Joachim Mahlke hat einen riesigen Adamsapfel, einen noch größeren Ehrgeiz und vor allem ein Problem: Er gehört nicht dazu. Also taucht er tiefer, leistet mehr und wird schließlich genau das, was die Gesellschaft seiner Zeit verehrt – ein hochdekorierter Soldat. Doch Günter Grass erzählt in „Katz und Maus“ nicht einfach vom Aufstieg eines verspotteten Außenseiters. Hinter Mahlke steht der Erzähler Pilenz, der Jahrzehnte später noch immer erklären möchte, was damals geschehen ist und welchen Anteil er selbst daran hatte. Daraus wird eine kurze, böse und erstaunlich vielschichtige Geschichte über Schuld, Männlichkeit und Heldenverehrung im Nationalsozialismus.

Der Junge mit der Maus am Hals

Joachim Mahlke ist Schüler des Danziger Conradinums und innerhalb seiner Clique ein Sonderling. Besonders auffällig ist sein ungewöhnlich großer Adamsapfel. Für die anderen Jungen wird dieser Kehlkopf zur „Maus“, die aus Mahlkes Hals hervortritt und die Blicke geradezu anzieht. Eines Tages setzt jemand – vermutlich der spätere Erzähler Pilenz selbst – eine junge Katze auf den schlafenden Mahlke. Die Katze springt nach der vermeintlichen Maus an seinem Hals. Aus diesem eigentlich banalen und zugleich grausamen Jugendstreich entwickelt Grass das zentrale Bild der gesamten Novelle.

Mahlke versucht seinen auffälligen Körper beständig zu kontrollieren. Er hängt sich allerlei Gegenstände um den Hals, zunächst weniger, um den Adamsapfel völlig zu verstecken, als um dessen Wirkung zu verändern. Gleichzeitig entwickelt er einen ungeheuren Ehrgeiz. Während die anderen Jungen schwimmen und herumalbern, wird Mahlke zum außergewöhnlichen Taucher. Besonders fasziniert ihn das Wrack eines versunkenen Minensuchbootes vor der Danziger Küste. Während seine Mitschüler nur Teile des Schiffes erreichen, dringt Mahlke immer weiter in das Wrack ein und richtet sich schließlich sogar einen geheimen Rückzugsort darin ein.

Seine Leistungen verschaffen ihm Bewunderung, beseitigen seine Außenseiterstellung aber nicht. Genau darin liegt ein entscheidender Punkt. Mahlke kann schwimmen, tauchen, turnen und Risiken eingehen wie kein anderer. Er kann die Gruppe beeindrucken, wird dadurch aber nie selbstverständlich Teil von ihr. Leistung löst sein eigentliches Problem nicht.

Dann erlebt Mahlke, wie ehemalige Schüler des Conradinums nach militärischen Erfolgen an ihre alte Schule zurückkehren. Als Ritterkreuzträger dürfen sie vor den Schülern auftreten und werden von Lehrern und Schulleitung wie Helden empfangen. Grass macht aus diesen Szenen keine großen politischen Vorträge. Gerade die Mechanik der Anerkennung ist viel aufschlussreicher: Wer militärisch erfolgreich tötet, darf zurückkehren, auf der Bühne stehen und bekommt den Beifall, nach dem Mahlke seit Jahren sucht.

Das Ritterkreuz wird damit zu Mahlkes nächstem Ziel. Nicht zuletzt passt es perfekt über jene Stelle seines Körpers, die ihn seit seiner Jugend zum Außenseiter gemacht hat. Grass vermeidet bewusst ehrfürchtige Bezeichnungen und nennt den Orden immer wieder „Ding“, „Bonbon“ oder „Artikel“. Aus dem nationalsozialistischen Heldensymbol wird ein Stück Metall zum Umhängen.

Bevor Mahlke sich sein eigenes Ritterkreuz verdienen kann, stiehlt er während eines Schulbesuchs die Auszeichnung eines hochdekorierten Offiziers. Er wird von der Schule verwiesen. Später zieht er selbst in den Krieg, wird Panzerkommandant und erreicht tatsächlich das Ziel, das er sich gesetzt hat: Er erhält das Ritterkreuz für militärische Leistungen. Doch als er auf Heimaturlaub nach Danzig kommt und nun wie die Helden vor ihm an seiner alten Schule sprechen möchte, verweigert ihm Direktor Klohse den Auftritt. Der frühere Diebstahl ist nicht vergessen.

