David Haskell: Das verborgene Leben des Waldes

Rezension von Annemarie

Inhalt

haskell naturbeobachtung waldesEin Quadratmeter Waldboden– mehr braucht es nicht, um darüber ein ganzes Buch zu schreiben. Der Biologieprofessor David Haskell hat sich einen Quadratmeter Wald im US-Bundesstaat Tennessee ausgesucht, ihn über einen Zeitraum von einem Jahr mehrmals im Monat besucht und seine Beobachtungen aufgeschrieben.

Die Kapitel umfassen jeweils vier bis zehn Seiten. Jedes Kapitel behandelt ein anderes Thema, etwa Moos und Zugvögel, aber auch Kettensägen, Vogelerwachen oder Alarmwellen, je nachdem was gerade Haskells Aufmerksamkeit erregt. All dies nimmt der Autor mit allen Sinnen und bis in alle Einzelheiten wahr und ergänzt es um weiterführende und interessante Informationen. So entsteht eine einzigartige Verknüpfung aus naturwissenschaftlicher Pragmatik und romantischer Poesie.

Zumeist beschreibt Haskell erst in allen Einzelheiten, was er sieht und wahrnimmt und gibt dann interessante Hintergrundinfos zu dem Beobachteten. In der Mitte des Buches sind 16 Seiten eingefügt, die voller Farbfotografien sind.

Rezension

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Neue wissenschaftliche Erkenntnisse beinhaltet dieses Buch nicht. Alles, was der Autor an wissenschaftlichen Erkenntnissen anbringt, ist bereits bekannt. Auch nach Spannung wird man vergebens suchen. Das Buch ist sehr ent-spannend, geradezu meditativ geschrieben – lebhafte Gemüter könnten es auch „langweilig“ nennen. Aber gerade das ist auch die Besonderheit des preisgekrönten Buches. Gestresste kann es wunderbar zur Ruhe bringen und auf die Grundlage des Lebens besinnen – die ursprüngliche Natur. Haskell beschreibt die kleinsten unauffälligen Wesen mit einer derartigen Faszination, dass man unweigerlich mitgerissen wird.

Ich muss zugeben: Moose und Farne waren für mich nie etwas Besonderes. So schien es mir auf den ersten Blick unbegreiflich, wie jemand ein ganzes Kapitel darüber schreiben kann. So war ich schon auf ein sehr langweiliges Kapitel gefasst. Aber weit gefehlt. All die wissenschaftlichen Hintergrundinfos, die der Professor gibt, weckten auch bei mir die Begeisterung für das bisher doch recht langweilig erscheinende Moos.

Wer aber die Natur liebt, wird auch dieses Buch lieben lernen. Es ist faszinierend, zu lesen, wie viel Leben und Schönheit allein schon in einem kleinen Quadratmeter Waldboden vorhanden sind. Um wieviel reicher muss dann die ganze Natur um uns herum sein! Dabei lehrt Haskell etwas ganz Wesentliches: Die Natur ist mit einer überwältigenden und komplexen Schönheit gemacht wurden, die jedem von uns lebenslange Begeisterung und auch Ehrfurcht entlocken muss – man muss die Schönheit nur sehen, bereit sein, sich ganz auf die Natur einzulassen und lernen, vorurteilsfrei zu beobachten und zu staunen.

Fazit

Wer ein spannendes Buch sucht, mit Poesie nicht viel anfangen kann und mit Natur vor allem die Stadttauben verbindet, die das eigene Auto vollkacken, sollte sich besser nach einer anderen Lektüre umsehen.

Wer sich aber als naturverbunden ansieht und eine entspannende Lektüre – möglicherweise auch als Ausgleich zum stressigen Berufs-/Familienleben sucht, wird mit diesem Buch eine wunderbar poetische Darstellung des Lebens finden.