Norbert Wiegelmann: „Manchmal stellt es eine Gratwanderung dar, in die Untiefen seiner eigenen Persönlichkeit hinabzusteigen“

Interview mit Norbert Wiegelmann

 

Norbert J. Wiegelmann, geb. 1956 in Bochum, wohnhaft in Arnsberg, verheiratet, Vater zweier Töchter. Verwaltungsjurist. Mit neun Jahren erste Texte auf der Kinderseite in der Wochenendbeilage der Tageszeitung. Literarische Veröffentlichungen: „Tag des Zitronenfalters“, Kurzgeschichten, chiliverlag 2014; Beiträge in über sechzig Anthologien verschiedener Verlage und Literaturzeitschriften.

(c) g.h.pictures
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Daneben Foto-veröffentlichungen in Büchern und Zeitungen. Diverse Rundfunkbeiträge, u.a. 1986 Live-Gespräch in der WDR3-Kultursendung „Mosaik“ zum Thema: „Hauptsache, veröffentlicht. Merkwürdige Praktiken des Literaturbetriebs.“

Seit 2013 Mitglied in der Christine-Koch-Gesellschaft (CKG), einer literarischen Gesellschaft zur Förderung der Literatur im südöstlichen Westfalen.

 

Fabelhafte Bücher: Jedes Jahr buhlen im deutschsprachigen Raum weit mehr als 100.000 Bücher in Neuauflage um die Aufmerksamkeit der Leser. Die „Konkurrenz“ ist also gewaltig. Denken Sie über sowas nach, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen?

Da im letzten Jahr mein erstes „eigenes Buch“ – „Tag des Zitronenfalters“, 32 Kurzgeschichten, chiliverlag – erschienen ist, hatte ich noch nicht allzu viel Gelegenheit, über so etwas nachzudenken. Aber grundsätzlich sollte man sich über so etwas „keinen Kopf“ machen: Schließlich empfindet man ja auch sein eigenes Leben als einzigartig, ohne immer das Bewusstsein zu haben, „nur“ einer unter Milliarden zu sein. Will sagen: Man kann nur versuchen, das Beste aus und mit seinem Buch zu machen, ohne die erdrückende Menge der „Konkurrenz“ im Blick zu haben.

Fabelhafte Bücher: Bestsellerlisten wie beispielsweise die Spiegel-Bestseller-Liste waren immer schon heiß umstritten und doch orientieren sich nun mal viele Menschen an den Lesegewohnheiten anderer Leser. Wie stehen Sie zu solchen Bücherrankings?

Da es diese Rankings gibt, muss man sie als Gegebenheiten hinnehmen. Das sehe ich relativ leidenschaftslos. Ich selbst orientiere mich nicht daran – hätte natürlich nichts dagegen, mit meinem Buch in einem solchen Ranking aufzutauchen.

Fabelhafte Bücher: Schreibblockaden, Selbstzweifel oder einfach zu viel zu tun: Jeder Autor hat mal Durchhänger. Was ist Ihr Geheimrezept?

Es gibt für mich kein Geheimrezept. Ich habe den Vorteil, das Schreiben vor dem soliden Hintergrund eines „Brotberufes“ auszuüben – von daher kann ich „Durchhänger“ also „aussitzen“.

Fabelhafte Bücher: Ob Indieautor oder Verlagsautor – längst wird erwartet, dass Autoren auf ihre Leser zugehen. Lesungen reichen nicht mehr, der Autor sollte möglichst auch im Internet präsent sein. Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für diese Aktivitäten rund ums Buch ein?

An Lesungen zu kommen, ist für einen unbekannten Autor ohne ein entsprechendes Netzwerk bereits eine ziemliche Hürde und erfordert Engagement. Darüber hinaus sind meine Aktivitäten im Netz recht überschaubar: Ich bin auf facebook vertreten und habe eine Autorenseite bei amazon. Außerdem stehe ich auf den Autorenseiten einiger Verlage, bei denen ich schon Texte in Anthologien veröffentlicht habe. Nicht zu vergessen den chiliverlag, bei dem mein Kurzgeschichtenband erschienen ist und der natürlich ebenfalls eine Internetpräsenz hat. Daneben bin ich als Autor in online-Datenbanken wie NRW Literatur im Netz und LYRIKwelt erfasst.Offensichtlich gibt es aber schon so viele Spuren von mir im Netz, dass Sie mich dort gefunden haben.

