Rainer W. Campmann: „Es ist nicht Bedingung, alles mit leichter Hand zu schreiben“

 Interview mit Rainer W. Campmann

 

© Ilse Straeter
© Ilse Straeter

Rainer W. Campmann, Jahrgang 1944, lebt in Bochum. Arbeitete in verschiedenen Berufen, u. a. war er Matrose, Stahlwerker, Journalist. 1970 erste Veröffentlichungen von Lyrik und Prosa. Seit Ende der Neunzehnhundert-siebzigerjahre freier Schriftsteller, er schreibt Gedichte, Erzählungen, Essays. Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller (VS) und in der Europäischen Autorenvereinigung DIE KOGGE. Zuletzt erschien der Roman „Nachbarschaftskunde“, der in autobiografisch gefärbten Erzählungen, Prosastücken und Kleinen Dichtungen die Geschichte unserer Republik erzählt, von den Anfängen bis heute.

 

Fabelhafte Bücher: Jedes Jahr buhlen im deutschsprachigen Raum weit mehr als 100.000 Bücher in Neuauflage um die Aufmerksamkeit der Leser. Die „Konkurrenz“ ist also gewaltig. Denken Sie über sowas nach, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen?

Es ist ja so, dass die Themen zu mir kommen, d. h. irgendetwas hat mich heftig angefasst, und ich fange an, mich damit zu befassen, indem ich darüber schreibe. Ich schreibe also meine Texte nicht, weil ich etwas weiß, sondern weil ich etwas wissen, mich vergewissern, etwas herauskriegen will. Folglich befasse ich mich immer mit einem äußerst wichtigen Projekt, auf das alle um mich herum, auch die im Literaturbetrieb, nur gewartet haben. So von sich eingenommen, so vermessen muss man schon sein, will man sich die Chance eröffnen, ein fabelhaftes Buch zu schreiben. Und da ist es völlig egal, wie viele sonst noch an einem Buch schreiben oder geschrieben haben.

Fabelhafte Bücher: Bestsellerlisten wie beispielsweise  die Spiegel-Bestseller-Liste waren immer schon heiß umstritten und doch orientieren sich nun mal viele Menschen an den Lesegewohnheiten anderer Leser. Wie stehen Sie zu solchen Bücherrankings?

Als Kind und Jugendlicher hab ich alles gelesen, was greifbar war, viel Mainstream-Literatur wird darunter gewesen sein. Heute finden wir diese Art von Literatur auf Bestsellerlisten: voller Klischees meist, beim Lesen spürt man auf fast jeder Seite, dass die literarischen Mittel nicht ausgereicht haben. Die Leute mögen es, sich wohlfeil unterhalten zu lassen. Sollen sie. Zudem man immer wieder auch gute Bücher auf diesen Listen finden kann, wie beispielsweise seinerzeit den Roman Am Beispiel meines Bruders von Uwe Timm. Doch, frage ich, sind nicht die wahren Bestseller Bücher bzw. Hefte, von denen monatlich Millionen verkauft werden, am Kiosk, im Supermarkt – früher nannte man sie Groschenhefte. Wie teuer ist so ein Heft heute?

Fabelhafte Bücher: Schreibblockaden, Selbstzweifel oder einfach zu viel zu tun: Jeder Autor hat mal Durchhänger. Was ist Ihr Geheimrezept?

Meist helfe ich mir, indem ich mich einem anderen Thema zuwende. Manchmal stelle ich mich auch und schreibe über das, was mich vom Schreiben abhält. Ein Beispiel: Mein Roman Nachbarschaftskunde, 2012 erschienen, im dritten Kapitel wird u. a. von den Terroranschlägen am 11. September erzählt, der Zerstörung der Twin Tower und vom Zweiten Irak-Krieg. Ursprünglich sollte an dieser Stelle eine Erzählpassage über ein Bundeswehr-Manöver stehen – als ich dabei war, die Erstfassung dieser Passage zu schreiben, passierte der Nine-Eleven, ich konnte nicht mehr weiterschreiben. Meine Gedanken kehrten immer wieder zu diesem Geschehnis in New York zurück. Meine Schreibhemmung löste sich erst, als ich über das schrieb, was mich am Schreiben gehindert hatte.

