William Faulkners Licht im August gehört zu den großen Romanen über den amerikanischen Süden. Der 1932 erschienene Roman verbindet mehrere Lebensgeschichten, die sich in der fiktiven Kleinstadt Jefferson im Bundesstaat Mississippi kreuzen. Im Mittelpunkt stehen die hochschwangere Lena Grove, die nach dem Vater ihres ungeborenen Kindes sucht, der gesellschaftliche Außenseiter Joe Christmas, der gutmütige Byron Bunch und der ehemalige Prediger Gail Hightower. Aus ihren Geschichten entwickelt Faulkner ein düsteres Panorama einer Gesellschaft, die von Rassismus, religiösem Fanatismus, Gewalt und starren Vorstellungen darüber geprägt ist, wie ein Mensch zu leben habe. Faulkner wurde für seine eigenständige Erneuerung des amerikanischen Romans 1949 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet und zählt neben Autoren wie Ernest Hemingway zu den prägenden amerikanischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts – stilistisch könnten beide allerdings kaum unterschiedlicher sein.

Worum geht es in „Licht im August“?

Zu Beginn reist Lena Grove schwanger und nahezu mittellos durch den amerikanischen Süden. Sie sucht Lucas Burch, den Vater ihres Kindes, der ihr versprochen hat, sie später nachzuholen, tatsächlich aber längst verschwunden ist. Lena glaubt mit bemerkenswerter Beharrlichkeit daran, ihn zu finden. Ihre Reise führt sie schließlich nach Jefferson, wo sie den Arbeiter Byron Bunch kennenlernt. Byron verliebt sich in sie und hilft ihr bei der Suche. Bald stellt sich heraus, dass der gesuchte Lucas Burch unter dem Namen Joe Brown in einem Sägewerk arbeitet und dort gemeinsam mit Joe Christmas lebt. Brown ist alles andere als erfreut darüber, dass Lena ihn gefunden hat.

Parallel dazu erzählt Faulkner die wesentlich düsterere Geschichte Joe Christmas’. Er wurde als Kind in einem Waisenhaus abgegeben und wächst mit der Vorstellung auf, möglicherweise einen schwarzen Elternteil zu haben. Ob diese Annahme überhaupt stimmt, bleibt im Roman bewusst ungeklärt. Entscheidend ist nicht die biologische Wahrheit, sondern welche Bedeutung Joe und seine Umgebung dieser möglichen Abstammung geben. In einer Gesellschaft, die Menschen strikt in „weiß“ und „schwarz“ einordnet, wird die Unsicherheit über die eigene Herkunft zu einem lebenslangen Fluch. Joe bewegt sich zwischen den Kategorien, ohne in einer von ihnen einen sicheren Platz zu finden.

Joe Christmas: Ein Mann ohne sichere Identität

Joe Christmas ist eine der kompliziertesten Figuren Faulkners. Schon als Kind erfährt er Gewalt, religiöse Strenge und Ablehnung. Nachdem er aus dem Waisenhaus zu dem fanatisch religiösen Farmer McEachern kommt, wird Erziehung für ihn vor allem mit Zwang verbunden. McEachern versucht, dem Jungen Glauben und Gehorsam notfalls mit Schlägen beizubringen. Joe reagiert darauf nicht mit Unterwerfung, sondern entwickelt einen tiefen Widerstand gegen jede Form von Bindung und Autorität. Seine späteren Beziehungen zu Frauen sind entsprechend von Misstrauen, Begehren, Aggression und dem Wunsch geprägt, sich niemals vollständig einem anderen Menschen auszuliefern.