Fabelhafte Bücher: Wenn Neulinge Sie nach einem Tipp fragen würden: Auf welches Marketinginstrument setzen Sie in erster Linie?

Da ich ja auch noch kein „alter Hase“ im Buchgeschäft bin, steht es mir nicht an, großspurig Ratschläge zu erteilen. Wenn man bei einem Verlag veröffentlicht hat, sollte man auf jeden Fall den engen Schulterschluss mit dem Verlag suchen, denn – zumindest kleinere – Verlage erwarten, dass der Autor hinter seinem Buch steht und sich dafür einsetzt. Nur weil ein Buch auf dem Markt ist, wird nicht alles Weitere zum Selbstläufer.

Darüber hinaus sollte man schauen, welche Möglichkeiten es gibt, Öffentlichkeit herzustellen, sei es durch die örtliche oder regionale Presse, über einen lokalen Radiosender, durch Lesungen oder eben – mithilfe des Internet. Bei allem sollte eine gewisse Grundbescheidenheit nicht fehlen: Sich selbst als den künftigen Bestsellerautor anzupreisen, dürfte kaum die richtige Strategie sein.

Fabelhafte Bücher: Von welchen Schriftstellern sehen Sie sich in Ihrem eigenen Werk beeinflusst? Wer inspiriert Sie?

Da ich in meinem fast neunundfünfzigjährigen Leben bereits eine Menge gelesen habe, fällt es mir nicht leicht, spontan Namen zu nennen. Etliche meiner Kurzgeschichten sind sicherlich von Edgar Allan Poe inspiriert. Auf dem Gebiet der Lyrik würde ich beispielsweise Bertolt Brecht, Erich Fried oder auch Karl Krolow nennen. Aber kein Autor ist für mich in dem Sinne „Vorbild“, dass ich ihm bewusst nacheifern würde. Vielmehr ist es so: Auf dem Humus der Literatur, die man im Laufe der Zeit schon gelesen hat, sollte im Idealfall ein eigener Schreibstil heranreifen.

Fabelhafte Bücher: Wieso werden von den großen Feuilletons, egal ob Spiegel, FAZ, ZEIT oder sonstigen Granden des Literaturbetriebs, immer nur die üblichen Verdächtigen rezensiert, die ohnehin jeder kennt? Wie könnte es gelingen, Newcomer stärker in den Vordergrund zu rücken?

Schwierige Frage. Ich stelle es mir nicht leicht vor, einen Rezensenten der von Ihnen genannten Feuilletons auf das Buch eines „Unbekannten“ aufmerksam zu machen. Möglicherweise müssten sich Kleinverlage zusammentun, um eine gemeinsame publizistische Plattform zu schaffen, die in den Feuilletonredaktionen zur Kenntnis genommen wird. Aber ich fürchte, dass ist mit den begrenzten finanziellen und personellen Mitteln kleiner Verlage kaum zu schaffen, zumal auch diese Verlage wahrscheinlich thematisch und vom Anspruch her zu heterogen sein dürften. Aber vielleicht gelingt es ja durch Plattformen wie Fabelhafte Bücher?

Fabelhafte Bücher: Nach Ihren Erfahrungen – welche Anfängerfehler würden Sie im Nachhinein vermeiden – was können Sie Neulingen empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben?

Wer ein Buch schreiben möchte, sollte sich zunächst sorgfältig mit seinem Manuskript beschäftigen. Mit sorgfältig meine ich auch – oder sogar vorrangig – sprachliche Sorgfalt. Denn für mein – vielleicht altertümliches – Verständnis von einem Schriftsteller steht als unumgängliches Handwerkszeug die Sprache im Vordergrund, nicht die Idee oder – neudeutsch – der Plot. Ausgedrückt in einem Bild: Für ein gutes Foto ist nicht entscheidend, welches Motiv fotografiert wird, sondern wie das Motiv fotografiert wird. Um Missverständnissen vorzubeugen: Dies ist kein Plädoyer für langweilige Literatur!