Das ist die grausame Pointe seines Aufstiegs. Mahlke hat genau jene Leistungen erbracht, die seine Gesellschaft verlangt. Er besitzt nun sogar das Symbol, mit dem diese Gesellschaft ihre Helden schmückt. Und trotzdem gehört er noch immer nicht dazu. Wie Mahlkes Geschichte endet, sollte man beim ersten Lesen besser nicht vorher wissen. Entscheidend ist weniger die äußere Auflösung als die Rolle, die Pilenz dabei spielt.

Pilenz erzählt – und Pilenz hat ein Problem

Der eigentliche Kunstgriff von „Katz und Maus“ ist nämlich nicht Mahlke, sondern der Erzähler Heinrich Pilenz. Jahre nach dem Krieg rekonstruiert er die gemeinsame Jugend. Er erzählt über Mahlke, spricht ihn aber immer wieder direkt mit „du“ an, als sei der verschwundene Freund noch anwesend. Schon dadurch wird deutlich, dass diese Vergangenheit keineswegs abgeschlossen ist.

Pilenz bewundert Mahlke, schämt sich für ihn, beneidet ihn, verspottet ihn und sucht ständig seine Nähe. Er behauptet, Mahlkes Freund gewesen zu sein, beteiligt sich aber zugleich an dessen Demütigungen. Das Verhältnis hat etwas beinahe Zwanghaftes. Mahlke selbst braucht Pilenz kaum; Pilenz dagegen bekommt Mahlke nicht aus dem Kopf.

Besonders schön zeigt Grass das bereits in der Szene mit der Katze. Pilenz erzählt zunächst verschiedene Möglichkeiten: Vielleicht sei die Katze selbst gesprungen, vielleicht habe einer der Jungen sie hochgehoben, vielleicht sei er es gewesen. Später wird deutlicher, dass er selbst die Katze auf Mahlke gesetzt hat. Das Entscheidende ist dabei nicht, Pilenz als simplen Lügner zu entlarven. Seine Erinnerung arbeitet vielmehr sichtbar. Er nähert sich seiner eigenen Verantwortung an, entfernt sich wieder davon und versucht, das Geschehene in eine Form zu bringen, mit der er leben kann.

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Damit geht „Katz und Maus“ weit über die individuelle Freundschaftsgeschichte hinaus. Pilenz erzählt wie jemand aus einer Generation, die nach 1945 immer wieder fragen musste: Was habe ich getan? Was habe ich gewusst? Wo war ich nur Zuschauer? Was hätte ich anders machen können? Und an welcher Stelle beginne ich beim Erzählen bereits, mich selbst zu entlasten? Die Forschung hat deshalb mit Recht davor gewarnt, Pilenz einfach als klassischen unzuverlässigen Erzähler abzuhaken. Vieles, was er erzählt, dürfte durchaus stimmen. Unsicher ist vor allem seine Bewertung der eigenen Rolle. Genau das ist interessanter. Pilenz verfälscht weniger die Welt als seine Position innerhalb dieser Welt.

Kompensation – ja, aber wofür eigentlich?

Der alte Kernbegriff „Kompensation“ bleibt für Mahlke richtig. Sein hervorstehender Adamsapfel markiert ihn als körperlichen Außenseiter, und er versucht offenbar, diese vermeintliche Schwäche durch außergewöhnliche Leistungen auszugleichen. Aber Grass macht daraus mehr als eine psychologische Fallstudie über einen Jungen mit Minderwertigkeitskomplex.

Denn Mahlkes Umwelt sagt ihm ständig, welche Art von Leistung Anerkennung verdient. Zunächst gewinnt er Aufmerksamkeit durch Sport und Mut. Dann zeigt ihm die Schule, dass militärisches Heldentum noch höher bewertet wird. Der Außenseiter passt sich deshalb nicht einfach einer beliebigen Gruppe an; er nimmt die Werte einer Gesellschaft ernster als die meisten anderen.