Seine mögliche schwarze Abstammung bestimmt zugleich sein Verhältnis zu sich selbst. Joe kann in der rassistisch geordneten Gesellschaft des Südens je nach Situation als weiß wahrgenommen werden, bezeichnet sich gelegentlich aber selbst als schwarz. Damit kann er Menschen provozieren, ihre Vorurteile sichtbar machen oder sich selbst aus einer Situation ausschließen. Faulkner macht dabei gerade nicht die Abstammung zum entscheidenden Problem. Das Problem ist eine Gesellschaft, die aus einer möglicherweise einzigen unbekannten Vorfahrin eine vollständige Identität ableiten möchte. Joe Christmas wird schließlich zu dem, was andere in ihm sehen – und kämpft sein gesamtes Leben dagegen an.

Joanna Burden und die Katastrophe

In Jefferson beginnt Joe eine Beziehung mit Joanna Burden, einer allein lebenden weißen Frau aus einer Familie nordstaatlicher Herkunft. Ihre Familie setzt sich seit Generationen für die Rechte schwarzer Amerikaner ein und wird deshalb von Teilen der weißen Bevölkerung des Südens mit Misstrauen betrachtet. Zwischen Joanna und Joe entwickelt sich eine sexuelle Beziehung, die zunehmend von gegenseitiger Abhängigkeit, religiösen Vorstellungen und Machtkämpfen geprägt ist. Joanna versucht schließlich, Joe zu einer bestimmten Vorstellung von seinem Leben und seiner Identität zu bewegen. Auch bei ihr erlebt er damit etwas, das ihn seit seiner Kindheit verfolgt: Andere Menschen wollen festlegen, wer er sein soll.

Joanna wird ermordet aufgefunden, ihr Haus brennt. Joe Christmas wird verdächtigt und flieht. Joe Brown informiert die Behörden über Christmas’ mögliche schwarze Abstammung und verbindet die Mordanklage damit sofort mit den rassistischen Vorstellungen der Umgebung. Eine Fahndung beginnt, und aus einem einzelnen Mordfall wird zunehmend eine kollektive Jagd. Ob Joe Joanna tatsächlich in genau der Weise getötet hat, wie seine Verfolger annehmen, ist am Ende fast weniger wichtig als die Geschwindigkeit, mit der die Gesellschaft aus ihm den Täter konstruiert, den sie bereits erwartet hat.

Rassismus als System der Zuschreibung

Faulkner behandelt in Licht im August Rassismus nicht nur als persönliche Abneigung einzelner Figuren. Er zeigt ein ganzes gesellschaftliches Ordnungssystem, in dem die angenommene Abstammung eines Menschen darüber entscheidet, welchen Platz er einnehmen darf. Besonders brutal ist daran, dass Joe Christmas selbst nicht weiß, ob die Geschichte über seine Herkunft überhaupt stimmt. Es gibt keine sichere Information darüber, dass er tatsächlich schwarze Vorfahren hat. Trotzdem bestimmt die Möglichkeit sein gesamtes Leben.

Damit stellt Faulkner eine grundlegende Frage nach Identität. Was macht einen Menschen zu dem, der er ist? Seine Herkunft? Sein eigenes Selbstbild? Die Wahrnehmung durch andere? Oder die gesellschaftlichen Kategorien, in die er hineingezwungen wird? Joe findet auf keine dieser Fragen eine stabile Antwort. Seine Umwelt akzeptiert Unbestimmtheit nicht. Sie verlangt nach einer eindeutigen Zuordnung und reagiert mit Gewalt, wenn diese Zuordnung nicht gelingt. Gerade dadurch wird seine Geschichte so tragisch: Er wird nicht nur wegen dessen verfolgt, was er getan hat, sondern auch wegen dessen, was andere in ihm vermuten.

Religion und Fanatismus

Neben Rassismus gehört Religion zu den stärksten Kräften des Romans. Faulkner schreibt über eine Gesellschaft, deren Sprache und Moral tief vom Protestantismus des amerikanischen Südens geprägt sind. Religion kann Trost und Orientierung bieten, erscheint in Licht im August aber häufig in ihrer repressiven Form. McEachern verbindet Glauben mit körperlicher Gewalt. Joanna Burdens religiöse Entwicklung nimmt zunehmend fanatische Züge an. Auch Gail Hightower, der ehemalige Prediger von Jefferson, ist auf andere Weise von einer beinahe religiösen Besessenheit geprägt.

