Fabian Navarro: „Vom Mainstream ist Poetry Slam noch ein Stück weit entfernt“

Interview mit Fabian Navarro

 

(c) Heike Kölzer
(c) Heike Kölzer

Fabian Navarro, Germanistikstudent der Uni Hamburg, kam als Julikind im Jahre 1990 zur Welt. Aufgewachsen ist er in Warstein. Bereits mit 13 Jahren verfasste  er dort Kurzgeschichten, Gedichte und Comics. Als ihm das Dorfleben  zunehmens missfiel, entdeckte er das Poetry Slam Format und nach einigen Auftritten im Schlachthof in Soest, ist Fabian Navarro heute ein aktiver Teil der deutschsprachigen Poetry Slam Szene. An über 400 Slams und Lesungen im gesamten deutschsprachigen Raum hat er bereits als Moderator oder Künstler teilgenommen.

 

Fabelhafte Bücher: Jedes Jahr buhlen im deutschsprachigen Raum weit mehr als 100.000 Bücher in Neuauflage um die Aufmerksamkeit der Leser. Die „Konkurrenz“ ist also gewaltig. Denken Sie über sowas nach, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen?

Nein, eigentlich mache ich mir kaum Gedanken dazu. Die Menschen, die meine Bücher lesen, haben im Regelfall einen meiner Auftritte gesehen und fanden gut, was ich dort gemacht habe. Als Poetry Slammer, der Bücher schreibt, ist das – so glaube ich – ein wenig anders, als bei den „klassischen“ Autoren. Man schreibt für eine Nische. Diese wird zwar immer größer, da das Format Poetry Slam populärer wird, aber vom Mainstream ist man noch ein Stück weit entfernt. Auf der anderen Seite wird es mittlerweile möglich, dass Bücher von SlammerInnen auch in den Bestsellerlisten stehen. Gute Beispiele sind da Julia Engelmann oder Marc Uwe Kling.

Fabelhafte Bücher: Bestsellerlisten wie beispielsweise die Spiegel-Bestseller-Liste waren immer schon heiß umstritten und doch orientieren sich nun mal viele Menschen an den Lesegewohnheiten anderer Leser. Wie stehen Sie zu solchen Bücherrankings?

Beim Lesen orientiere ich mich meist eher an Empfehlungen von Freunden oder Kollegen. Ich finde so viel zielsicherer Sachen, die mir gefallen. Vor kurzem habe ich Stoner von John Williams und Unterwerfung von Michel Houellebecq gelesen, auch auf Empfehlung hin. Dass die beide in der Spiegel-Bestseller-Liste standen, war Zufall.

Fabelhafte Bücher: Schreibblockaden, Selbstzweifel oder einfach zu viel zu tun: Jeder Autor hat mal Durchhänger. Was ist Ihr Geheimrezept?

Wenn es bei mir mal gar nicht läuft, hilft es oft, wenn ich mich eine Zeit lang zwinge, gar nicht zu schreiben. In dieser Zeit verreise ich dann, geh mit Freunden raus, schaue Serien oder lese. Nach einiger Zeit klappt es wieder. Was auch hilft, ist das sogenannte „automatische Schreiben“. Dabei stellt man sich einen Timer (5-10 Minuten) und schreibt einfach drauf los. Pro Wort darf man nicht länger als fünf Sekunden überlegen und man muss versuchen so viel Text wie möglich zu produzieren. So schaltet man die kritische Stimme im Kopf aus.

Fabelhafte Bücher: Ob Indieautor oder Verlagsautor – längst wird erwartet, dass Autoren auf ihre Leser zugehen. Lesungen reichen nicht mehr, der Autor sollte möglichst auch im Internet präsent sein. Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für diese Aktivitäten rund ums Buch ein?

Da hab ich wieder Glück, dass ich Poetry Slammer bin. Bei 100-150 Auftritten pro Jahr ist man wesentlich präsenter als ein Verlagsautor, der eine Buchtour mit 10 Terminen pro Jahr macht. Was das Internet angeht, so verbringe ich schon recht viel Zeit damit. Ich kenne KollegInnen, die das nicht so mögen und das verstehe ich gut, denn man verliert viel Zeit, die man zum Schreiben nutzen könnte. Mir persönlich macht die Pflege von Facebookseite und Twitteraccount Spaß. Oft schreiben mir zum Beispiel Menschen, die mich live gesehen haben und wissen wollen, wo es diesen oder jenen Text zu finden gibt oder wo ich demnächst auftrete. Ich freue mich dann immer und kann das auch direkt beantworten. Weiterhin führe ich einen Blog. Dort veröffentliche ich hin und wieder Texte, die nicht primär für die Bühne, sondern zum Lesen gedacht sind. Im Moment erscheint dort ein spanischer Kurzkrimi, den ich sonst nur bei meiner Lesebühne „Randale und Liebe“ vortrage.

Fabelhafte Bücher: Wenn Neulinge Sie nach einem Tipp fragen würden: Auf welches Marketinginstrument setzen Sie in erster Linie?

Die beste Werbung für einen selbst ist natürlich, wenn man gute Texte schreibt. Daher würde ich, besonders am Anfang nicht so viel auf das Marketing geben. Dafür hat man später immer noch Zeit. Trotzdem kann ein Blog, YouTube oder eine Homepage dabei helfen, eine gewisse Leserschaft zu gewinnen. Das tollste am Internet ist ja zudem, dass man – dank Kommentarfunktion – sofort Feedback auf seine Texte bekommen kann. Das hilft, die eigenen Stärken und Schwächen zu erkennen und sich dann wiederum zu verbessern.