Gerade darin liegt die Bosheit der Novelle. Mahlke ist in gewisser Weise der konsequenteste Schüler seiner Zeit. Die Erwachsenen feiern Ritterkreuzträger, also wird er Ritterkreuzträger. Die Schule predigt Opfer, Pflichterfüllung und Heldentum, also erfüllt er diese Anforderungen bis zur Selbstzerstörung. Trotzdem wird ihm die ersehnte Anerkennung verweigert.

Das lässt sich sogar noch weiter treiben: Mahlke hat ein bemerkenswert starkes katholisches Glaubensleben. Er verehrt die Jungfrau Maria, hält an religiösen Ritualen fest und bewegt sich damit zwischen zwei Wertsystemen, die in der Novelle nebeneinanderstehen – katholischer Moral und nationalsozialistischem Soldatenkult. Grass behandelt beide Institutionen ausgesprochen respektlos. Kirche und Schule reden von Tugend, Reinheit, Opfer und Verantwortung; die Jugendlichen erleben währenddessen Sexualität, Konkurrenz, Gewalt und Krieg. Mahlke sucht Regeln, die ihm sagen, was er tun muss, um akzeptiert zu werden. Sein Unglück besteht darin, dass er diese Regeln ernster nimmt als diejenigen, die sie aufstellen.

Heldentum als ein Stück Blech

Grass‘ Umgang mit dem Ritterkreuz löste bei Erscheinen der Novelle erhebliche Empörung aus. Das ist aus heutiger Perspektive fast ebenso interessant wie der Text selbst. Der Orden erscheint nicht als ehrwürdiges Zeichen soldatischer Tapferkeit, sondern als Gegenstand, der herumgereicht, gestohlen, bestaunt und vor allem vor einen übergroßen Adamsapfel gehängt werden kann.

Die Entzauberung funktioniert gerade deshalb, weil Grass keine theoretische Abhandlung über Militarismus schreibt. Er macht die Auszeichnung klein. Das Ritterkreuz wird zum „Ding“. Und sein Wert entsteht nicht aus dem Metall, sondern aus dem gesellschaftlichen Ritual darum herum: Ein Mann trägt es, eine Schule lädt ihn ein, Erwachsene halten pathetische Reden, Jungen bestaunen ihn – und plötzlich weiß Mahlke, wie Anerkennung hergestellt wird.

Die Sprache der Autoritäten behandelt Grass ähnlich. Direktor Klohse und andere Erwachsene reden in Phrasen, die teilweise zu Wortgebilden zusammenschmelzen. Diese Sprache klingt feierlich und ist gleichzeitig leer. Grass stellt ihr die grobe, körperliche, sexuelle Sprache der Schüler gegenüber. Das ist keineswegs immer angenehm zu lesen, aber literarisch sinnvoll. Der offizielle Sprachraum spricht von Heldentum und Opferbereitschaft; der inoffizielle besteht aus Körpern, Konkurrenz, Angst und Onanie.

Damit wird „Katz und Maus“ auch zu einer Geschichte darüber, wie Jugendliche in einen Krieg hineinwachsen. Niemand muss Mahlke in einem großen ideologischen Gespräch vom Nationalsozialismus überzeugen. Eine Gesellschaft zeigt ihm einfach, wer auf der Bühne stehen darf.

Sexualität und Männlichkeit: gerade deshalb provozierte das Buch

Ein Teil der frühen Empörung konzentrierte sich weniger auf Grass‘ Kritik am Heldentum als auf die Sexualität. Die Jungen vergleichen ihre Körper, masturbieren gemeinsam und machen aus ihrer Sexualität eine weitere Disziplin des Leistungsvergleichs. Mahlke fällt auch dort durch körperliche Besonderheit auf.

Die berüchtigte „Onanierolympiade“ wirkt heute vermutlich weniger skandalös als 1961. Geschmackvoll ist sie nicht unbedingt, soll sie aber auch nicht sein. Jugend forscht… das ist nichts Neues. Grass erzählt männliche Jugend gerade nicht rückblickend als schöne Zeit aus Kameradschaft und ersten unschuldigen Abenteuern. Diese Jungen beobachten, messen, beschämen und übertrumpfen einander. Körperliche Entwicklung wird zum Wettbewerb. Damit verbindet sich das sexuelle Motiv unmittelbar mit dem späteren Soldatentum. Die Jungenwelt funktioniert bereits nach Rangordnungen, Mutproben und Leistungsnachweisen. Der Krieg bietet dafür nur die gesellschaftlich geadelte Fortsetzung. Aus sportlichen Rekorden werden Abschusszahlen, aus dem bewunderten Taucher wird der ausgezeichnete Panzerkommandant.