Faulkner greift dabei immer wieder auf biblische Motive zurück. Besonders Joe Christmas wurde häufig im Zusammenhang mit christlicher Symbolik gelesen: Schon seine Initialen J. C., sein Alter von ungefähr 33 Jahren und einzelne Stationen seines Leidenswegs laden zu solchen Vergleichen ein. Daraus sollte man jedoch keine einfache Christus-Allegorie machen. Faulkner übernimmt Motive und Bilder, verändert sie und verbindet sie mit einer Geschichte voller Schuld, Gewalt und gesellschaftlicher Verfolgung. Wer sich allgemein mit der gewaltigen Wirkung biblischer Stoffe auf die westliche Literatur beschäftigen möchte, findet dazu auch unseren Beitrag über die Frage nach dem „besten Buch der Welt“ und der Bedeutung der Bibel. Das Johannesevangelium vor Licht im August zu lesen, ist jedoch keineswegs Voraussetzung für das Verständnis des Romans.

Lena Grove: Die erstaunlich helle Seite des Romans

Lena Grove bildet einen auffälligen Gegenpol zu Joe Christmas. Während Joe fast sein ganzes Leben auf der Flucht vor anderen Menschen und vor sich selbst verbringt, zieht Lena ruhig durch die Welt und scheint überall Menschen zu finden, die ihr helfen. Sie ist schwanger, unverheiratet und wirtschaftlich völlig ungesichert – Voraussetzungen, die in der damaligen Gesellschaft eigentlich zur Katastrophe führen könnten. Trotzdem begegnet sie ihrem Leben mit einer bemerkenswerten Gelassenheit.

Dieser Kontrast gehört zu den klügsten Konstruktionen des Romans. Joe Christmas erlebt Beziehungen als Bedrohung und reagiert auf Nähe häufig mit Flucht oder Gewalt. Lena dagegen vertraut anderen Menschen und erhält dafür Unterstützung. Joe sucht verzweifelt nach einer Identität und findet keine; Lena scheint kaum darüber nachdenken zu müssen, wer sie ist. Während seine Geschichte in Tod und Zerstörung führt, beginnt mit Lenas Kind neues Leben. Deshalb ist Licht im August trotz seiner düsteren Themen nicht vollständig hoffnungslos. Faulkner setzt der Welt Joe Christmas’ eine andere Möglichkeit menschlicher Existenz entgegen.

Byron Bunch: Der unspektakuläre gute Mensch

Byron Bunch ist eine der stilleren Figuren des Romans. Er arbeitet zuverlässig im Sägewerk, lebt zurückgezogen und besucht regelmäßig die Gottesdienste Gail Hightowers. Als Lena Grove nach Jefferson kommt, verliebt er sich in sie. Seine erste Reaktion besteht jedoch nicht darin, sie für sich gewinnen zu wollen, sondern ihr zu helfen. Gerade dadurch unterscheidet er sich von vielen anderen Figuren. In einem Roman voller Menschen, die andere kontrollieren, einordnen oder bestrafen möchten, versucht Byron zunächst einfach, etwas Gutes zu tun.

Faulkner macht aus ihm trotzdem keinen idealisierten Heiligen. Byron besitzt eigene Wünsche, Eifersucht und Schwächen. Seine Liebe zu Lena bringt ihn in Konflikte, und auch er muss lernen, dass Hilfe nicht bedeutet, über das Leben eines anderen Menschen verfügen zu dürfen. Dennoch ist er wichtig, weil er eine Form von Moral verkörpert, die ohne Fanatismus auskommt. Während andere Figuren ständig über Sünde, Reinheit, Herkunft und Schuld sprechen, beweist Byron seinen Charakter vor allem dadurch, wie er handelt.

