Rezension zu Ravensnest von James Fenimore Cooper

Ein Gutsherr kehrt heim und findet sein Eigentum im Zentrum eines politischen Konflikts. In »Ravensnest« verbindet Cooper das Spiel mit Verkleidungen mit einer streitbaren Verteidigung der bestehenden Besitzordnung.

Wie viel Widerspruch verträgt ein Roman, der seiner eigenen Sache so sicher scheint? James Fenimore Coopers »Ravensnest« verlangt seinem Publikum mehr ab als die Bereitschaft, einer Handlung zu folgen. Das Buch argumentiert, rechtfertigt und widerspricht; mitunter wirkt es, als müsse jedes Gespräch auch einen politischen Streit entscheiden. Seine Parteinahme für die Grundbesitzer bestimmt den Blick auf den Konflikt und setzt der Offenheit seiner Figuren Grenzen. Gerade deshalb lohnt eine Lektüre, die weder ehrfürchtig noch vorschnell abweisend verfährt. Wo gesellschaftlicher Rang durch Kleidung und Auftreten kenntlich wird, gewinnt die Erzählung eine bewegliche, bisweilen komische Anschaulichkeit. Hinter der demonstrativen Gewissheit ihres Erzählers lässt sich dann auch die Unruhe eines Mannes erkennen, dessen vertraute Stellung nicht mehr selbstverständlich anerkannt wird.

Der junge Grundbesitzer Hugh Roger Littlepage erfährt nach einer langen Auslandsreise, dass die Verhältnisse auf seinem Familienbesitz Ravensnest im Staat New York unsicher geworden sind. Pächter wehren sich gegen ihre Verpflichtungen und stellen die bestehende Besitzordnung infrage; ein Teil der Protestierenden tritt maskiert und in indianischer Verkleidung auf. Gemeinsam mit seinem Onkel Ro reist Hugh in die Heimat zurück. Um die Lage zunächst unerkannt zu erkunden, nehmen beide die Rollen deutscher Wanderhändler beziehungsweise eines Musikanten an. Die Handlung führt sie durch eine ländliche Gesellschaft, in der wirtschaftliche Interessen, familiäre Bindungen und politische Agitation ineinandergreifen. Neben Begegnungen mit Pächtern und Wortführern gehören die Familie Littlepage und die junge Mary Warren zu Hughs unmittelbarem Umfeld.

Die Verkleidung ist dabei mehr als ein Mittel, um Begegnungen und Verwicklungen herbeizuführen. Hugh betritt die eigene Umgebung als vermeintlich Fremder und muss erleben, dass Ansehen nicht unabhängig von Kleidung, Sprache und vermuteter Herkunft besteht. Besonders lebendig wird der Roman dort, wo die beiden Reisenden ihren Auftritt aufrechterhalten müssen und gesellschaftliche Umgangsformen plötzlich verhandelbar werden. Das gespielte Deutsch, die sorgfältig dosierte Unbeholfenheit und der Abstand zwischen tatsächlicher Stellung und zugeschriebener Rolle erzeugen Komik. Allerdings steht hinter dem Vergnügen am Rollenspiel eine deutliche Grenze: Hugh kann seinen niedrigen Rang wieder ablegen. Seine zeitweilige Unsicherheit ist ein Abenteuer, keine dauerhafte Lebensbedingung. Dadurch erhält die Komik einen Beigeschmack, den der selbstbewusste Erzähler nicht vollständig kontrolliert.

Hughs Ich-Erzählung macht diese Begrenzung besonders spürbar. Er schildert nicht bloß, was ihm widerfährt, sondern liefert meist auch gleich die Beurteilung mit. In den Gesprächen mit seinem Onkel wachsen einzelne Beobachtungen rasch zu Grundsatzfragen aus: Was schuldet ein Pächter dem Eigentümer, was bedeutet Freiheit, und wann wird aus einer Forderung ein Übergriff? Der Ton kann scharf, selbstgerecht und ermüdend beharrlich werden. Cooper lässt seine Figuren häufig länger argumentieren, als es die Bewegung der Szene verlangt. Dann drohen Personen zu Sprechern einer Position zu werden. Wer ein zügiges Abenteuer erwartet, wird solche Passagen als Unterbrechung empfinden. Wer auf die Reibung zwischen Erfahrung und Rechtfertigung achtet, entdeckt dagegen einen Erzähler, dessen Mitteilungsdrang selbst aufschlussreich ist.

