
Als Arlo Hackett nach Jahren in seine Heimat zurückkehrt, erwartet ihn mehr als die Aufgabe, das Haus seiner kranken Mutter zu regeln. Ein Brief bringt einen ungeklärten Todesfall zurück, der seine Familie seit Langem belastet. In Bruderherz verbindet Michael Robotham die Suche nach der Wahrheit mit der Frage, was Misstrauen und verlorene Zeit aus einer Beziehung machen. Die Spannung entsteht dabei weniger durch pausenlose Action als durch die Unsicherheit zwischen den Figuren.
Arlo kommt nach zwölf Jahren Haft in die australische Kleinstadt Yulara zurück. Sein Vorhaben klingt zunächst überschaubar: Er will sich um das Haus seiner pflegebedürftigen Mutter kümmern und erledigen, was er während seiner Abwesenheit zurücklassen musste. Dann erreicht ihn ein Brief, und der Tod der jungen Saxon wird wieder zum Gegenstand seiner Gedanken. Damals fiel der Verdacht auf Luke, Arlos jüngeren Bruder. Nun beginnt Arlo, die damaligen Ereignisse und seine eigene Sicht darauf noch einmal zu prüfen. Aus der Heimkehr wird damit eine Suche, bei der es nicht allein um die Aufklärung eines Verbrechens geht. Auch die Frage, ob zwischen den Brüdern noch eine tragfähige Verbindung besteht, rückt in den Mittelpunkt.
Der Roman nimmt sich Zeit für die Auswirkungen dieser Rückkehr. Arlos Nachforschungen führen ihn nicht in eine neutrale Welt, sondern in ein Umfeld voller gemeinsamer Vergangenheit. Jede neue Information kann deshalb mehr verändern als seine Einschätzung eines Falls. Wenn seine früheren Überzeugungen ins Wanken geraten, muss er auch neu betrachten, wie er Luke all die Jahre gesehen hat. Robotham macht aus der Ermittlungsarbeit so einen persönlichen Konflikt. Die Geschichte setzt dabei nicht ständig auf spektakuläre Szenen. Ihre Spannung wächst vor allem daraus, dass Arlo nicht sicher sein kann, welche Konsequenzen eine Antwort für seine Familie hätte.
Besonders stark ist die Unsicherheit, die Arlo gegenüber den eigenen Erinnerungen empfindet. Er sucht nach einer verlässlichen Erklärung, kann sich aber nicht einfach von dem lösen, was er früher geglaubt hat. Dadurch erscheint das Verhältnis zu Luke weder als reine Verbundenheit noch als bloße Feindschaft. Zuneigung und Zweifel schließen einander nicht aus, und gerade diese Spannung macht die Begegnung der Brüder interessant. Der Mordfall bleibt der Antrieb der Handlung, ist aber zugleich ein Prüfstein für Arlos Bild von einem Menschen, der ihm nahesteht. Ein einmal entstandener Verdacht kann lange nachwirken, auch wenn die Grundlage dafür unsicher geworden ist.
Die Handlung wechselt zwischen der Gegenwart und früheren Ereignissen. Dieser Aufbau passt zu Arlos Vorhaben, denn er muss in die Vergangenheit zurückgehen, um die Gegenwart besser zu verstehen. Zugleich verlangt er Aufmerksamkeit. Rückblicke bringen nicht immer unmittelbar eine neue Wendung in die Suche, und manche Leser dürften sich einen geradlinigeren Ablauf wünschen. Dennoch entsteht durch das Hin und Her eine sinnvolle Verbindung zwischen dem, was Arlo erlebt hat, und dem, was er heute daraus macht. Wichtig sind nicht nur die Fakten, die ans Licht kommen, sondern auch die Veränderungen in seiner Erinnerung. Der Roman gewinnt damit eine nachdenkliche Seite, braucht dafür jedoch etwas Geduld.
Als Thriller funktioniert Bruderherz nicht in jeder Hinsicht nach den Erwartungen, die das Genre wecken kann. Ein ungelöster Todesfall, alte Anschuldigungen und die Aussicht auf neue Erkenntnisse sorgen für einen Kriminalplot. Den Ton bestimmen aber stärker Gespräche, innere Konflikte und die Folgen eines langjährigen Verdachts. Robotham interessiert sich dafür, wie eine Familie mit einer Geschichte weiterlebt, die nie wirklich abgeschlossen wurde. Das verleiht dem Buch eine ruhigere Gangart, als der Ausgangspunkt zunächst vermuten lässt. Wer Spannung vor allem durch rasche Enthüllungen und stetige Zuspitzung sucht, könnte einige Passagen als zu ausführlich empfinden. Wer dagegen gern verfolgt, wie sich Beziehungen unter Druck verändern, findet hier viel Stoff.
Insgesamt verknüpft der Roman die Aufklärung eines Falls überzeugend mit Arlos persönlicher Rückkehr. Eine mögliche Wahrheit verspricht nicht automatisch Versöhnung und kann die Jahre der Trennung nicht ungeschehen machen. Diese Einsicht gibt der Suche Gewicht und verhindert, dass die Handlung auf das Sortieren von Hinweisen zusammenschrumpft. Nicht alle Abschnitte entwickeln denselben Sog, und der Wechsel der Zeitebenen nimmt gelegentlich Tempo heraus. Dafür lässt das Buch seinen Figuren Raum, mit widersprüchlichen Gefühlen umzugehen. Am eindrücklichsten ist es dort, wo Arlo begreifen muss, dass eine Antwort nicht nur erklärt, was damals geschah, sondern auch sein Verhältnis zu Luke neu bestimmen könnte.
Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun
Für den Roman spricht zunächst, dass der Kriminalfall eng mit einer familiären Beziehung verknüpft ist: Arlos Suche betrifft unmittelbar seinen Bruder. Außerdem zeigt die Rückkehr nach Yulara, wie lange ein ungeklärtes Ereignis nachwirken kann. Ein weiterer Pluspunkt ist der differenzierte Blick auf Arlos Gefühle, denn sein Wunsch nach Klarheit hebt seine Zweifel nicht einfach auf. Weniger überzeugend dürfte das Tempo für Leser sein, die einen straff erzählten Thriller mit schnellen Wendungen bevorzugen. Die Rückblicke und die ruhigeren Passagen können den Fortgang der Handlung verlangsamen.
Buchdaten
- Autor: Michael Robotham
- Verlag: Goldmann Verlag
- Preis: 17,00 €
- ISBN: 9783442302666
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Rezension von Emma