Gail Hightower und die Gefangenschaft in der Vergangenheit

Der ehemalige Pfarrer Gail Hightower lebt ebenfalls am Rand der Gesellschaft von Jefferson. Seine Karriere als Geistlicher ist gescheitert, seine Ehe endete tragisch, und er hat sich weitgehend aus dem gesellschaftlichen Leben zurückgezogen. Hightower ist besessen von der Erinnerung an seinen Großvater, der im amerikanischen Bürgerkrieg gefallen ist. Diese Vergangenheit besitzt für ihn eine größere Wirklichkeit als die Gegenwart. Selbst seinen früheren Dienst als Prediger hatte er teilweise deshalb in Jefferson antreten wollen, weil die Geschichte seines Großvaters mit diesem Ort verbunden war.

Hightower erweitert damit eines der wichtigsten Themen Faulkners: Der amerikanische Süden wird von seiner Vergangenheit beherrscht. Bürgerkrieg, Sklaverei, Niederlage und die Erinnerung an eine untergegangene Gesellschaft wirken weiter, obwohl die Ereignisse Jahrzehnte zurückliegen. Menschen erzählen sich Geschichten über ihre Herkunft und werden schließlich Gefangene dieser Geschichten. Bei Hightower ist es die heroische Familienlegende, bei Joe Christmas die mögliche schwarze Abstammung. In beiden Fällen bestimmt etwas aus der Vergangenheit die Gegenwart, obwohl die Wahrheit viel komplizierter ist.

Der amerikanische Süden bei Faulkner

Fast alle großen Romane Faulkners spielen in oder um das von ihm erfundene Yoknapatawpha County in Mississippi. Jefferson ist dessen zentrale Stadt. Faulkner schuf dadurch über viele Bücher hinweg eine eigene literarische Landschaft mit wiederkehrenden Familien, historischen Ereignissen und gesellschaftlichen Konflikten. Das Nobelpreiskomitee hob später gerade diese große Chronik des amerikanischen Südens als einen wesentlichen Teil seiner literarischen Leistung hervor.

Dabei schreibt Faulkner keineswegs nostalgisch über die alte Südstaatengesellschaft. Ihre Geschichte ist untrennbar mit Sklaverei und Rassismus verbunden. Die Vergangenheit endet nach dem Bürgerkrieg nicht, sondern wirkt in Familiengeschichten, gesellschaftlichen Hierarchien und Vorstellungen von „Rasse“ weiter. Licht im August zeigt deshalb keinen idyllischen Süden, sondern eine Gesellschaft, die sich selbst durch ihre Kategorien und Erinnerungen immer wieder Gewalt zufügt.

Gewalt gegen Menschen, die nicht hineinpassen

Fast alle zentralen Figuren stehen auf irgendeine Weise außerhalb dessen, was ihre Umgebung als normal empfindet. Lena Grove ist unverheiratet schwanger. Joe Christmas besitzt keine eindeutige gesellschaftliche Identität. Joanna Burden stammt aus einer Familie, die von der weißen Gesellschaft Jeffersons als fremd betrachtet wird. Gail Hightower lebt nach seinem gesellschaftlichen Absturz isoliert. Selbst Byron Bunch führt ein ungewöhnlich zurückgezogenes Leben.

Faulkner zeigt damit eine Gesellschaft, die großen Druck erzeugt, sich eindeutig einzuordnen. Besonders Joe Christmas kann dieser Forderung nicht entsprechen. Seine Geschichte führt schließlich zu extremer Gewalt. Nach seiner Festnahme wird er vom Nationalgardisten Percy Grimm verfolgt, erschossen und anschließend auf brutale Weise verstümmelt. Die Szene gehört zu den grausamsten des Romans. Grimm versteht sein Handeln als Verteidigung einer gesellschaftlichen Ordnung. Genau darin liegt das Grauen: Gewalt erscheint dem Täter nicht als Kontrollverlust, sondern als Wiederherstellung vermeintlich richtiger Verhältnisse.

Warum erzählt Faulkner nicht chronologisch?