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Das ist eine der stärksten Leistungen des Buches. Grass muss nicht erklären, wie Militarismus funktioniert. Er lässt dieselben Verhaltensmuster nur langsam ihren Gegenstand wechseln.

Der Titel: Wer ist eigentlich Katze und wer Maus?

Das offensichtlichste Katz-und-Maus-Bild liefert Mahlkes Adamsapfel. Die Katze hält ihn für eine Maus und springt nach seinem Hals. Doch damit ist das Motiv erst eröffnet. Pilenz und Mahlke spielen ebenfalls Katz und Maus miteinander. Pilenz verfolgt Mahlke, beobachtet ihn und sucht seine Nähe. Gleichzeitig ist Mahlke die stärkere und faszinierendere Figur. Später wird Pilenz von der Erinnerung an ihn verfolgt. Derjenige, der einmal die Katze angesetzt hat, wird nun selbst vom verschwundenen Mahlke gejagt.

Auch zwischen Mahlke und der Gesellschaft besteht dieses Verhältnis. Er jagt nach Anerkennung; sobald er sie beinahe erreicht hat, zieht sie sich zurück. Das Ritterkreuz scheint die endgültige Lösung zu sein, wird aber nutzlos, sobald die Schule ihm die Bühne verweigert. Das Bild ist gerade deshalb stark, weil sich die Rollen nicht dauerhaft verteilen lassen. Katze und Maus wechseln. Täter können sich als Opfer erinnern, Außenseiter können versuchen, selbst zu Helden eines verbrecherischen Systems zu werden, Freunde werden zu Verrätern und Überlebende werden von den Toten verfolgt.

Seit 2006 liest sich Pilenz noch einmal anders

Als Grass 2006 öffentlich machte, dass er als Siebzehnjähriger der Waffen-SS angehört hatte, musste zwangsläufig auch seine frühere Literatur neu betrachtet werden. „Katz und Maus“ spielt in der Welt, in der Grass selbst aufgewachsen war; das Conradinum gab es tatsächlich, und Grass war dort Schüler. Wie seine Figuren erlebte er die Verführungskraft militärischer Ideale und ging als Jugendlicher in den Krieg.

Daraus sollte man keine simple Schlüsselgeschichte machen. Pilenz ist nicht Günter Grass und Mahlke ebenfalls nicht. Grass hatte sich nicht zum Panzerhelden und Ritterkreuzträger hochgedient; seine eigene Kriegsgeschichte verlief anders. Es wäre literaturwissenschaftlich zu bequem, in jeder Schuldformulierung bereits ein verkapptes Geständnis zur Waffen-SS erkennen zu wollen.

Ganz bedeutungslos ist das spätere Wissen aber ebenfalls nicht. Schon 1961 schreibt Grass über einen Überlebenden, der Jahrzehnte später versucht, die eigene Jugend unter dem Nationalsozialismus zu erzählen, dabei Verantwortung verteilt und an der Frage hängenbleibt, welchen Anteil er selbst am Schicksal eines anderen hatte. Dass Grass über einen wichtigen Teil seiner eigenen militärischen Vergangenheit damals öffentlich noch schwieg, macht diese Konstellation heute unweigerlich interessanter. Vielleicht sollte man gerade daraus keine endgültige Deutung ableiten. „Katz und Maus“ funktioniert auch ohne biografischen Schlüssel. Aber nach 2006 ist schwer zu übersehen, wie nah Grass bereits 1961 an einem Thema schrieb, das ihn selbst später einholen sollte: Man kann hervorragend über Erinnerung und Verdrängung schreiben und trotzdem blinde Flecken in der eigenen Geschichte behalten.