Fabelhafte Bücher: Ob Indieautor oder Verlagsautor – längst wird erwartet, dass Autoren auf ihre Leser zugehen. Lesungen reichen nicht mehr, der Autor sollte möglichst auch im Internet präsent sein. Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für diese Aktivitäten rund ums Buch ein?

Auf diesem Gebiet tue ich eindeutig zu wenig. Hab Lesungen gemacht mit Musikbegleitung: Akkordeon-Klänge passen gut zu meiner Literatur, die oft darauf aus ist, noch aus einem Alltagslumpen poetische Funken zu schlagen. Doch noch immer hab ich keine eigene Homepage. Bisher habe ich gedacht, es genüge, in Verzeichnissen bzw. Onlineportalen zu stehen wie NRW-Literatur-im-Netz, Literaturportal Westfalen, Lyrikwelt oder Reviercast etc.
Müsste man auf einer eigenen Seite nicht auch die einzelnen Aktivitäten und Projekte regelmäßig erläutern und bebildern, müsste man nicht auch von sich erzählen, seinem Privatleben, ich hab es bisher gescheut. Auch schrecke ich vor dem Arbeitsaufwand zurück. Hielten mich solche Anstrengungen nicht von der eigentlichen Arbeit ab, der Wort-für-Wort-, Satz-für-Satz-Arbeit? Vielleicht muss ich umdenken.

Fabelhafte Bücher: Wenn Neulinge Sie nach einem Tipp fragen würden: Auf welches Marketinginstrument setzen Sie in erster Linie?

Regelmäßig schreiben, Handwerk sich aneignen. Sich also hinsetzen und gute Texte schreiben (ein erstes Buch?)! Später dann an fremde Türen klopfen, fröhlich verkündend: Macht endlich auf, Leute – mein Bauchladen ist geöffnet! Einem Klinkendrücker nicht unähnlich muss der Autor umhergehen und sich beredt anbieten. Gute Ware, obendrein die eigene, marktschreierisch anzubieten, mir ist das noch nie leicht gefallen. Ansonsten: Lesungen, Lesungen – am besten der (Klein)Verleger schickte seinen Autor auf eine ausgedehnte Lesereise, so würden zur Freude beider einige Bücher signiert bzw. verkauft, und so erarbeitete man sich gemeinsam nicht wenige Mund-zu-Mund-Empfehlungen.

Fabelhafte Bücher: Von welchen Schriftstellern sehen Sie sich in Ihrem eigenen Werk beeinflusst? Wer inspiriert Sie?

Hab gelesen, sobald ich Buchstaben zu Wörtern formen, deren Sinn erfassen konnte. Auf der Volksschule, jede Woche lieh ich mir drei, vier Bücher aus: Abenteuer-, Seefahrerromane, Historienschmöker. Später las ich Schwabsche Sagen und Grimmsche Märchen, las Cooper und May, bald, als Jugendlicher, Joyce und war beeindruckt von der Beschreibung einer Hausgeburt; ich las Tolstoi und einige Jahre später Peter Weiss, las Robert Walser, der mich mitnahm auf eine unvergessliche Ballonfahrt. Kurzum: von vielen Dichtern hab ich gelernt, lerne beim Lesen noch immer, zum Beispiel, wie man die Erzählte Zeit strafft oder dehnt. Von Stephen King hab ich mir erklären lassen, wie man (vor allem beim Dialogisieren) den Zeilenfall verändert, um den Inhalt stärker herauszustellen.

Fabelhafte Bücher: Wieso werden von den großen Feuilletons, egal ob Spiegel, FAZ, ZEIT oder sonstigen Granden des Literaturbetriebs, immer nur die üblichen Verdächtigen rezensiert, die ohnehin jeder kennt? Wie könnte es gelingen, Newcomer stärker in den Vordergrund zu rücken?

Von Literaturvermittlern (in den Redaktionsstuben, Fernsehzimmern, Literaturhäusern und -büros) erwarte ich mehr Toleranz, Empathie und Neugierde. Sie sollten sich kundiger machen, nicht nur zur Kenntnis nehmen, was in großen Häusern (wie Hanser oder Suhrkamp z. B.) erscheint, sondern auch in kleinen, kleineren Verlagen, und sie sollten auch die Arbeiten solcher Autoren beachten, die sich (ab und an) außerhalb des gesellschaftlichen Konsenses positioniert haben.

Fabelhafte Bücher: Nach Ihren Erfahrungen – welche Anfängerfehler würden Sie im Nachhinein vermeiden – was können Sie Neulingen empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben?

