Renate Ahrens: „Für mich beginnt eine Geschichte immer mit einer Figur und nicht mit der Handlung“

 Interview mit Renate Ahrens

 

© www.otzipka.de
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Renate Ahrens wurde 1955 in Herford geboren, studierte Anglistik und Romanistik in Marburg, Lille und Hamburg und war einige Jahre als Lehrerin tätig, bevor sie mit ihrem Mann 1986 nach Dublin zog und als freie Autorin zu arbeiten begann. Sie schreibt in deutscher und englischer Sprache. Seit 1998 veröffentlichte sie zahlreiche Romane, Theaterstücke und Kinderbücher. Zuletzt erschien ihr Roman „Seit jenem Moment“.

 

Fabelhafte Bücher: Jedes Jahr buhlen im deutschsprachigen Raum weit mehr als 100.000 Bücher in Neuauflage um die Aufmerksamkeit der Leser. Denken Sie über sowas nach, wenn Sie ein neues Buch in Angriff nehmen?

Nein, das wäre nur entmutigend. Wenn ich ein neues Buchprojekt entwickele, versuche ich, mich ganz und gar darauf zu konzentrieren.

Fabelhafte Bücher: Bestsellerlisten wie beispielsweise  die Spiegel-Bestseller-Liste waren immer schon heiß umstritten und doch orientieren sich nun mal viele Menschen an den Lesegewohnheiten anderer Leser. Wie stehen Sie zu solchen Bücherrankings?

Bestsellerlisten haben für mich keine Bedeutung. Bei meiner Buchauswahl orientiere ich mich an Rezensionen und den Empfehlungen von Freunden und Kollegen.

Fabelhafte Bücher: Schreibblockaden, Selbstzweifel oder einfach zu viel zu tun: Jeder Autor hat mal Durchhänger. Was ist Ihr Geheimrezept?

In solchen Situationen lasse ich den Text ruhen und gehe nach draußen. Äußere Bewegung setzt oft auch innerlich etwas in Gang. Außerdem hilft mir der Austausch mit Kollegen.

Fabelhafte Bücher: Ob Indieautor oder Verlagsautor – längst wird erwartet, dass Autoren auf ihre Leser zugehen. Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für diese Aktivitäten rund ums Buch ein?

Ich beantworte die Mails meiner Leserinnen und Leser, und ich habe eine Homepage, die ich regelmäßig aktualisiere. Ein bis zwei Stunden pro Woche reserviere ich für diese Aktivitäten.

Fabelhafte Bücher: Wenn Neulinge Sie nach einem Tipp fragen würden: Auf welches Marketinginstrument setzen Sie in erster Linie?

Als Verlagsautorin vertraue ich den Marketingstrategien meines Verlags Droemer Knaur. Einem Neuling würde ich empfehlen, sich so genau wie möglich über geplante Marketingmaßnahmen zu informieren und eigene Vorschläge einzubringen.

Fabelhafte Bücher: Von welchen Schriftstellern sehen Sie sich in Ihrem eigenen Werk beeinflusst? Wer inspiriert Sie?

Ich lese gern Romane, in denen verschiedene Zeitebenen miteinander verwoben werden und sich die Geschichte einer Figur nach und nach wie ein Mosaik erschließt. Uwe Johnsons „Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl“ ist für mich ein herausragendes Werk. – In den Romanen der beiden kanadischen Autoren Margaret Atwood und Michael Ondaatje gelingt die Verflechtung von Gegenwärtigem und Vergangenem ebenfalls sehr gut. – Vorbilder bezüglich der Themen Identität und Familie sind für mich amerikanische Erzähler wie Jonathan Franzen und Richard Ford, die in ihren Geschichten komplexe Psychogramme von Familien entwickeln.

Fabelhafte Bücher: Wieso werden von den großen Feuilletons, egal ob Spiegel, FAZ, ZEIT oder sonstigen Granden des Literaturbetriebs, immer nur die üblichen Verdächtigen rezensiert, die ohnehin jeder kennt? Wie könnte es gelingen, Newcomer stärker in den Vordergrund zu rücken?

Das ist extrem schwierig. Ein Newcomer hat in der Regel nur dann eine Chance, von den großen Feuilletons wahrgenommen zu werden, wenn sein Buch einen Preis gewinnt oder ein Überraschungserfolg wird. Die Feuilletons ihrerseits beklagen, dass ihnen immer weniger Platz für Rezensionen zur Verfügung steht. Ideal wäre es, wenn es eine Rubrik ‚Literarisches Debüt’ gäbe, in der regelmäßig Erstlingswerke vorgestellt würden.

Fabelhafte Bücher: Nach Ihren Erfahrungen – welche Anfängerfehler würden Sie im Nachhinein vermeiden – was können Sie Neulingen empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ein Buch zu schreiben?