Fabelhafte Bücher: Von welchen Schriftstellern sehen Sie sich in Ihrem eigenen Werk beeinflusst? Wer inspiriert Sie?

Antwort: Da gibt es viel. Zunächst sind da die ganzen liebenswerten und talentierten Menschen, mit denen ich auf der Bühne zu tun habe. Da beeinflusst man sich gegenseitig sowohl auf formaler Ebene, als auch beim Inhalt. Namentlich fallen mir da zum Beispiel Mona Harry und David Friedrich ein. Auch bin ich großer Fan von dem USRapper und Slammer George Watsky und dem Stand-Up Artist Bo Burnham. Abseits der Bühne begeistern mich Romanautoren wie David Foster Wallace, Paul Auster, T.C. Boyle oder John Irving.

Fabelhafte Bücher: Wieso werden von den großen Feuilletons, egal ob Spiegel, FAZ, ZEIT oder sonstigen Granden des Literaturbetriebs, immer nur die üblichen Verdächtigen rezensiert, die ohnehin jeder kennt? Wie könnte es gelingen, Newcomer stärker in den Vordergrund zu rücken?

Das ist eine gute Frage. Der sogenannte „richtige“ Literaturbetrieb ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel. Auf mich wirken die dortigen Akteure ein wenig wie die „coolen Kids“ aus der Schulklasse, die nur ausgewählte Leute mit sich spielen lassen. Unabhängige Literaturblogs und Seiten wie Perlentaucher.de könnten da vielleicht eine Chance bieten. Ich finde den guten alten „Mitarbeiter-Tipp“ in der Buchhandlung des Vertrauens super, aber der hat natürlich keine derart große Reichweite.

Fabelhafte Bücher: Nach Ihren Erfahrungen – welche Anfängerfehler würden Sie im Nachhinein vermeiden – was können Sie Neulingen empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben?

Einfach machen, denn man kann nur daran wachsen! Beim Veröffentlichen würde ich aufpassen. Ich würde zwar im Nachhinein sagen, dass ich mir mit meinem ersten Buch (2011) auch noch 2 Jahre hätte Zeit lassen können, auf der anderen Seite war es auch eine gute Erfahrung und zugegeben ein ziemlich geiles Gefühl ein Buch mit seinem Namen drauf zu sehen.

Fabelhafte Bücher: Viele Schriftsteller tun sich beim Schreiben von Sex-Szenen ziemlich schwer. Gibt es Themen oder Situationen, bei deren Beschreibung Sie sich schwer tun?

Meine Texte sind ja meistens lyrisch und auf 5-6 Minuten begrenzt. Da fällt es mir manchmal schwer mich an größere Themen (gesellschaftlich oder politisch) heranzuwagen. Ich hab oft das Gefühl, dass ich diesen Themen dann nicht gerecht werden kann oder zu prätentiös oder pathetisch wirke. Das fordert mich im Moment heraus, aber ich arbeite daran und sehe das auch ein wenig als Ziel in meiner künstlerischen Weiterentwicklung.

Fabelhafte Bücher: Als heikel gelten auch politische Zuschreibungen, etwa Islamkritik oder Kritik an jüdischer Siedlungspolitik um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie gehen Sie mit dem Thema um und welchen Umgang erwarten Sie sich von Autoren insgesamt zu dem Thema?

Ich selbst bin bei solchen Themen extrem vorsichtig. Das ist im Grunde auch das, was ich von anderen Autoren erwarte – sich differenziert mit derartigen Themen auseinander zu setzen und nicht einfach drauf loszuschreiben. Ich finde es beeindruckend, wenn jemand sich zu schwierigen politischen Themen eine extrem fundierte Meinung bilden kann, und es dann noch schafft gut geschriebene Literatur hervorzubringen.

Fabelhafte Bücher: Wenn Sie schreiben – wie strukturieren Sie Ihren Tag? Schreiben Sie, wenn Sie gerade in Stimmung sind? Oder haben Sie sich feste Zeiten reserviert?

Manchmal, wenn ich eine Idee habe, die sofort aufgeschrieben werden muss, dann tu ich das sobald ich kann. Aber ich versuche möglichst häufig irgendetwas zu Papier bzw. auf den Bildschirm zu bringen, um nicht aus der Übung zu kommen.

Fabelhafte Bücher: Bitte verraten Sie uns etwas über Ihr aktuelles Projekt. Wovon soll Ihr nächstes Buch handeln, was können Sie schon verraten?

Vor kurzer Zeit habe ich zwar wieder einen alten Romananfang ausgegraben und angefangen zu bearbeiten, doch im Moment konzentriere ich mich mehr auf Live- Literaturveranstaltungen. Ich organisiere zum Beispiel – zusammen mit Kampf der Künste und Marco von Damghan – den zweiten Audimax Poetry Slam in der Uni Hamburg, der am 11. April stattfinden soll. Weiterhin will ich bald mit einem Singer- Songwriter auf Tour gehen und mit ihm ein abendfüllendes Programm ausarbeiten.

Fabelhafte Bücher: Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.


Der Autor im www


Weitere Hintergründe zum Autor

Navarro ist amtierender Schleswig Holstein Meister im Poetry Slam, sowie Vize-Stadtmeister in Hamburg. Mit dem Leseshow-Trio „Team 101“ (mit Maximilian Humpert und Jan-Philipp Zymny) tourt er erfolgreich durch die Republik. Im März 2014 erschien bereits sein zweites Buch „Von A nach B“ im Lektora Verlag in Paderborn.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.