Man muss wissen: es reicht es nicht, gute Bücher zu schreiben. Man sollte nicht davon ausgehen, mittelfristig vom Schreiben leben zu können. Neulinge sollten dann anfangen, ihr erstes Buch zu schreiben, wenn sie bereits den einen oder anderen fabelhaften Text vorgelegt haben; sie merkten dann schnell, ob sie wirklich etwas mitzuteilen haben, ob sie eine Geschichte erzählen, ein Thema gestalten können, ob ihre handwerklichen Fähigkeiten dafür schon ausreichen …

Fabelhafte Bücher: Viele Schriftsteller tun sich beim Schreiben von Sex-Szenen ziemlich schwer. Gibt es Themen oder Situationen, bei deren Beschreibung Sie sich schwer tun?

Es ist nicht Bedingung, alles mit leichter Hand zu schreiben. Es kommen immer wieder Stellen, wo man sich schwer tut, wenn man einen Anspruch hat. Die Geburt, der Tod eines Menschen, welche Worte, Sätze sind dafür die trefflichsten? Liebesszenen, aus welcher Perspektive sollte man erzählen? Aber auch einfache Beschreibungen – wie muss ein Satz gebaut sein, der den Pedaltritt eines Radfahrers optimal festhalten will? Wenn sich das Thema (nach langem Schreibtischsitzen) endlich seine eigene ihm innewohnende Form sucht, fällt es mir oft leichter, auch solche Geschehnisse zu schildern. Der persönlichen Handschrift muss man Zeit lassen, sich zu entwickeln. Erst wenn einem bewusst geworden ist, dass man nicht alles (be)schreiben kann, hat man sich die Möglichkeit zu einer eigenen Handschrift erschlossen.

Fabelhafte Bücher: Als heikel gelten auch politische Zuschreibungen, etwa Islamkritik oder Kritik an jüdischer Siedlungspolitik um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie gehen Sie mit dem Thema um und welchen Umgang erwarten Sie sich von Autoren  insgesamt zu dem Thema?

Wer sich mit heikler Problematik auseinandersetzt und sich nicht der vorherrschenden Meinung anschließt, muss damit rechnen, Ärger zu bekommen. Er wird nicht angefeindet, doch lässt man ihn gern links liegen, ignoriert ihn. Ich zum Beispiel bin mir nicht zu schade, hin und wieder ein garstig‘ Lied anzustimmen; oder ein Pamphlet zu schreiben. Beliebt mache ich mich dadurch nicht. Ich sehe einen Autor nicht als jemanden, der dazu da ist, sich beliebt zu machen.

Fabelhafte Bücher: Wenn Sie schreiben – wie strukturieren Sie Ihren Tag? Schreiben Sie, wenn Sie gerade in Stimmung sind? Oder haben Sie sich feste Zeiten reserviert?

Nicht immer weiß ich nach dem Aufstehn genau, womit ich mich gleich beschäftigen werde. Das hängt mit meiner Arbeitsweise zusammen, die sich vor etwa zwei Jahrzehnten geändert hat, seither ist fast jeder Tag eine Entdeckungsreise. Denn ich arbeite zwar an einem bestimmten Text (Projekt), doch entsteht zwischendurch auch immer wieder anderes. Was der Tag hochschwemmt, an mich heranträgt, was mich wütend, nachdenklich macht, mich anfasst auf irgendeine Weise, Kleinigkeiten oft, ich lasse mich darauf ein. Notizen entstehen so überall, in der Straßenbahn, beim Spazierengehn, im Wartezimmer meines Hausarztes. Das Alltägliche, das besonders wird.

Fabelhafte Bücher: Bitte verraten Sie uns etwas über Ihr aktuelles Projekt. Wovon soll Ihr nächstes Buch handeln, was können Sie schon verraten?

Mein nächster Prosaband wird knapp vierzig Geschichten und Kleine Dichtungen enthalten; erzählt wird von Brüchen und Verwerfungen, von enttäuschten Hoffnungen und schmerzhaften Häutungen, von Krankheit und Tod, aber auch vom kuriosen Glück des Scheiterns. Erscheinen wird er im Frühjahr nächsten Jahres.

Fabelhafte Bücher: Wir bedanken uns herzlich für das Gespräch.

 

 


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