Ich empfehle Neulingen, zunächst ihre Hauptfigur kennenzulernen, sich in ihr Leben hineinzuschreiben, um herauszufinden, wie sie sich verhält, wie sie denkt, wie sie fühlt, wie sie spricht. Für mich beginnt eine Geschichte immer mit einer Figur und nicht mit der Handlung. Es sind die Gefühle, die Gedanken, die Hoffnungen, die Träume und die Ängste einer Figur, die mich zu einer Geschichte führen.

Fabelhafte Bücher: Viele Schriftsteller tun sich beim Schreiben von Sex-Szenen ziemlich schwer. Gibt es Themen oder Situationen, bei deren Beschreibung Sie sich schwer tun?

Die Frage kann ich nicht allgemein beantworten. Wenn ich spüre, dass mir die Schilderung einer Szene schwerfällt, hat es meistens damit zu tun, dass mir der Inhalt nicht klar ist und ich die Bilder nicht vor mir sehe. Dann versuche ich zu ergründen, woran es liegt. Und manchmal stellt sich heraus, dass diese Szene, die ich vorab in meinem Szenenplan konzipiert habe, für meine Figuren und meine Geschichte gar nicht mehr relevant ist. Je weiter ein Projekt voranschreitet, um so mehr entwickeln die Figuren ein Eigenleben. Sie führen mich zu neuen, ungeahnten Szenen – etwas, was ich als sehr spannend empfinde.

Fabelhafte Bücher: Als heikel gelten auch politische Zuschreibungen, etwa Islamkritik oder Kritik an jüdischer Siedlungspolitik um nur zwei Beispiele zu nennen. Wie gehen Sie mit dem Thema um und welchen Umgang erwarten Sie sich von Autoren insgesamt zu dem Thema?

Wenn ein Roman in einem bestimmten politischen Kontext angesiedelt ist, erwarte ich als Leserin, dass die darin auftretenden Figuren sich zu diesem Thema äußern, dass sie Position beziehen und vielleicht widerstreitende Meinungen haben. Die politische Einstellung des Autors ist dabei nicht relevant, Hauptsache, die Figuren sind in ihrer Haltung überzeugend. – Als ich meinen Roman „Zeit der Wahrheit“ schrieb, der während der Anhörungen der Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika spielt, war es mir wichtig, so gründlich wie möglich zu recherchieren und eine Bandbreite von Reaktionen kennenzulernen, um eine möglichst authentisch wirkende Geschichte mit stimmigen Figuren entwickeln zu können. Das Entscheidende war für mich dabei immer das Erkenntnisinteresse meiner Hauptfigur und nicht meine eigene Meinung.

Fabelhafte Bücher: Wenn Sie schreiben – wie strukturieren Sie Ihren Tag? Schreiben Sie, wenn Sie gerade in Stimmung sind? Oder haben Sie sich feste Zeiten reserviert?

Ich sitze in der Regel morgens ab 9.30 Uhr an meinem Schreibtisch, beantworte Mails und beginne gegen 10 Uhr mit der Arbeit an meinem aktuellen Romanprojekt. Zunächst lese und überarbeite ich, was ich am Tag zuvor geschrieben habe. Dann denke ich über die nächsten Szenen nach, mache mir Notizen in meinem Szenenplan und fange an zu schreiben. Ab 14 Uhr gibt es eine längere Pause, in der ich draußen unterwegs bin. Von 16.30 Uhr bis etwa 20 Uhr schreibe ich wieder; dies ist meine produktivste Zeit.

Fabelhafte Bücher: Bitte verraten Sie uns etwas über Ihr aktuelles Projekt. Wovon soll Ihr nächstes Buch handeln, was können Sie schon verraten?

Bei meinem neuen Roman mit dem Titel „Fragen an die Nacht“ handelt es sich um die Geschichte dreier Generationen einer jüdischen Familie in Dublin: die Großmutter kam 1939 mit einem Kindertransport nach England (und weiter nach Nordirland). Sie hat nie über diese Erfahrung gesprochen. Am Ende ihres Lebens ändert sich dies, als ihre Enkelin beginnt, ihr Fragen zu stellen, Fragen, die ihre Tochter nie zu stellen wagte …

Fabelhafte Bücher: Wir  bedanken uns herzlich für das Gespräch.

 


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Weitere Hintergründe zur Autorin

Über Ferne Tochter hieß es in NDR Kultur: „Renate Ahrens erzählt (…) von Menschen, deren Leben aus den Fugen gerät, Menschen auf der Suche nach ihrer Identität, Menschen, die lernen müssen, sich in einer veränderten Welt zu behaupten.“

Das Werk von Renate Ahrens wurde mehrfach ausgezeichnet. Lesereisen führten sie durch Deutschland, Irland, die Schweiz und Nordamerika. Sie lebte 1996-97 in Kapstadt und 2002-03 in Rom, seitdem wieder in Dublin und Hamburg. Renate Ahrens ist Mitglied des P.E.N.-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland.

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