Herta Müller: „Mein Vaterland war ein Apfelkern“

Eine Rezension von Amir Junuzović

Gefangen in einer verlorenen Welt.

herta müller apfelkernGeboren im Jahre 1953 in Nitzkydorf (Rumänien) wusste schon die kleine Herta, dass sie nicht gerade ein einfaches Leben führen wird. Verankert in einem rumänischen Dorf, das seitens des damaligen Regimes keinen Freiraum für jede Art der Kunst, des freien Denkens und jeglicher Art der Umwandlung und Verwirklichung der Träume – falls sie nicht schon während der Kindheit von den monströsen gesellschaftlichen Normen getilgt wurden – gestattete, wuchs sie auf. Man lebt, so wie es einem gesagt wird, man wächst auf, so wie es von einem erwartet wird und man macht das, was einem gesagt wird. So sah es auch im damaligen Rumänien aus, so sieht es aus meiner Sicht auch ähnlich heutzutage in nicht wenigen Staaten Südosteuropas aus!

Von der Kuhhirtin zur Nobelpreisträgerin

Hertha Müller erzählt über sich und resümiert die Eindrücke, die Ihr Leben geprägt haben. Sie erzählt in dem Gespräch mit Angelika Klammer alles: Sie spricht über das Dorf, wo sie aufgewachsen ist, im deutschsprachigen Banat in Rumänien, sie erzählt aus Ihrem monotonem Leben, von dem ständigen Abwechseln zwischen einem Leben ohne größeren Sinn und dem Tod, der sowieso auf einen zukommt. Sie erwähnt die Gründe, die sie als Person geprägt haben und sie dazu motivierten, das zu sein, was sie jetzt ist – eine Nobelpreisträgerin! Sie spricht detailliert über die Verhältnisse zum Regime, zu der Securitate und wie sie nach Deutschland kam – alles, was jemals einen Menschen über die Nobelpreisträgerin interessieren haben könnte, wird hier, auf 208 Seiten, schwarz auf weiß präsentiert.

Autobiografische Poetik

Jedoch ist nicht nur der alleinige Inhalt, wie es auch bei einem Werk mit literarischem Wert sein sollte, von Bedeutung, sondern auch die Poesie der Worte, mit der uns Herta in Ihrem Antworten verblüfft – so elegant, so eindringlich und doch so zart und zerbrechlich las sich niemals ein Werk, das mehr oder weniger autobiografisch ist. Genau nach Ihrer Art führte Sie auch dieses Gespräch – weshalb wir Ihr auch dankbar sind! Es liest sich ziemlich schwer, sicherlich ist dieses Werk nichts für den „Normalverbraucher“, sondern nur für spezifische Leser, die sich mehr mit den Machtverhältnissen in Osteuropa in den 50er Jahren beschäftigen wollen oder eben die Art von Leser, die von den Werken der Nobelpreisträgerin verzaubert sind und noch mehr erfahren möchten! Für diese Leser ist dieses Buch reines Gold!

Fazit

Erstaunt lies ich das Buch fallen, schaute durch mein Fenster und bemerkte die Maisfelder und fragte mich, ob ich denn…. nein! Unmöglich, diese Zeit ist, hier – im Ex-Jugoslawien, schon vorüber! Oder vielleicht auch nicht?

Die Frage könnte man sich öfter stellen, aber wo auch immer man hinschaut, sieht man die Unterdrückung der Menschen und die Scheindemokratie des 21. Jahrhunderts – es stellt sich die Frage, ob wir denn nicht lieber alle ein bisschen „Herta“ sein könnten?


Meine Bewertung:  (O – war grausam!! 10- exzellentes Buch!!)
Historischer Wert: 0-10: 7
Spannung: 0-10: 6
Lesefreude: 0-10: 5
Muss-man-gelesen-haben: 0-10: 5

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