Juan Carlos Onetti – „Das kurze Leben“

Rezension von Noel

Juan Carlos Onetti – Das kurze Leben (1950)

Zum Autor

Juan Carlos Onetti ist 1909 in Montevideo, der Hauptstadt Uruguays geboren. Zu Lebzeiten hielt er sich abwechselnd in Buenos Aires und Montevideo auf, bis er 1974 während der Militärdiktatur ins Gefängnis musste,  weil er zu einer Jury gehörte die eine Kurzgeschichte von Nelson Mandela auszeichnete. Nach seiner Haftstrafe ging er 1975 nach Madrid, wo er 1994 starb.

Onetti gilt als Mitbegründer des modernen Romans in Südamerika und erhielt mehrere Literaturpreise.

Inhalt

Juan Maria Brausen ist ein 40-jähriger Werbetexter aus Buenos Aires. Er führt ein langweiliges und monotones Leben. Er ist verheiratet mit einer Frau, dessen Brust amputiert wurde er kann sie einfach nicht mehr lieben. Brausen charakterisiert sich selber so: „Mittlerweile bin ich dieser kleine, schüchterne, unveränderliche Mann, verheiratet mit der einzigen Frau die ich verführt habe oder die mich verführt hat, außerstande, nicht nur ein anderer zu sein, sondern auch die Willenskraft zu haben, ein anderer zu sein“ (S. 59)

Brausen beginnt ein Drehbuch zu schreiben und erfindet neue Charaktere die ein gänzlich anderes Leben führen als er selbst. Gewalt, Prostituierte und Drogen  prägen das Leben. Spannend, liebevoll, leidenschaftlich. Er nimmt nach und nach diese Identitäten an versinkt immer tiefer in ihnen….

Rezension

Juan Carlos Onettis Roman wurde von der Süddeutschen Zeitung in die 50 großen Romane des 20. Jh. aufgenommen. Hört sich beeindruckend an. Ich fing gespannt an zu lesen. Der Einstieg war recht schwierig, aber da wusste ich nicht wie kompliziert dieses Buch noch wird…
Onetti schafft mehrere Charaktere und Handlungsstränge, so dass man leicht den Überblick verliert. Mitten im Satz wechseln die sprechenden Personen. Der Protagonist, Brausen, antwortet mal für sich selbst mal für einen der Identitäten die er erschaffen hat. Das Ganze stellt den Leser vor ein ständiges Mitdenken und dadurch offenbart sich die größte Schwäche des Buches … oder vielleicht doch die Stärke? Auf den einen mag es zu anstrengend wirken, aber das macht die Faszination dieses Buches aus. Realität und Fiktion vermischen sich immer mehr. Man kann sich darin verlieren, wie der Protagonist in seinem Drehbuch.

Beeindruckt hat mich die Sprache und Metaphorik. Auf teilweise endlosen Seiten finden Dialoge statt, besonders zwischen Brausen und seinem Kollegen Stein, die eine hohe Intensität besitzen, gepaart mit einer abstrakten Metaphorik. Ich muss zugeben, das hat mich dazu bewegt dieses Buch zu Ende zu lesen. Ein kleines Beispiel: „Es ist so schwierig zu erreichen, denn das Wichtigste, die unendlichen Dinge sind noch einfacher, fast fremd.“ (S. 145) oder „Du wirst das Glück erobern, doch nicht das sinnlose Glück, sondern ein anderes, aus Pflicht und Liebe gemachtes.“ (S. 253) Diese, wie ich finde, gelungen Sätze, die noch nicht mal im Kontext stehen müssen um die Bedeutung zu erschließen machen diesen Roman aus!

Fazit

„Ein zu wenig gelesener Autor“ – Gustav Seibt, steht hinten auf dem Buch. Das kann ich durchaus nachvollziehen. Das Buch ist ein Extremfall. Es ist komplex und schwer verständlich und besitzt nicht immer eine zusammenhängende Handlung. Wer jedoch mit dem Lesen durchhält, wird mit einer Achterbahnfahrt des Lebens belohnt.

Infos

Verlag: Süddeutsche Zeitung| Bibliothek 2004
ISBN: 978-3937793122
346 Seiten

 

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