Am stärksten verdichtet sich der Streit im Motiv der Maskierung. Während Hugh und Ro durch ihre Verkleidung Zugang zu sonst verschlossenen Gesprächen gewinnen, erscheinen die Masken der protestierenden Pächter als Zeichen von Einschüchterung und Verantwortungslosigkeit. Ähnliche Mittel werden damit moralisch unterschiedlich gewichtet. Hinzu kommt die Gegenüberstellung der kostümierten Protestierenden mit dem alten indigenen Susquesus. Sie soll einen Unterschied zwischen angemaßter Rolle und verbürgter Würde sichtbar machen. Doch die Würdigung bleibt an eine enge Aufgabe gebunden: Indigene Autorität dient der Bestätigung jener Ordnung, die Hugh verteidigt. Das macht die Darstellung widersprüchlich. Respekt vor einer Figur bedeutet hier keineswegs, dass ihre historische Erfahrung mit derselben Freiheit zur Geltung kommt wie die Interessen der besitzenden Familie.

Als Leseerfahrung bleibt »Ravensnest« deshalb ungleichmäßig. Die Szenen des unerkannten Heimkehrens besitzen mehr Leichtigkeit als die ausgedehnten politischen Erörterungen. Auch die Liebeshandlung um Mary Warren lockert den Grundsatzstreit eher auf, als dass sie ihm dauerhaft eine gleichgewichtige persönliche Geschichte entgegenstellt. Landschaft und Familiensitz wiederum sind keine bloße Kulisse: In Hughs Blick auf das vertraute Haus wird verständlich, weshalb er Besitz nicht nur als Einnahmequelle begreift. Die Bindung an den Ort erhält ein Gesicht. Dass daraus noch kein abschließendes Argument gegen die Pächter folgt, muss die Lektüre allerdings selbst festhalten. Gerade diese Distanz ist produktiv: Man kann die emotionale Überzeugungskraft einzelner Szenen anerkennen, ohne die daraus abgeleiteten Ansprüche zu übernehmen.

Warum hat sich dieses Buch über so viele Jahre im Kanon der Literatur behaupten können?

Literarische Bedeutung

Der Rang von »Ravensnest« lässt sich weniger mit makelloser Geschlossenheit erklären als mit seinem Platz in Coopers größerem erzählerischem Unternehmen. Der 1846 erschienene Roman beschließt die Littlepage-Trilogie, die an einer Familie und ihrem Landbesitz unterschiedliche Abschnitte amerikanischer Geschichte miteinander verbindet. Eigentum ist hier nicht bloß Anlass einer Handlung, sondern etwas, an dem sich gesellschaftliche Veränderungen ablesen lassen. Zugleich gehört »Ravensnest« nicht zu den unbestrittenen Höhepunkten seines Autors; seine argumentative Überlastung hat die kritische Aufnahme deutlich geprägt.

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Sein fortdauerndes literarisches Interesse liegt gerade in der Spannung zwischen erzählerischer Gestaltung und politischem Behauptungswillen. Das Spiel mit Identitäten eröffnet Erfahrungen, die der entschiedene Ton anschließend wieder festzulegen versucht. Heutigen Lesern können die Rangvorstellungen, die stereotypen Menschenbilder und die ausführlichen Belehrungen fremd bleiben. Dennoch lässt sich an diesem Roman genau beobachten, wie eine bedrohte gesellschaftliche Stellung zur Erzählperspektive wird. Das Buch verdient seinen Platz in der Beschäftigung mit Cooper deshalb nicht als unangreifbares Vorbild, sondern als streitbarer Roman, dessen Grenzen ebenso lesenswert sind wie seine gelungenen Szenen.

Buchdaten

  • Autor: James Fenimore Cooper
  • Titel: Ravensnest
  • Verlag: Gröls Verlag
  • Hardcover-ISBN: 9783966375481
  • Softcover-ISBN: 9783966374088

Rezension von Joe und Luisa