Rezension: kleiner als die „Blechtrommel“, aber konzentrierter

„Katz und Maus“ steht zwangsläufig im Schatten der zwei Jahre zuvor erschienenen „Blechtrommel“. Das ist einerseits gerecht. Die „Blechtrommel“ ist größer, wilder, sprachlich erfindungsreicher und als Roman von wesentlich größerer literaturgeschichtlicher Bedeutung. Andererseits hat die Beschränkung von „Katz und Maus“ einen Vorteil: Grass kann sich hier nicht so leicht in seinem eigenen Einfallsreichtum verlieren.

Die Novelle ist straffer, düsterer und in ihrer Grundkonstellation klarer. Mahlke ist eine großartige Figur, weil man ihm gleichzeitig nah und fern bleibt. Seine Anstrengungen sind grotesk, aber nicht lächerlich. Er möchte nichts besonders Ungewöhnliches: Er will respektiert werden. Nur lebt er in einer Gesellschaft, deren höchste Form der Anerkennung gerade an erfolgreiche Kriegsteilnahme gebunden ist.

Noch interessanter ist Pilenz. Seine Stimme macht aus einer relativ einfachen Außenseitertragödie einen Text über Erinnerung. Man liest nicht nur, was mit Mahlke geschehen ist, sondern beobachtet gleichzeitig, wie ein anderer Mensch Jahrzehnte später versucht, diese Geschichte zu besitzen, zu ordnen und vielleicht auch auszuhalten. Grass kann dabei allerdings anstrengend sein. Seine Lust am Grotesken, Körperlichen und Obszönen ist deutlich vorhanden. Wer mit der „Blechtrommel“ schon bei Pferdekopf und Brausepulver genug hatte, wird auch hier nicht plötzlich einen diskreten Thomas Mann vorfinden. Manche sexuelle Provokation besitzt heute zudem weniger Sprengkraft als 1961 und kann deshalb auffälliger konstruiert wirken.

Sprachlich ist die Novelle dagegen oft hervorragend. Grass macht aus Wiederholungen, Spitznamen, Floskeln und körperlichen Details ein eigenes rhythmisches System. Besonders wirkungsvoll ist die Reibung zwischen offizieller Sprache und Schülerjargon. Die Erwachsenen produzieren bedeutungsschwere Sätze; die Jugendlichen wissen längst, dass die Wirklichkeit körperlicher und schmutziger ist.

„Katz und Maus“ ist deshalb vielleicht der beste kurze Einstieg in Grass. Die Novelle enthält fast alles, was sein frühes Werk ausmacht: Danzig, Nationalsozialismus, katholisches Milieu, Körperlichkeit, Schuld, groteske Bilder, unzuverlässige Erinnerung und Misstrauen gegenüber Autoritäten. Aber sie verlangt keine siebenhundert Seiten.

Und sie hat einen entscheidenden Vorteil gegenüber vielen typischen Schullektüren: Nach der Interpretation bleibt noch etwas übrig. Man kann den Adamsapfel als Symbol, das Ritterkreuz als Kompensationsobjekt und Pilenz als problematischen Erzähler analysieren – und trotzdem ist nicht abschließend geklärt, warum Pilenz Mahlke so sehr braucht oder wie viel Verantwortung er tatsächlich trägt. Gute Literatur über Schuld liefert eben selten eine saubere Abrechnung.

Infos zu „Katz und Maus“

  • Erschienen: 1961
  • Gattung: Novelle
  • Danziger Trilogie: zweiter Teil zwischen „Die Blechtrommel“ von 1959 und „Hundejahre“ von 1963
  • Schauplatz: Danzig während des Zweiten Weltkriegs
  • Erzähler: Heinrich Pilenz, der rückblickend von Joachim Mahlke erzählt
  • Conradinum: Die Schule gab es tatsächlich; Günter Grass war selbst Schüler dort.
  • Zensurdebatte: Wegen der sexuellen Passagen wurde bei der Bundesprüfstelle eine Indizierung beantragt. Der zuständige hessische Minister ließ den Antrag 1963 zurückziehen.
  • Verfilmung: 1967 unter der Regie von Hans-Jürgen Pohland
  • Fun Fact Verfilmung: Den jüngeren und älteren Mahlke spielten Lars und Peter Brandt, die Söhne Willy Brandts.
  • Für die Schule: „Katz und Maus“ gehört bis heute zu den häufig behandelten Werken der deutschen Nachkriegsliteratur und steht auch auf unserer Übersicht zur Oberstufenlektüre.