
REM setzt dort an, wo der Alltag am verletzlichsten ist: im Schlaf, in jener Zone zwischen Erholung und Ausgeliefertsein. Annika Strauss nutzt dieses Terrain für einen Roman, der weniger auf laute Schocks als auf schleichende Verunsicherung setzt und genau daraus seine Spannung bezieht. Wer hier eine glatte Thriller-Maschinerie erwartet, bekommt stattdessen ein beklemmendes Spiel mit Wahrnehmung, Angst und dem unzuverlässigen Gefühl, sich im eigenen Kopf nicht mehr sicher zu sein.
Das Faszinierende an REM ist zunächst die Grundidee: Schlaf wird nicht als friedlicher Rückzugsort gezeigt, sondern als Raum, in dem etwas Fremdes eindringen kann. Daraus entwickelt der Roman eine Atmosphäre, die früh unter die Haut geht. Strauss schreibt kompakt und zielgerichtet, ohne sich in Nebensätzen zu verlieren, und schafft es dennoch, Bilder und Stimmungen zu erzeugen, die haften bleiben. Gerade die Verbindung aus körperlicher Müdigkeit, psychischem Druck und einer allmählich eskalierenden Bedrohung macht den Reiz des Textes aus. Man liest nicht nur, was passiert, sondern spürt förmlich das Unbehagen mit.
Dabei spielt der Roman geschickt mit einer Unsicherheit, die ihn trägt: Ist das Erlebte real, übersteigert oder Ausdruck eines brüchigen Geisteszustands? Diese Offenheit ist eine Stärke, weil sie die Leserinnen und Leser zwingt, selbst zu sortieren, was glaubwürdig erscheint. Der Text lebt davon, dass er nicht alles sofort erklärt, sondern in kleinen Schüben Spannung aufbaut. So entsteht ein Sog, der weniger auf Action als auf psychologischen Druck setzt. Besonders gelungen ist, dass die Bedrohung nicht abstrakt bleibt, sondern eng mit persönlichen Verletzlichkeiten verknüpft wirkt.
Auch formal zeigt REM ein gutes Gespür für Tempo. Die Kapitel sind so angelegt, dass man immer noch eines lesen möchte, obwohl man längst merkt, wie unerquicklich die Lage geworden ist. Das ist handwerklich klug, denn der Roman hält das Niveau der Anspannung über weite Strecken stabil. Gleichzeitig verzichtet er weitgehend auf unnötige Umwege. Das sorgt für Straffheit, kann aber auch bedeuten, dass Nebenfiguren und Hintergründe nicht immer die Tiefe bekommen, die man sich wünschen würde. Wer starke Atmosphäre sucht, wird hier reich bedient; wer differenzierte Figurenpsychologie erwartet, bleibt stellenweise auf Distanz.
Bemerkenswert ist die Art, wie der Roman mit Angst arbeitet. Sie kommt nicht nur aus dem Offensichtlichen, sondern aus dem Verlust von Kontrolle: über den eigenen Körper, über das eigene Gedächtnis, über die Frage, was überhaupt noch verlässlich ist. Damit berührt REM ein Thema, das über den Genre-Rahmen hinausgeht. Schlaf ist in dieser Erzählung keine Nebensache, sondern ein existenzieller Risikobereich. Das verleiht dem Stoff Schwere, ohne ihn gleich in hoffnungslosen Pessimismus zu kippen. Der Ton bleibt zugespitzt, aber kontrolliert, was dem Buch eine eigene Handschrift gibt.
Nicht jeder Teil des Romans wirkt gleich stark. An manchen Stellen spürt man, dass die Idee so tragfähig ist, dass der Text fast ein wenig auf ihr ruht. Dann werden Entwicklungen vorhersehbarer, als sie zunächst scheinen, und einzelne Zuspitzungen folgen einem vertrauten Muster des Genres. Das mindert den Leseeindruck nicht völlig, aber es verhindert, dass REM dauerhaft überrascht. Wer viel Erfahrung mit psychologischen Spannungsromanen mitbringt, wird bestimmte Mechanismen früh erkennen. Dennoch bleibt die Frage spannend, wie weit der Roman seine Grundkonstellation ausreizen kann, und genau das hält die Lektüre in Bewegung.
Stilistisch bewegt sich Annika Strauss auf einem sicheren, gut lesbaren Niveau. Der Roman ist klar formuliert, zugänglich und ohne unnötige Sperrigkeit, zugleich aber düster genug, um eine eigene Atmosphäre zu behaupten. Das ist keine elegante Distanzliteratur, sondern bewusst nah an den Nerven der Lesenden geschrieben. Gerade diese Direktheit ist hier sinnvoll, weil sie das Unbehagen nicht zerredet. Man merkt dem Buch an, dass es weniger mit literarischer Verspieltheit als mit Wirksamkeit arbeitet. Das muss man nicht überhöhen, kann es aber als konsequente Entscheidung würdigen.
Am Ende bleibt REM als solider, stimmungssicherer Spannungsroman im Gedächtnis, der mit einem reizvollen Thema und kluger Verunsicherung punktet. Er ist am stärksten, wenn er die Nacht als psychologischen Grenzraum auslotet und die Lesenden nicht wissen lässt, ob sie wach genug sind, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Wenn der Roman gelegentlich auf vertraute Genrepfade gerät, verliert er etwas an Überraschung, nicht aber an Zugkraft. Wer düstere, körpernahe Spannung mag, bekommt hier einen Roman, der seine Wirkung aus Genauigkeit, Atmosphäre und einem angenehm unheimlichen Grundgefühl bezieht.
Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun
Drei Gründe, dieses Buch zu lesen – und ein Grund, es nicht zu tun: Erstens überzeugt REM mit einer starken Ausgangsidee, die Schlaf und Albtraum so eng verschränkt, dass daraus sofort Spannung entsteht. Zweitens gelingt Annika Strauss eine dichte, unruhige Atmosphäre, die den Roman über weite Strecken trägt und das Unbehagen sehr gezielt steigert. Drittens ist die Geschichte klar und flott erzählt, sodass der Text trotz seines düsteren Kerns leicht zugänglich bleibt. Ein Grund dagegen: Wer in psychologischen Spannungsromanen vor allem radikale Originalität oder besonders komplexe Figurenkonstellationen sucht, könnte hier an einzelnen Stellen auf vertraute Muster treffen.
Buchdaten
- Autor: Annika Strauss
- Verlag: Droemer
- Preis: 13,99 €
- ISBN: 9783426570760
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Rezension von Flora