Die Riesinnen

Hannah Häffner entwirft in „Die Riesinnen“ eine Gegenwart, die sich ständig an Vergangenes zurückbindet und dadurch nie ganz ruhig wird. Der Schwarzwald erscheint nicht als Postkartenmotiv, sondern als Raum mit Geschichte, mit Härten und mit einer Atmosphäre, die auf die Figuren zurückwirkt. Zugleich untersucht der Roman, wie Menschen unter widersprüchlichen familiären Erwartungen, alten Bindungen und neuen Selbstentwürfen ihren Alltag überhaupt sortieren können.

„Die Riesinnen“ setzt nicht auf einen lauten Auftakt, sondern auf eine Erzählweise, die genau hinschaut und Zwischentöne ernst nimmt. Häffner interessiert sich für die kleinen Verschiebungen in Gesprächen, für das Zögern vor einer Antwort und für jene Momente, in denen Figuren mehr voneinander ahnen, als sie aussprechen. Dadurch entsteht ein Text, der sich eher verdichtet als ausstellt. Die Wirkung kommt aus der Kontrolle des Tons: Das Buch bleibt nah an seinen Figuren, ohne sie zu erklären, und entwickelt gerade aus dieser Zurückhaltung eine eigene Spannung.

Im Hintergrund steht eine Lebenswelt, in der Herkunft nicht einfach vergangen ist, sondern fortdauernd in Beziehungen, Gesten und Selbstbildern mitarbeitet. Der Schwarzwald ist dabei deutlich mehr als ein landschaftlicher Rahmen; er bildet ein Milieu, das Erinnerungen speichert, soziale Rollen festschreibt und die Figuren mit einem schwer abzuschüttelnden Gewordensein konfrontiert. Häffner vermeidet jede romantische Verklärung und lässt stattdessen spürbar werden, wie eng Raum und Biografie ineinandergreifen. So wächst aus dem Lokalen etwas Allgemeineres: die Frage, wie viel von der eigenen Geschichte man tatsächlich hinter sich lassen kann.

Besonders interessant ist, wie der Roman Vorstellungen von Körper, Größe und Zuschreibung gegeneinander verschiebt. Schon der Titel macht deutlich, dass es nicht nur um äußere Erscheinung geht, sondern um Bilder, die andere auf Frauen werfen, und um die Last, solchen Bildern gerecht werden zu sollen oder sie zu unterlaufen. Häffner erzählt diese Fragen nicht als These, sondern als Teil der Figurenexistenz. Dadurch bleiben die Konflikte offen und lebensnah. Der Roman gewinnt gerade dort an Stärke, wo er nicht auf eine eindeutige Deutung zielt, sondern den Druck sichtbar macht, der aus Erwartung und Abweichung entsteht.

Erzählerisch lebt das Buch von der Kunst der Verdichtung. Häffner baut Szenen so, dass oft schon eine kleine Bewegung, ein abgebrochener Satz oder eine knapp gesetzte Beobachtung genügt, um ein Spannungsfeld zu öffnen. Das ist zurückhaltend, aber keineswegs blass; vielmehr entsteht eine Form von Intensität, die sich aus dem Weglassen speist. Wer schnelle Zuspitzungen oder eine stetig eskalierende Handlung erwartet, wird hier auf eine ruhigere Dynamik treffen. Gerade diese Ruhe macht jedoch den Reiz aus, weil sie den Blick auf das Unausgesprochene lenkt und die inneren Verschiebungen der Figuren ernst nimmt.

Auch die Beziehung zwischen Figuren und Umgebung wird klug gestaltet. Der Roman zeigt keinen neutralen Ort, an dem Menschen einfach passieren, sondern ein Gefüge, das Erinnerungen sedimentiert und Verhaltensweisen mitprägt. Damit gewinnt der Text eine soziale Tiefe, die über das bloß Private hinausgeht. Häffner macht erfahrbar, wie stark Herkunft, lokale Ordnung und familiäre Loyalitäten ineinandergreifen können, ohne dies je didaktisch auszubreiten. Die Verknüpfung von Ortsbezug und Innenleben gehört zu den überzeugendsten Aspekten des Romans, weil sie dessen Atmosphäre nicht bloß illustriert, sondern trägt.

Sprachlich setzt „Die Riesinnen“ auf Genauigkeit statt auf Schmuck. Die Sätze bleiben kontrolliert, oft knapp, und öffnen dennoch Raum für Ambivalenz. Gerade darin liegt eine besondere Souveränität: Der Text muss nichts überdeutlich machen, um Wirkung zu entfalten. Häffner findet einen Ton, der aufmerksam, manchmal fast vorsichtig wirkt, dabei aber klar in der Beobachtung bleibt. Das Buch erscheint an diesen Stellen durchdacht und sensibel, ohne sich in gefälliger Eleganz zu verlieren. Diese Mischung verleiht der Lektüre eine stille Konzentration, die dem Stoff gut steht.

Insgesamt entwickelt sich der Roman weniger über spektakuläre Ereignisse als über eine stetige innere Bewegung. Man folgt nicht primär einer Handlung im klassischen Sinn, sondern einem Prozess des Wahrnehmens, Erinnerns und Einordnens. Dadurch entsteht eine Form von Eindringlichkeit, die sich erst nach und nach bemerkbar macht. Manche Passagen verlangen Geduld, weil sie nicht sofort auf Wirkung setzen, sondern auf Nachhall. Genau darin liegt aber auch ihre Stärke: Der Text vertraut auf die Kraft des Unbestimmten und darauf, dass sich seine Bedeutungen im Lesen allmählich zusammensetzen.

Am Ende steht ein Roman, der Herkunft, weibliche Rollenbilder und familiäre Verflechtungen nicht als Themen von außen aufsetzt, sondern aus seinem Figuren- und Raumgefüge heraus entwickelt. „Die Riesinnen“ behauptet sich mit einer stillen, aber bestimmten Eigenart und gewinnt gerade aus dem Verzicht auf große Effekte seine Kontur. Das macht das Buch literarisch interessant, weil es konsequent bei seinen Beobachtungen bleibt und sich nicht vorschnell schließt. Wer sich auf eine langsame, genau gearbeitete Erzählung einlässt, findet hier einen Text mit Nachklang und eigener Form.

Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun

Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun: Erstens überzeugt der Roman durch seine eigenständige Verknüpfung von Landschaft und Innenleben. Der Schwarzwald steht nicht bloß im Hintergrund, sondern prägt das Gefühl für Enge, Erinnerung und soziale Ordnung. Zweitens arbeitet Häffner mit einer Sprache, die genau beobachtet und gerade in der Zurückhaltung viel Spannung erzeugt; vieles wird nicht ausgestellt, sondern entwickelt sich zwischen den Zeilen. Drittens eröffnet der Text kluge Perspektiven auf Körperbilder, Herkunft und familiäre Erwartungen, ohne daraus ein geschlossenes Urteil zu machen. Ein möglicher Einwand: Wer eine stark ereignisgetriebene Handlung sucht, könnte die behutsame Erzählweise als zu langsam empfinden.

Buchdaten

  • Autor: Hannah Häffner
  • Verlag: Penguin
  • Preis: 24,00 €
  • ISBN: 9783328604334

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Rezension von Sarah