Die Handlung von Licht im August wird nicht einfach von Anfang bis Ende erzählt. Faulkner springt zwischen Figuren und Zeiten, unterbricht die Gegenwart durch lange Rückblenden und erzählt teilweise erst spät, welche Erfahrungen das Verhalten einer Figur geprägt haben. Besonders Joe Christmas’ Kindheit wird nach und nach rekonstruiert. Der Leser kennt also zunächst den Erwachsenen und erfährt anschließend, wie dieser Mensch geworden sein könnte.

Das verlangt mehr Aufmerksamkeit als bei einem geradlinigen Roman, ist aber keineswegs bloße stilistische Spielerei. Faulkner zeigt dadurch, dass Gegenwart und Vergangenheit nicht sauber voneinander getrennt sind. Jede Figur trägt ihre Geschichte mit sich. Das frühere Leben ist nicht vorbei, sondern bestimmt, wie jemand die Gegenwart wahrnimmt. Im Vergleich zu experimentelleren Werken wie Schall und Wahn ist Licht im August dabei noch vergleichsweise zugänglich. Wer zum ersten Mal einen großen Faulkner-Roman lesen möchte, findet hier deshalb einen guten Einstieg.

Der Titel „Licht im August“

Der Titel wirkt zunächst überraschend, denn große Teile des Romans sind ausgesprochen dunkel. Faulkner selbst verband den Ausdruck mit der besonderen Qualität des Lichts in Mississippi im Spätsommer, wenn der Sommer sich bereits seinem Ende nähert und eine eigentümliche Helligkeit über der Landschaft liegt. Im Roman erhält dieses Licht keine eindeutige symbolische Bedeutung. Es bildet vielmehr einen Kontrast zur Gewalt und Dunkelheit der Geschichten, die erzählt werden.

Auch darin zeigt sich Faulkners Stil. Natur und Landschaft bleiben häufig ruhig, während Menschen einander verfolgen, verletzen oder mit ihren Erinnerungen kämpfen. Die Welt selbst beteiligt sich nicht an ihren moralischen Ordnungen. Das Licht fällt auf Lena Grove ebenso wie auf Joe Christmas, auf Täter wie auf Opfer.

Rezension: Wie liest sich „Licht im August“ heute?

Faulkner gilt nicht ohne Grund als anspruchsvoller Autor. Seine Zeitsprünge, Perspektivwechsel und langen Rückblenden verlangen Konzentration. Licht im August ist jedoch deutlich zugänglicher, als sein Ruf vermuten lässt. Die einzelnen Handlungsstränge besitzen starke Figuren und teilweise erhebliche Spannung. Vor allem Joe Christmas’ Flucht und die Suche nach ihm entwickeln einen Sog, während Lenas Reise eine völlig andere, ruhigere Bewegung in den Roman bringt.

Besonders modern wirkt das Buch bei der Frage nach Identität. Joe Christmas leidet nicht nur unter Rassismus im engeren Sinne, sondern unter der gesellschaftlichen Forderung, eine eindeutige Identität besitzen zu müssen. Die Menschen um ihn herum wollen wissen, „was“ er ist. Dass diese Frage möglicherweise überhaupt nicht eindeutig beantwortet werden kann, macht ihn für seine Umwelt nicht freier, sondern gefährlicher. Faulkner zeigt dadurch eindringlich, wie Kategorien Menschen nicht nur beschreiben, sondern Lebensmöglichkeiten schaffen oder zerstören können.

Problematischer ist aus heutiger Sicht selbstverständlich die historische Sprache über schwarze Menschen, die in einem Roman aus dem amerikanischen Süden der 1930er-Jahre teilweise Begriffe und Sichtweisen enthält, die heute verletzend oder rassistisch wirken. Das sollte weder übersehen noch aus dem historischen Kontext herausgelöst werden. Gerade weil Rassismus selbst ein zentrales Thema des Buches ist, lohnt es sich, aufmerksam darauf zu achten, wann Faulkner gesellschaftliche Vorurteile seiner Figuren darstellt und wann seine Erzählweise selbst von den Vorstellungen seiner Zeit geprägt ist.

