darin, unter Pseudonym neue Wege zu gehen. Ihre Sicht auf den Literaturbetrieb ist dabei auffallend reflektiert und selbstironisch.

Das Werk: Was man lesen sollte

Wer Kerstin Gier entdecken möchte, beginnt am besten mit der Edelstein-Trilogie: „Rubinrot“, „Saphirblau“ und „Smaragdgrün“ – eine literarische Zeitreise nicht nur für Jugendliche. Der Ton bleibt stets zugänglich, auch wenn die Welten märchenhaft wirken. Die „Silber“-Trilogie erschließt sich als humorvoller Fantasy-Zyklus, in dem Traumdeutung und Realität ein trickreiches Wechselspiel eingehen. Für einen Blick auf die frühen Jahre empfiehlt sich der Debütroman „Männer und andere Katastrophen“, der zeigt, wie feine Ironie mit Beziehungschaos einhergehen kann. Giers Vielschichtigkeit zeigt sich zudem darin, dass sie unter verschiedenen Pseudonymen publizierte und damit die Grenzen zwischen Zeigen und Verbergen selbst bestimmt.

Verfasst von Hanna und Sophia.