Wenn man ein fertiges Manuskript vorweisen kann und gerne bei einem Verlag veröffentlichen will, sollte man darauf achten, an welchen Verlag man sich wendet: Möchte man nicht nur stolz darauf sein, sein eigenes Buch in den Händen zu halten, sondern als Autor ernst genommen werden, empfiehlt es sich dringend, nicht bei einem sogenannten Druckkostenzuschussverlag zu publizieren. Und ich bezweifle auch, dass es sehr hilfreich ist, sich auf allen möglichen Schreibforen die Meinung aller möglichen Leute einzuholen.
Wichtig ist natürlich ebenfalls, keine übertriebenen Erwartungen zu hegen. Wer mit seinem Buch (viel) Geld verdienen will, sollte Literaturagenten durch eine spektakuläre Aktion, z.B. eine ungewöhnliche eBay-Anzeige, auf sich aufmerksam zu machen versuchen. Ansonsten sollte das Geldverdienen nicht die (Haupt-)Motivation sein, sondern die Freude und Leidenschaft daran, mit Sprache kreativ umzugehen und sein fertiges Werk anderen Menschen zugänglich machen zu können.

Fabelhafte Bücher: Viele Schriftsteller tun sich beim Schreiben von Sex-Szenen ziemlich schwer. Gibt es Themen oder Situationen, bei deren Beschreibung Sie sich schwer tun?

Manchmal stellt es eine Gratwanderung dar, in die Untiefen seiner eigenen Persönlichkeit hinabzusteigen.

Fabelhafte Bücher: Als heikel gelten auch politische Zuschreibungen, etwa Islamkritik oder Kritik an jüdischer Siedlungspolitik um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie gehen Sie mit dem Thema um und welchen Umgang erwarten Sie sich von Autoren insgesamt zu dem Thema?

Wie ein Autor meiner Meinung nach mit diesem Thema umgehen soll, kann ich pauschal nicht sagen, weil es von der Intention abhängt: Will er provozieren, karikieren, bewusst überzeichnen? Oder will er lediglich eine scheinbar objektive historische Darstellung liefern? Man sollte sich auf jeden Fall klar darüber sein, dass das veröffentlichte Wort ein Eigenleben führt. Deswegen ist ein verantwortungsvoller Umgang mit politischen Zuschreibungen aus meiner Sicht dringend geraten. Was das im Einzelnen bedeutet, muss jeder Autor jedoch für sich selbst entscheiden.

Keinesfalls ist es die Pflicht von Autoren, die sich politischen Themen widmen, ängstlich auf Political Correctness zu schielen.
Andererseits bleibt es jedem Autor unbenommen, von solchen Themenfeldern „die Finger zu lassen“. Auch ein Autor ist kein Mensch, der zu allem etwas sagen muss!

Fabelhafte Bücher: Wenn Sie schreiben – wie strukturieren Sie Ihren Tag? Schreiben Sie, wenn Sie gerade in Stimmung sind? Oder haben Sie sich feste Zeiten reserviert?

Da ich einen Beruf jenseits der Schriftstellerei habe, kann ich meinen Tag nicht auf das Schreiben hin strukturieren.
Eine Kurzgeschichte lässt sich zum Glück auch dann in einem angemessenen Zeitraum fertigstellen, wenn man nicht jeden Tag zum Schreiben kommt. Ähnliches gilt für ein Gedicht. Ich habe vor längerer Zeit an einem Roman gearbeitet. Da habe ich mich tatsächlich jeden Tag nach Feierabend für einige Stunden an das Manuskript gesetzt – einschließlich der Wochenenden.

Fabelhafte Bücher: Bitte verraten Sie uns etwas über Ihr aktuelles Projekt. Wovon soll Ihr nächstes Buch handeln, was können Sie schon verraten?

Mein nächstes Buch wird jenes Manuskript, das ich in der vorigen Frage erwähnt habe. Hierbei handelt es sich um eine Reisebeschreibung durch Namibia in Romanform aus der Sicht von zwei Jungen. Voraussichtlich wird es in diesem Sommer erscheinen.
Ansonsten arbeite ich an weiteren Kurzgeschichten, damit mein erster Band mit Kurzgeschichten nicht mein letzter bleibt.

Fabelhafte Bücher: Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.

Norbert Wiegelmann im www

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