Warum „Licht im August“ zu Faulkners Hauptwerken gehört

Faulkner verbindet in diesem Roman eine ungewöhnliche erzählerische Komplexität mit unmittelbar verständlichen menschlichen Konflikten. Ein Mann weiß nicht, wo er hingehört. Eine Frau sucht den Vater ihres Kindes. Ein anderer Mann verliebt sich in sie. Ein ehemaliger Prediger lebt mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart. Aus diesen einzelnen Geschichten entsteht ein großes Bild einer Gesellschaft, deren moralische Gewissheiten immer wieder Gewalt hervorbringen.

Auf Fabelhafte Bücher gehört Licht im August deshalb auch zur Auswahl der 100 besten Bücher der Weltliteratur. Solche Ranglisten bleiben natürlich diskutabel. Bei Faulkner lässt sich die literaturgeschichtliche Bedeutung aber gut begründen: Er hat die erzählerischen Möglichkeiten des modernen Romans erweitert und zugleich ein literarisches Universum geschaffen, in dem sich die Geschichte des amerikanischen Südens über Generationen hinweg verfolgen lässt.

Unser Fazit

Licht im August ist ein Roman über Menschen, die nach einem Platz in einer Gesellschaft suchen, die ihnen bereits erklärt hat, wer sie sein dürfen. Besonders Joe Christmas versucht sein ganzes Leben lang, sich solchen Festlegungen zu entziehen. Doch je stärker er dagegen kämpft, desto stärker bestimmen sie ihn. Seine mögliche Herkunft wird schließlich wichtiger als jede gesicherte Tatsache über ihn.

Lena Grove steht am anderen Ende des Romans. Sie reist ebenfalls als Außenseiterin durch den Süden, begegnet der Welt aber mit Vertrauen statt mit Abwehr. Wo Joe fast jede Beziehung als Gefahr erlebt, lässt Lena Beziehungen entstehen. Wo seine Geschichte im Tod endet, beginnt ihre Geschichte mit einer Geburt. Zwischen diesen beiden Polen entfaltet Faulkner ein großes Panorama über Herkunft, Religion, Rassismus, Gewalt und die Macht der Vergangenheit.

Das Johannesevangelium muss man dafür nicht vorher lesen. Die biblischen Bezüge bereichern den Roman, sind aber nicht sein Schlüssel. Der stärkste Gedanke von Licht im August funktioniert auch ohne theologisches Vorwissen: Menschen leiden nicht nur darunter, wer sie sind – sondern manchmal noch stärker darunter, wer andere behaupten, dass sie seien.

William Faulkner und „Licht im August“ – die wichtigsten Fakten

  • Autor: William Faulkner (1897–1962)
  • Originaltitel: Light in August
  • Erstveröffentlichung: 1932
  • Schauplatz: Jefferson im fiktiven Yoknapatawpha County, Mississippi
  • Zentrale Figuren: Lena Grove, Joe Christmas, Byron Bunch, Gail Hightower und Joanna Burden
  • Zentrale Themen: Rassismus, Identität, Religion, Fanatismus, Gewalt, Außenseitertum und die Nachwirkungen der Geschichte des amerikanischen Südens
  • Erzählweise: mehrere miteinander verbundene Handlungsstränge, Perspektivwechsel und umfangreiche Rückblenden
  • Literaturnobelpreis: William Faulkner erhielt den Nobelpreis für Literatur des Jahres 1949; überreicht wurde er 1950.
  • Besonderheit: Joe Christmas’ vermutete schwarze Abstammung wird niemals sicher bestätigt – gerade diese Ungewissheit ist für die Aussage des Romans wesentlich.
  • Literarischer Kosmos: Der Roman gehört zu Faulkners zahlreichen Werken über das erfundene Yoknapatawpha County.